Widersprüchlichkeit als Strategie: Gesellschaftliche Diskursivität in China SHI MING I n mehreren chinesischen Großstädten wurde im April 2005 vorgeführt, wozu eine – wenn auch gesteuerte – öffentliche Massenmeinung in der urbanen Gesellschaft Chinas fähig ist: Bei den anti-japanischen Demonstrationen gingen nicht nur Fenster japanischer Vertretungen zu Bruch, es wurden ganze außenpolitische Brüche manifestiert. Weniger spektakulär, von westlichen Medien fast nicht wahrgenommen, wurden in den letzten Jahren in China zu vielen Themen heftige gesellschaftliche Diskussionen ausgetragen. Dabei zeigte sich, dass es in Chinas urbaner Gesellschaft selbst in sonst äußerst öffentlichkeitswirksamen Fragen wie der des Nationalismus und der Nationalschande keine einheitliche Meinung mehr gibt, nicht einmal eine überwältigende Mainstream-Meinung. Statt dessen wirre Kontroversen, die ihrerseits unbeständige Reaktionen der Obrigkeit nach sich ziehen: ein Hin und Her von Liberalisierung und härterer Zensur. Diese widersprüchliche Offenheit zeigte sich auch bei den anti-japanischen Protesten. Die Analyse der Diskussionsstränge im Internet zeigt, dass die Führung offenbar keine der miteinander streitenden Meinungen verboten hat – nicht einmal die provokante Aussage, dass Japan trotz unaufgearbeiteter Vergangenheit und offenkundig gewordener Interessenkonflikte mit China einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat erhalten solle. Dagegen werfen wiederum auch Befürworter der Proteste Argumente in die Runde, die weniger mit Japan und seiner fragwürdigen Vergangenheitsbewältigung zu tun haben als damit, warum die Kommunistische Partei( kp ) nicht schon längst die Volksmasse mobilisiert hätte, ob da nicht wieder von Japan korrumpierte Kader ihre Hand im Spiel hätten, usw. Zuweilen könnte der Eindruck von einer pluralistischen Meinungsbildung, gar von einer transparenten, diskursiven»Öffentlichkeitsbildung« entstehen. Zugleich mehren sich seit Anfang 2003 Anzeichen einer drakonischer werdenden Zensur. So sollen innerhalb von zwei Jahren bis zu 40 000 Internetbars in Chinas Städten geschlossen worden sein, um, wie es ipg 3/2005 Ming, Gesellschaftliche Diskursivität in China 63
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