Heft 
(2024) 1. Die Wiederkehr der Palästinafrage : und warum sie die Welt entzweit
Einzelbild herunterladen
 

3 D ie Altstadt von Jerusalem in den Komplementärfarben Orange-Blaugrün: Das Wer­beplakat»Visit Palestine«, für Reisen ins Mandatsgebiet Pa­lästina von 1936, ist wohl bis heute eines der berühmtesten Souvenirs aus dem Heiligen Land. An seinen Schöpfer Franz Krausz, einen öster­reichischen Juden aus St. Pölten, der 1933 nach Palästina emigrierte und dort den»Verband jüdischer Werbekünstler« mitbegründete, erinnern sich hingegen nur wenige. Krausz starb 1998 in Tel Aviv. Sein Plakat machte sich später die palästinensische Nationalbewegung zu eigen. Es hängt in Wohnungen weltweit. Kein Statement gegen Israel, eher eine nostalgische Er­innerung an eine vermeintlich hei­le Welt, als Juden und Arabern, Israelis und Palästinensern noch mehrere Optionen offenstanden: für eine Ein- oder auch Zweistaa­tenlösung als Antwort auf die Pa­lästinafrage, die sich später zum Nahostkonflikt ausweiten sollte. Lange schien es, als sei sie von der Liste der Prioritäten der internati­onalen Gemeinschaft verschwun­den, gewiss aber nicht mehr so gewichtig angesichts globaler He­rausforderungen wie Klimawan­del, Pandemie oder Ukrainekrieg. Dann kam der 7. Oktober 2023. Der Angriff der Hamas auf Israel und der darauffolgende Krieg in Gaza erschütterten nicht nur Isra­el und Palästina, sondern auch die Rolle des Westens, der bis dahin wie selbstverständlich auf globa­ler Bühne aufgetreten war, um die Achtung von Menschen­und Völkerrecht anzumahnen. Zahlreiche westliche Staaten stellten sich nahezu bedin­gungslos hinter Israel und die Regierung Netanyahu und insbesondere in Deutschland wurden Debatten zum Nah­ostkonflikt geführt, die sich oft um eines drehten: deutsche Befindlichkeiten. Dabei gerät vor allem aus dem Blick, wie der buchstäbli­che Rest der Welt auf den Nahen Osten schaut: etwa der sogenannte globale Süden, der nicht nur den Großteil der Weltbevölkerung stellt, sondern politisch und wirtschaftlich immer wichtiger wird und seine eigene Geschichte mit dem Nahen Osten hat. Im Dossier der vorliegenden Ausgabe sind wir dieser Frage nachgegangen. Autorinnen und Autoren aus über einem Dutzend Ländern schildern, wie sich der Krieg in Gaza auf ihre Länder auswirkt und dort gesehen wird. Dazu gehören geopolitische Akteure wie China, Indien oder Südafrika, das sich mit einer Klage vor dem Internati­onalen Gerichtshof an die Spitze der Kritiker Israels stellte. Aber auch solche, die man sonst eher nicht mit dem Nahen Osten in Verbindung bringen würde: etwa Argentinien, wo die fünftgrößte jüdische Gemeinschaft weltweit lebt, oder Indonesien, das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt. Ein globaler Reality Check, um die eigenen Standpunkte und Ansprüche einmal abzugleichen wobei manche Haltungen und Ergebnisse durchaus überraschen dürften. Schließlich wird die Politik ja nicht müde zu betonen, dass heute alles mit allem zusammenhängt und man die Dinge global betrachten müsse. Dieses Dossier entstand in Zusammenarbeit mit dem Pro­gramm»Frieden und Sicherheit« der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Sitz in Beirut unter Leitung von Hanna Voß und Marcus Schneider und ihrem weltweiten Netzwerk an Autorinnen und Autoren, wo­für zenith herzlich Danke sagen möchte. Apropos»Visit Palestine«: Das zitierte Poster hing auch in den Wohnungen und WG-Zimmern ei­niger Studenten der Orientalistik in Hamburg, als sie dort vor ziem­lich genau einem Vierteljahrhun­dert, im Sommer 1999, die erste Ausgabe unseres Magazins zenith aus der Taufe hoben. Wir feiern mit dieser Ausgabe nicht nur un­ser 25-jähriges Bestehen, sondern auch zehn Jahre Candid Foundation, die zenith herausgibt und verantwortet und sich mit kreativen Projekten für Dialog in und mit der Region südlich des Mittelmeers engagiert. Vor 25 Jahren hätten wir es kaum für möglich gehalten, dass uns Palästinafrage und Nahostkonflikt im Jahr 2024 immer noch in dieser Form in Atem halten würden. Aber wohl eben­so wenig, dass es uns dann überhaupt noch geben würde. Wir danken besonders Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie das möglich gemacht haben. Auf Jubiläumsalben und Selbstbeweihräucherung möchten wir nun angesichts dringenderer Themen in diesem Heft verzichten. Von busi­ness as usual kann allerdings auch keine Rede sein.