Abendausgabe
Str. 177 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 88
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Vorwärts
SW
Berliner Volksblaff
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Donnerstag
14. April 1927
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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands
Blutige Kämpfe und Massenstreik. Vordringen der Nordtruppen.
Paris , 14. April( Eigener Drahtbericht). Aus Schanghai | lügnerische und provokatorische Erfindung darstellen. Die friedliche wird gemeldet, daß als Protest gegen die Erstürmung des Haupt- Haltung der Sowjetregierung sei mit besonderer Klarheit in ihrer quartiers der fommunistischen Gewerkschaften am Dienstag durch Note an die Betinger Regierung vom 9. April dargelegt worden. die nationalen Truppen am Mittwoch mehr als 100 000 Arbeiter in Schanghai die Arbeit niedergelegt haben. Die ganze Industrie ist lahmgelegt und besonders der Straßenbahnverkehr ist völlig eingestellt. Bor mehreren Fabriken ist es auch von neuem zu Zusammenstößen zwischen Arbeitern und nationalen Truppen gefommen, wobei über 50 Arbeiter ums Leben gekommen sind.
Aus Schanghai wird weiter gemeldet, daß die Erfolge der Nordfruppen zunehmen. Sie haben am Mittwoch den Knotenpunkt der Eisenbahnlinie von Tientsin Pau kiu besetzt, ohne auf Widerstand zu ffoßen und warten dort das Eintreffen von Verstärkungen ab, um Nanting anzugreifen. Die roten Truppen haben Tichingtiang geräumt und so den Nordtruppen den Weg nach Shanghai geöffnet.
Japan verdoppelt seine Mandschurei - Truppen.
Condon, 14. April. ( WTB.)„ Times" meldet aus Tofio: Die einzige(!) Grundlage der Gerüchte über eine Mobilmachung in Japan ist die Tatsache, daß die Division, die die in der Mand schurei in Garnison liegende Division ablöjen soll, in diesem Jahr im April statt wie sonst im Mai hingeht und daß das Datum der Zurückziehung der abgelöften Division noch nicht festgesetzt ist. Japan wird also vorläufig zwei Divisionen staff einer in der Mandschurei haben.
Keine Sowjettruppen nach Ostasien gesandt. Mostau, 18. April. Die Telegraphenagentur der Sowjet union ist ermächtigt, zu erklären, daß alle in der ausländischen Presse verbreiteten Gerüchte über eine Verschiebung von Sowjettruppen nach dem Osten oder eine Truppenzu fammenziehung an der Grenze der Mandschurei usw. eine
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Amerika gegen eine Yangtseblockade. New Yort, 13. April( WTB.). World erfährt im Staatsdepardement, daß der Borschlag des britischen Botschafters, die Yangtsehäfen zu blockieren, falls die Forderungen der Note an die Rantonregierung nicht erfüllt würden, von Kellogg abgelehnt Die Regierung der Vereinigten Staaten sei bemüht, die Die Regierung der Vereinigten Staaten sei bemüht, die bestehenden Reibungen zu vermindern statt sie zu verschärfen.
wurde.
China und Abrüstung im Unterhaus. Condon, 14. April. ( WTB.) Chamberlain teilte mit, daß die brifischen Truppen in China jeht insgesamt 16 3nfanteriebataillone mit den notwendigen Hilfstruppen umfassen. Außerdem seien vier Bataillone auf dem Wege nach China . Das Flottenpersonal einschließlich eines Bataillons Marinetruppen umfaffe ungefähr 14 000 Mann.
Der Kurs der Weltwirtschaft.
Weltwirtschaftskonferenz und Arbeiterschaft. Bon Wilhelm Eggert.
Als die sechste Völkerbundsversammlung sich für die Einberufung einer Weltwirtschaftskonferenz entschloß, ließ sie sich von dem Gedanken leiten ,,, die Natur der internationalen Wirtschaftsstörungen zu untersuchen und die besten Mittel aufzuzeigen, um diese zu überwinden und Konflikte zwischen den Völkern zu vermeiden". In diesen weitgefaßten Rahmen spannt sich die Tagesordnung der Konferenz. Was während des Krieges und in der Nachkriegszeit störend in die Weltwirtschaft eingedrungen ist, das soll die Konferenz, ent sprechend der Zielsetzung durch den Bölferbund, bloßlegen und mittel der Beseitigung aufzeigen. Wie wird nun die Ronferenz diese geschichtliche Aufgabe lösen und welche besonderen Fragen ergeben sich für die Gewerkschaften?
