Aufsatz 
Befreiung durch Krieg? : Frauenrechte in Afghanistan zwischen Weltordnungspolitik und Identitätspolitik
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Befreiung durch Krieg? Frauenrechte in Afghanistan zwischen Weltordnungspolitik und Identitätspolitik RENATE KREILE I n der normativen Zielsetzung, Frauen- und Menschenrechte weltweit durchzusetzen, erhalten militärische Einsätze in den vergangenen Jah­ren zunehmend ihre diskursive Rechtfertigungsformel. Umstrittene Ein­griffe in die Souveränität von Staaten sollen als weltordnungspolitisch notwendige»humanitäre Interventionen« gerade auch in kriegskriti­schen demokratischen Öffentlichkeiten Akzeptanz finden. Nicht zuletzt der Krieg, den die»Internationale Allianz gegen den Terrorismus« gegen das Afghanistan der Taliban führte, wurde in Politik und Medien weithin als Mission zur Befreiung der afghanischen Frauen legitimiert. 1 Drei Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft stellt sich die Situ­ation der afghanischen Frauen uneinheitlich und widersprüchlich dar. Von zahlreichen Frauen insbesondere in den großen Städten wurde die Aufhebung der frauenpolitischen Zwangsmaßnahmen des Taliban-Re­gimes wie etwa des Burqa-Zwanges und des Verbotes, die Schule zu be­suchen oder außerhäuslich zu arbeiten, sicherlich als befreiend erlebt. Gleichwohl werden nach wie vor die sozial tief verwurzelten Regeln der Geschlechtertrennung und der Verschleierung weithin praktiziert. Durch die katastrophale Sicherheitslage, insbesondere außerhalb der Hauptstadt Kabul, und die ständige Präsenz zahlreicher Bewaffneter auf den Straßen wird die Teilnahme von Frauen am öffentlichen Leben enorm eingeschränkt. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung und machen den Weg zu Schule, Universität und Arbeitsplatz für Mädchen und Frauen zum angstbesetzten Dauerrisiko(vgl. Huber 2003, 18f). 1. So erklärte die amerikanische First Lady, Laura Bush, unmittelbar nach dem Sturz des Taliban-Regimes:»Dank unserer jüngsten militärischen Erfolge in einem gro­ßen Teil Afghanistans, sind die Frauen nicht länger in ihren Häusern eingesperrt. Sie können Musik hören und ihre Töchter unterrichten, ohne Angst bestraft zu werden Der Kampf gegen den Terrorismus ist auch ein Kampf für die Rechte und die Würde der Frauen«(Bush, 2001). 102 Kreile, Frauenrechte in Afghanistan ipg 1/2005