KURT WEYLAND/ RAÚL L. MADRID/ WENDY HUNTER(Hrsg): Leftist Governments in Latin America: Successes and Shortcomings Cambridge 2010 Cambridge University Press 2010, 232 Seiten D er Wahlsieg von Hugo Chávez 1998 löste in einer Vielzahl lateinamerikanischer Länder eine politische Welle aus, die Linksregierungen an die Macht hob. Ein gutes Jahrzehnt danach haben sich Kurt Weyland, Raúl L. Madrid und Wendy Hunter – alle drei Politikwissenschaftler an der University of Texas in Austin – die Aufgabe gestellt, eine Zwischenbilanz zu ziehen: Was hat die Linke richtig gemacht? Wo ist sie an ihre Grenzen gekommen? Welche der unterschiedlichen Zugänge waren erfolgreich, welche weniger? Die Autoren betonen in ihren Analysen zunächst die gemeinsame Herausforderung, die sie gleichsam definitorisch für den Linksbegriff ansehen: das Streben nach strukturellen Veränderungen, um die materiellen Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit besser zu befriedigen und ihr zu mehr sozialer Partizipation und politischem Protagonismus zu verhelfen. Das historische Paradigma des bewaffneten Guerillakampfes ist – auch dies eine Gemeinsamkeit der neuen Linken Lateinamerikas – der Einsicht gewichen, dass linke transformative Projekte nur über den Modus allgemeiner Wahlen zu erreichen sind. Gleichzeitig aber – und hier setzt das Buch von Weyland, Madrid und Hunter an – trifft jeder Versuch eines grundlegenden Umbaus der Gesellschaft auf Widerstände, Sachzwänge und Gegner. Wie Regierungen mit diesen»constraints« umgehen, welche Politiken sie entwickeln und welche Erfolge sie damit haben, sind die zentralen Leitfragen der Autoren. Den Aufschlag macht ein bemerkenswerter Aufsatz von Kurt Weyland über die konzeptionellen und theoretischen Fragen, die sich bei Analyse und Einschätzung der lateinamerikanischen Linksregierungen stellen. Es folgen Länderstudien ausgewiesener Experten zu Venezuela, Bolivien, Chile und Brasilien, bevor die Herausgeber in einem abschließenden Essay Bilanz ziehen. Trotz vielfältiger Angebote für komplexere Kategorien führt die Fokussierung des Bandes auf Politikinhalte und-leistungen(»policies« und»performance«) dazu, dass er die Linksregierungen entlang eines eingängigen Kontinuums von moderat bis konfliktiv(»contestatory«) ordnet. Das Label»radikal« vermeiden die Autoren dabei explizit, um die historischen Proportionen zu wahren; denn auch die konfliktivsten der gegenwärtigen Regierungen, so Weyland, sind deutlich weniger umstürzlerisch als die auf revolutionäre Gewalt setzende lateinamerikanische Linke der Vergangenheit. Die Auswahl der von ausgewiesenen Experten verfassten Länderstudien lässt sich dann auch klar den beiden Polen zuordnen: Den zwei Vorzeigeländern der Moderaten – Chile unter der sozialdemokratisch geführten Koalitionsregierungen und Brasilien zu den beiden Amtszeiten Lulas – stehen die zwei prominentesten ipg 2/2011 Rezensionen/Book Reviews 203
Rezension
[Rezension von: Leftist governments in Latin America / Kurt Weyland, Raúl L. Madrid, Wendy Hunter (Hrsg.), 2010]
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