Aufsatz 
Größere Berührungsflächen - mehr Reibungspunkte: Amerika und Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts : ein Gespräch mit Karsten D. Voigt
Entstehung
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Größere Berührungsflächen mehr Reibungspunkte Amerika und Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts Ein Gespräch mit Karsten D. Voigt GESPRÄCH/INTERVIEW A m 20 . Januar 2001 wurde George W. Bush als 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Ame­rika in sein Amt eingeführt. Nach acht Jahren einer von den Demokraten geführten Clinton-Admi­nistration regieren damit in Washington wieder die Republikaner. Was vom neuen Präsidenten in der Außenpolitik zu erwarten ist, darüber sprach ipg­Redakteur Oliver Thränert mit Karsten D. Voigt, dem Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt und ehema­ligen Präsidenten der Parlamentarischen Versamm­lung der NATO . Oliver Thränert: Herr Voigt, Ihr offizieller Titel lautet:»Koordinator für die deutsch-amerika­nische zwischengesellschaftliche, kulturelle und informationspolitische Zusammenarbeit«. Erläutern Sie doch bitte einmal unseren Lesern, was dies kon­kret bedeutet und was auf Sie nun mit Antritt der neuen Regierung in Washington zukommt? Karsten D. Voigt: Meine Aufgabe besteht in erster Linie darin, in den USA mit den Leuten, die ich besonders gut kenne, den Kontakt zu halten und zu intensivieren. Dabei handelt es sich um Mitglie­der des Kongresses, um Wissenschaftler und Berater in den»Denkfabriken« sowie um diejenigen Ameri­kaner, die sich entweder mit Deutschland beschäf­tigen oder die von deutschen Institutionen geför­dert werden. Ziel ist es, das neue Deutschland so wie es sich jetzt entwickelt und darstellt zu erläutern. Zweitens versuche ich umgekehrt in Deutschland die USA so wie sie sich entwickeln in ihren Motiven, in ihren Interessen darzustellen. Ansprechpartner hier in Deutschland sind Mitglie­der der Regierung, Mitglieder des Deutschen Bun­destages sowie alle Einrichtungen, die sich in Deutschland mit den transatlantischen Beziehungen beschäftigen. Oliver Thränert: Was bedeutet das für Sie, dass in Washington eine neue Regierung die Amtsge­schäfte übernimmt? Karsten D. Voigt: Die meisten der Leute, die im außen- und sicherheitspolitischen Bereich in den USA jetzt in Funktionen gekommen sind oder noch kommen werden, sind mir aus den letzten zehn oder zwanzig Jahren schon aus persönlichen Gesprächen und Kontakten bekannt. Ich habe zum Beispiel Condoleezza Rice, die Sicherheits­beraterin von Präsident Bush, zum ersten Mal bereits 1982 getroffen, auf einer Tagung in der evangelischen Akademie in Loccum. Und seitdem haben wir regelmäßig immer wieder miteinander gesprochen. Und so wird das mit den meisten Leuten sein, die im außen- und sicherheitspoli­tischen Bereich in der neuen Administration tätig sind. Das Netzwerk in den USA ist anders als in Deutschland. Wenn jemand aus der Regierung ausscheidet, dann wechselt er in die Wirtschaft oder in eine»Denkfabrik« und wartet darauf, dass er beim nächsten Regierungswechsel wieder zum Zuge kommt. Daher ist man gut beraten, wenn man in den USA auch mit der jeweiligen Opposi­tion, von nun an also mit den Demokraten, Kon­takt hält. So wie wir uns während der Clinton­Jahre mit den Republikanern beschäftigt haben. Umgekehrt habe ich den Amerikanern auch immer geraten, SPD und Grüne nicht aus dem Blickfeld zu lassen. Und jetzt lege ich ihnen nahe, sich auch mit Christdemokraten und Liberalen zu befassen. Denn die spielen in der deutschen Politik eine Rolle, selbst wenn sie in der Opposition sind. In der Außen- und Sicherheitspolitik spielt Konti­nuität eine große Rolle. Aber Demokratie hat mit demokratischem Wechsel zu tun. Insofern ist der demokratische Wechsel keine Krise, sondern ist ein ganz normaler Vorgang. Oliver Thränert: Ein vor wenigen Wochen erschienener Sammelband zur amerikanischen Außenpolitik trägt den Titel»Weltmacht ohne Gegner«. Wie weit in das 21. Jahrhundert hinein werden die USA ihre jetzige Vormachtstellung tragen können? IPG 2/2001 Karsten D. Voigt, Gespräch/Interview 119