Berliner Forum Wissenschaft und Innovation für unsinnig halten, alles anbieten zu wollen, was zum Kanon einer Universität gehört. Das organisatorische System des Fernstudiums an der Fern-Universität garantiert aber auch, mit Seminaren, Praktika und StudienzentrumsAngeboten solchen Flaschenhälsen im Prinzip zu begegnen. Lernzielgrenzen sind eigentlich Grenzen des Curriculums. In der Frühzeit des Fernstudiums wurde auch die Vorstellung vertreten, Fernstudienangebote seien geeignete Maßnahmen um dringenden Weiterbildungsbedarf(z. B. Neue Mathematik an Schulen) abzudecken. Hier wurde die„Feuerwehrfunktion des Fernstudiums“ hervorgehoben. Wichtige Grenzerfahrung bei solchen Projekten ist die Verfügbarkeit von geschultem, eingearbeitetem Personal, welches die Betreuung und die Prüfungen durchzuführen hätte. Dieser inhaltliche Flaschenhals tritt auch bei dem Projekt Virtuelle Universität zu Tage: Die Anzahl des zur Verfügung stehenden Personals, dass die erforderlichen Qualifikationen besitzt, ist stark begrenzt. Ein Ausweg ist hier auch noch lange nicht in Sicht: Absolventen heute sind zwar schon in der Lage mit den neuen Medien als Konsumenten umzugehen, aber das bedeutet noch nicht, dass sie auch die entsprechenden Qualifikationen besitzen, um diese herzustellen, zu pflegen und innovativ weiterzuentwickeln. • Grenzen bei der Kontrolle der Lernwegbegleitung Das Herzstück des Fernstudiums, die LernwegBegleitung, setzt voraus, dass Kontaktmöglichkeiten in beide Richtungen aktiv bestehen. Die Fern-Universität hat immer großen Wert darauf gelegt, dass Studierende in ihren Kursen auch Ansprechpartner finden. Der Flaschenhals der Betreuung in der Phase der Bearbeitung des Studienmaterials war aber schon immer der Hauptgrund für vorzeitigen Studienabbruch. Das sind auch die Erfahrungen anderer FernUniversitäten und daran wird sich auch solange nichts ändern, wie die Aktivität ausschließlich vom Lernenden ausgehen muss:„Wer Probleme hat, soll sich melden“. Lernwegbegleitung funktioniert aber im Direktstudium unter der Oberfläche des Seminars, des Kurses. Hier ist es durchaus üblich, schon bei kleineren Missverständnissen seitens des Lehrenden einzugreifen. Auch wird der Lernfortschritt gefestigt, wenn Studierende aufmerksam Interaktionen zwischen Lehrenden und anderen Lernenden verfolgen können( witness-learning). Natürlich kann man solche di64 daktischen Phänomene auch mit neuen Medien generieren, zumindest aber, wenn sie vorkommen, beobachten. Wenn in der Definition des Fernstudiums- wie an der Fern-Universität üblich- die individuelle Betreuung beim Lernen dazugehört, dann kann man empirisch feststellen, dass hier ein wichtiger Flaschenhals besteht und sich noch verengen wird je nach Arbeitsbelastung der betreuenden Mitarbeiter. Es ist unsinnig anzunehmen, dass im Fernstudium, nur weil es neue Medien gibt, die Betreuungsrelation zwischen Lernenden und Betreuenden anders ausfallen kann als im Direktstudium. Auch die neueren Entwicklungen wie z.B. web-assign erlauben nicht den Schluss, dass grundsätzlich mehr Studierende verantwortlich„durchgeschleust“ werden können als im Direktstudium; bestenfalls kann die Qualität des Lernweges besser organisiert werden. Dies wird aber nicht zum Unterscheidungskriterium zwischen Fern-Universität und„normaler“ Hochschule. • Grenzen bei der Beobachtung von Praxis Wenn das Ziel der Studienreform bestehen bleibt, die Praxis mehr zu berücksichtigen, dann könnte auch die Kontrolle und Bewertung abgeschlossener Lernprozesse anhand von „Praxis“ in der letzten Phase des Studiums organisatorisch eingebunden werden. Es ist ausgesprochen selten und wird meist nur in Weiterbildungsangeboten systematisch berücksichtigt, dass echte Praxis im Studium vorkommt. Geschieht dies aber systematisch, dann bricht einer der wichtigen drop-out Flaschenhälse weg: Betrachtet man die organisatorische Form des Modellprojektes Sonderpädagogik, dann weiß man sofort, dass der Aspekt des Lernens( meaningful learning), der den Lernenden mit der Praxis verbindet, so eminent wichtig ist.„Heute gelernt und morgen angewendet“ ist das Erfolgsrezept. Ein von der Fern-Universität durchgeführter Modellversuch konnte drop-out- Quoten von nur 15% produzieren. Im übrigen entspräche solch ein Vorgehen in der Weiterbildung durchaus auch der Mentalität, kurze, präzise Kurse anzubieten, wie fast food. Man mag trefflich streiten, ob eine Universität sich solchen Überlegungen öffnen sollte. Der drop-out Flaschenhals zwingt aber dazu. • Grenzen bei Prüfungen Die Prüfungskapazität lässt sich wie an Präsenzhochschulen berechnen. Es spricht auch einiges dafür, mit diesem Flaschenhals beson-
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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
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