Ausgabe 1| 2023 Diskussionspapier des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung Prof. Dr. Monika Oberle und Dr. Julia Schwanholz Demokratie ohne Wahlbeteiligung? Potenziale politischer Bildung an Schulen besser nutzen! Die Wahlbeteiligung in Deutschland nimmt seit Jahren ab. Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2022 gaben so wenige Menschen wie nie zuvor in der Geschichte des Landes ihre Stimme ab – mit 55,5 Prozent sank die Wahlbeteiligung allgemein auf einen historischen Tiefpunkt und bei den Wahlberechtigten im Alter von 18 bis 20 Jahren sogar auf 40,7 Prozent. Wahlabsentismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, da mit abnehmender Wahlbeteiligung demokratische Legitimität unter Druck gerät. Wie lässt sich Wahlbeteiligung wieder erhöhen? Und welchen Beitrag kann politische Bildung an Schulen dazu leisten? Sinkende Wahlbeteiligung In Deutschland ist die Beteiligung an Wahlen sehr unterschiedlich: Bundestagswahlen verzeichnen regelmäßig die höchste Wahlbeteiligung; Landtagswahlen, Europawahlen und besonders Kommunalwahlen weisen geringere Beteiligungsquoten auf. Allgemein gelten Wahlen als ein entscheidendes Partizipationsinstrument zur Herstellung demokratischer Legitimität (Bytzek/Roßteutscher 2011). Nimmt die Wahlbeteiligung ab, wie im Falle der letzten Landtagswahl 2022 in NRW sehr deutlich, so ist dies in mehrerlei Hinsicht problematisch und hat zumeist verschiedene Gründe: Bereits in den 1930er Jahren konnte Tingsten(1937) einen einfachen Zusammenhang aufzeigen, bei dem es um die sog. Repräsentationslücke geht. Demnach führt eine abnehmende Wahlbeteiligung zu sozialer Verzerrung im Sinne einer BesserProf. Dr. Monika Oberle ist seit Oktober 2014 Univ.-Professorin für Politikwissenschaft/ Didaktik der Politik an der Universität Göttingen. Sie hat in Marburg, London und Berlin Politikwissenschaft studiert. stellung privilegierter Statusgruppen. Konkret bedeutet dies, bestimmte, vor allem ressourcenschwächere Bevölkerungsgruppen werden, gemessen an ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung, schlechter repräsentiert als andere, in der Regel ressourcenmäßig besser ausgestattete gesellschaftliche Gruppen, die politisch überrepräsentiert sind. Aufgrund des vermuteten oder empirisch nachgewiesenen Zusammenhangs zwischen deskriptiver Repräsentation und politischer Responsivität fühlen sich unterprivilegierte Gruppen benachteiligt. Zwar müssen sie nicht zwangsläufig auch tatsächlich benachteiligt werden – dies hängt wesentlich von der Realisierung substantieller Repräsentation ab –, doch wird schon der vermutete Umstand, mit den eigenen Anliegen kein Gehör zu finden, negativ wahrgenommen: „Werden Bürgerinnen und Bürger gefragt, ob sie politische Entscheidungen beeinflussen können oder ob das politische System Menschen wie ihnen eine Mitsprachemöglichkeit einräumt, fallen die Reaktionen häufig negativ aus. Aus Sicht insbesondere der weniger Privilegierten ist Politik etwas, das fern von ihnen stattfinden, wo die eigenen Anliegen nicht beachtet werden und das sich dem eigenen Einfluss entzieht“(Elsässer/ Schäfer 2021: 8). Repräsentationslücke mit sozialer Schieflage Sinkt die Wahlbeteiligung, so sind es oftmals Menschen aus benachteiligten sozialen Schichten, die sich der Stimme enthalten haben. Neben einer schlechteren formellen Bildung haben sie in der Regel geringere Einkommen und häufiger einen Migrationshintergrund. Die individuelle Ausstattung mit partizipationsrelevanten Ressourcen entscheidet demnach darüber mit, ob Menschen zur Wahl gehen oder nicht. Zur Erklärung von Wahl und Nicht-Wahl lassen sich überdies Mobilisierungsgründe anführen. Zu diesen zählen etwa Sozialisationserfahrungen und peer-group-Effekte, die positiv oder negativ auf die Partizipationsbereitschaft wirken können. Ob Menschen zur Dr. Julia Schwanholz ist Akademische Rätin am Institut für Politikwissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Zuvor war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen. Ihre Forschungsthemen umfassen Parlaments-, Demokratie- und Public Policy-Forschung. © Foto: UDE Landesbüro NRW
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(2023) 1. Demokratie ohne Wahlbeteiligung?
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