POLITISCHE EINSTELLUNGEN ZU FINANZPOLITIK, STEUERN UND GERECHTIGKEIT 15 die Mehrheit der Aussage zu, dass der Staat nicht mit Geld umgehen kann – besonders deutlich aufseiten der FDP-Wähler_innen mit 65 Prozent sowie der AfD-Wähler_innen mit 84 Prozent. Die Kritik am staatlichen Umgang mit Geld ist auch in den Fokusgruppen einer der zentralen Gründe, weshalb der Blick auf die Ausgabenseite leichter fällt als eine Diskussion um veränderte Einnahmen(ob durch Schulden oder Steuererhöhungen). Hieran wird abermals deutlich, wie wichtig es ist, das Wissen und Verständnis finanzpolitischer Zusammenhänge bei den Menschen zu erweitern, um überhaupt deutlich machen zu können, dass die Herausforderungen der Zukunft nicht mit den derzeit existierenden Einnahmequellen des Staats finanziert werden können. Die Kritik und die Problematisierung vor allem der Ausgabenseite des Staats zeigt wiederum, dass die Einnahmenseite nur insofern in der Debatte vorkommt, als der Status quo als ausreichende Gegebenheit zur Finanzierung des Gemeinwohls hingenommen wird. Die größten Herausforderungen sind nicht automatisch auch Investitionsbereiche Investitionsbedarfe werden gesehen Wenn nicht offen, sondern mit vorgegebenen Antwortkategorien gefragt wird, in welchen Bereich der Staat zukünftig mehr Geld als bislang investieren sollte, wählen mit 27 Prozent die Wenn Sie sich für eins entscheiden müssen: In welchen der folgenden Bereiche sollte der Staat zukünftig mehr Geld als bislang investieren? in P ege und Gesundheit in bezahlbaren Wohnraum in das Bildungssystem in den Klimaschutz in die Verteidigung in die Digitalisierung in die Verkehrsinfrastruktur 7% 6% 3% 15% 20% 20% Basis: alle Wahlberechtigten; fehlende Werte: in keinen dieser Bereiche/weiß nicht/keine Angabe. Abbildung 13: Staatliche Investitionen; Quelle: eigene Darstellung. 27% meisten Bürger_innen den Bereich Pflege und Gesundheit. Es folgen mit jeweils 20 Prozent die Bereiche bezahlbarer Wohnraum sowie Bildungssystem. Deutlich seltener wird sich für Klimaschutz entschieden(15 Prozent). Es folgen Verteidigung (sieben Prozent), Digitalisierung(sechs Prozent) sowie Verkehrsinfrastruktur(drei Prozent). chen – etwa Mut, Handlungs- oder Kompromissbereitschaft vonseiten der politischen Entscheider_innen. Außerdem bleibt unklar, selbst wenn Finanzierungsbedarfe thematisiert werden, wie hoch die möglichen Kosten sind – und damit bleibt auch offen, ob diese mit dem aktuellen staatlichen Budget zu stemmen wären oder nicht. Dass die Antworten auf die offene Frage zu den Herausforderungen und die geschlossene Frage zu präferiertem Bereich für mehr staatliche Investitionen sich unterscheiden, rührt daher, dass eine Herausforderung nicht auch mit Investitionsbedarf gleichgesetzt wird, wie die Fokusgruppen zeigen. Die meistgenannte Herausforderung Klimaschutz beispielsweise wird häufig subsumiert unter dem Aspekt des individuellen Plastikvermeidens und mit der Kritik verbunden, dass es beim Klimaschutz in den Augen vieler nicht schnell genug geht – wird also vor allem als Umsetzungs- und nicht als Finanzierungsproblem gesehen. Auch Digitalisierung wird, wie die Fokusgruppen deutlich machen, häufig subsumiert unter dem Thema flächendeckender Verfügbarkeit schnellen Internets – und durch diese eigentlich unterkomplexe Betrachtung ebenfalls als Umsetzungs- und nicht als Finanzierungsproblem verstanden. Immer wieder werden statt Finanzierungsproblemen andere Defizite angesproDaraus lässt sich schließen, dass von entscheidender Bedeutung für einen gesellschaftlichen Konsens zur Bewältigung der zukünftigen Herausforderungen diese zunächst einmal ins Bewusstsein der Menschen rücken müssen. Wenn Klimaschutz oder Digitalisierung nicht als Herausforderungen verstanden werden, die nur durch enorme Investitionen bewältigt werden können, dann wird es kaum möglich sein, heutige politische Entscheidungen und Weichenstellungen, geschweige denn zukünftig notwendige erklären und dafür Mehrheiten gewinnen zu können. Es wird also auch hier darauf ankommen, Wissen und Verständnis in der Bevölkerung zu erhöhen.
Druckschrift
Mehr Umverteilung wagen : politische Einstellungen zu Finanzpolitik, Steuern und Gerechtigkeit
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten