84 Diese Situation wirkt sich besonders positiv auf die Verhandlungsmacht der Lohnabhängigen aus: Die Lohnquote steigt bis etwa 2016 gegenüber Szenario A deutlich an(vgl. Schaubild 8). Im Modellzusammenhang wird nun Folgendes abgebildet: Im Zuge des Entstehens einer „Golden-Age“-Situation mit sehr hohen Nettoreallöhnen können es sich die Beschäftigten zunehmend leisten, ihr Arbeitsangebot aufgrund der verteilungspolitisch gelockerten Budgetrestriktionen stärker an ihre individuellen Freizeitpräferenzen anzupassen bzw. das zum Zwecke des Gelderwerbs auf dem Arbeitsmarkt angebotene Zeitbudget einzuschränken. Jeder hat in dieser Situation die Möglichkeit,„good jobs“ zu finden und die Arbeitszeit relativ frei zu wählen. Nicht abgesicherte geringfügige Beschäftigungsverhältnisse werden in Zeiten der Vollbeschäftigung wieder typische Zuverdienstjobs für Schüler, Studenten und Rentner(„Zeitungsausträger“ statt zerlegter Vollzeitjobs). In der Folge sinkt der prognostizierte Zuwachs der Erwerbstätigenproduktivität insgesamt gegenüber dem Basisszenario leicht(Tabelle 3). Allerdings reagieren die Unternehmen wie in den 1960er/70er Jahren und so auch im Modellzusammenhang auf diese für die Beschäftigten„paradiesische“ Situation. Durch stark steigende Löhne und die zusätzliche Verknappung des Arbeitsangebots werden die Anstrengungen der Unternehmen verstärkt, die Arbeitsorganisation zu verbessern und den Anteil arbeitssparender Rationalisierungsinvestitionen am Investitionsbudget zu erhöhen. Diese Gegenreaktion erhöht die Stundenproduktivität des Szenarios B gegenüber Szenario A im Schnitt um 1 Prozentpunkt. Mit der Stundenproduktivität steigt implizit auch die Erwerbstätigenproduktivität je Vollzeitbeschäftigten gegenüber Szenario A deutlich an. Die geschilderten Prozesse erhöhen die Unternehmensgewinne und bewirken einen moderaten Rückgang der Lohnquote gegenüber Szenario A(vgl. Schaubild 8), allerdings verbunden mit einem deutlich höheren Nettoeinkommensniveau infolge der stark sinkenden Sozialbeitragslast. Die stark steigende Lohnsumme verbessert trotz der simulierten Einkommensteuerentlastung die Relation des öffentlichen Haushaltssaldos zum Bruttoinlandsprodukt erheblich(vgl. Schaubild 12). Infolge der stärkeren Steuerfinanzierung und der zusätzlichen Beschäftigung kann der aggregierte Sozialversicherungssatz zwar zusätzlich gesenkt werden. Diese Effekte werden jedoch deutlich konterkariert durch die infolge der positiven Lohnentwicklung stark steigenden Renten. Der so induzierte Anstieg der Renten, deren Bezieher überwiegend dem untersten Quintil zuzurechnen sind, begünstigt zusätzlich eine gleichmäßigere Einkommensverteilung.
Druckschrift
Szenarioanalyse zur Zukunft des sozialen Deutschland : Langfassung einer Studie eines Teams [...] Econometrics im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung
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