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Islam und Politik in Indonesien
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ANDREAS UFEN Islam und Politik in Indonesien O bwohl der indonesische Archipel mit seinen etwa 210 Mio. Einwohnern das viertbevölke­rungsreichste und mit etwa 180–190 Mio. Mus­limen das größte islamische Land der Erde ist, konzentriert sich die journalistische und die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Islamisie­rung zumeist auf den nahöstlichen Raum. Dabei hat der Islam sowohl als way of life als auch als politische Lehre eine ungeheure Aufwertung in Südostasien, insbesondere in Malysia und Indone­sien erfahren. Schon in den 70 er Jahren nahm in Indonesien das Interesse an der islamischen Lehre zu. Seit Ende der 80 er Jahre sah sich das Suharto-Regime genötigt, Muslime zunehmend zu kooptieren. Mit der Einführung der parlamentarischen Demokratie seit dem Rücktritt Suhartos(am 21 . Mai 1998 ) und der Gründung neuer islamischer Parteien und Organisationen ist der Islam zu einer bedeutenden politischen Größe geworden. In diesem Aufsatz soll der Aufstieg orthodox­islamischer Gruppen beschrieben und die mög­liche weitere Entwicklung bewertet werden. 1 Aus der Untersuchung ergibt sich die These, dass zwar die Entstehung eines gesamtindonesischen Islamstaates sehr unwahrscheinlich, dass aber der Zusammenbruch der jungen parlamentarischen Demokratie durch das Zusammenwirken von reak­tionären Kräften, Sezessionisten, gewaltbereiten Islamisten und populistischen Politiker sehr wohl möglich ist. Handelsrouten in die Molukken entstand in den folgenden Jahrhunderten eine Reihe von isla­mischen Fürstentümern. Erst im 17 . Jahrhundert konnte der Islam in nennenswertem Umfang in das javanische Binnenland vordringen. Über die Handel treibenden Ausländer der Nordküste Javas gelangte eine von persischen und indischen mys­tischen Elementen bereicherte Variante in die javanischen Patrimonialreiche. Diese»sufistischen« Lehren konnten in die bestehenden hindubuddhis­tischen Glaubenssysteme relativ leicht integriert werden. König Agung von Mataram durfte Mitte des 17 . Jahrhunderts mit offizieller Bestätigung aus Mekka den Sultanstitel tragen, aber zugleich hielt er an vielen hindubuddhistischen Ideen, Zeremo­nien und Herrschaftsinsignien fest. Im Mataram­Reich wurden also Teile der islamischen Doktrin integriert und Enklaven der Orthodoxie, oft in und um die Islaminternate(Pesantren), geduldet. Grundsätzlich galten die Ulama, die Islamgelehr­ten, aber als subversiv. Amangkurat I . ließ im 17 . Jahrhundert 5.000–6.000 von ihnen ermorden, wodurch die Stellung der orthodoxen Muslime für lange Zeit geschwächt wurde. Deshalb schreibt Anderson über die Bedeutung des Islam in jener Zeit und danach:»To use Gramscis term, at no point did a ›hegemonic‹ Islamic culture develop in Java. The self-consciousness of pious Muslims re­mained strictly ›corporate‹. Political and cultural subordination went hand in hand.« 2 Frühe Entwicklungen Während eine aus Indien stammende Mixtur hin­duistischer und buddhistischer Elemente schon seit dem 3 . oder 4 . Jahrhundert n. Chr. die existie­renden animistischen Vorstellungen ergänzte und umformte, drang der Islam erst etwa seit dem 13 . Jahrhundert in den Archipel vor. Entlang der 1. Teile dieses Aufsatzes überschneiden sich mit einzel­nen Passagen meiner Dissertation: Ufen, A( 2001 ): Herr­schaftsfiguration und Demokratisierung in Indonesien ( 1965–2000 ); Hamburg, i. E. Die beste Darstellung der Entwicklung des indonesischen Islam bis 1998 : Hefner, R.W.( 2000 ): Civil Islam: Muslims and Democratization in Indonesia; Princeton, New Jersey. 2. Anderson, B.R.OG( 1972 ):»The Idea of Power in Javanese Culture«; in: Holt, C.(ed.): Culture and Poli­tics in Indonesia; Ithaca, S. 1–69 ; hier S. 59 . IPG 2/2001 Andreas Ufen, Islam und Politik in Indonesien 181