Ein Hauptpunkt steht natürlich im Vordergrund. Das ist die Stabilisierung aller Währungen. Die arbeitende Klasse, Dulder und Opfer der Währungserschütterungen, muß Bürgschaft für feste Währungsverhältnisse in der Welt fordern. Das unberechenbare Element der Unruhe, wie es durch die Möglichkeit von Währungserschütterungen gegeben ist, muß aus der Weltwirtschaft verschwinden. Eine Garantie hierfür könnte durch Vereinbarungen und methodische Zusammenarbeit der Zentralnotenbanken der Wirtschaftsmächte sehr wohl geschaffen werden. Man darf sich aber über die Schwierigkeiten einer solchen Aktion nicht täuschen. Sie zeigen sich schon bei den Beratungen im Vorbereitenden Ausschuß für die Weltwirtschaftskonferenz. Besonders sind es die einzelnen Länder, welche sich in das Recht ihrer Finanzhoheit und Finanzgebarung von niemandem hingründlich mit dem Operationsmesser dem Währungsübel zu Leibe geht, bleibt immmerhin die Frage offen, ob die einzelnen Länder hier, wie es notwendig ist, mittun werben.
Der Arbeiterführer Clynes fragte den Premierminister, ob er irgendeine Erklärung über die Berhandlungen in Genf abgeben und ob er versichern könne, daß die britischen Vertreter nicht durch starre Anweisungen behindert würden. Baldwin erwiderte:„ Ich glaube, die Abgabe einer Erklärung im gegenwärtigen Stadium würde wenig Borteil haben, insbesondere, da ziemlich eingehende Berichte über die Verhandlungen in der Presse erschienen find. Ich fann versichern, daß der britische Vertreter in dauernder Vereinreden lassen wollen. Vorausgefekt, daß die Konferenz bindung mit seiner Regierung gestanden hat, und daß die Vorschläge, die er vorgelegt hat, wohl erwogen worden sind. Es ist in der Tat richtig, wenn man fagt, daß 3ugeständnisse in wich tigen Bunften in den meisten Fällen von britischer Seite getommen sind."(!)
Die Genfer Vorkonferenz geht weiter!
Erfolgreicher Vermittlungsvorschlag de Brouckères.
Genf . 14. April. ( Eigener Drahtbericht.) Der zähen Ausdauer und dem Erfindungsgeist des Genoffen Broudère ist es heute, also im legten Moment, vor der ins Auge gefaßten Tagung gelungen, auf dem die Beratungen der vorbereitenden Abrüftungstommiffion weitergeführt werden können bis zur gänzlichen Beendigung der ersten Lesung der Konventionsentwürfe. Er schlug für das weitere Berfahren eine Teilung der Abrüftungsfonvention vor: einen er sten Teil, der die ganze konventions. angelegenheit mitsamt den auch für die Bereinigten Staaten annehmbaren Kontrollbedingungen umfaßt, und einen zweiten Teil mit weitergehenden kontrollmaßnahmen für die Mitgliedstaaten des Bölkerbundes.
Der franzöfifche Delegierte war nicht besonders erfreut, weil er an eine Einigung auch nur unter den Bölkerbundsstaaten zweifelt und die franzöfifche Regierung für die kommenden politischen Unterhandlungen der Regierungen ihre günstige Pofition, d. h. weitestgehende Bereitwilligkeit zur gegenseitigen Abrüftungskontrolle fo sichtbar wie nur möglich erhalten möchte. Lord Cecil , der den Borschlag de Broudères unterstützte, wünscht andererseits vor allem durch eine Weiterführung der Beratungen bis zur Wirtschaftskonferenz( 4. Mai) den schlechten Eindruck einer Vertagung der Kommission zu verhindern und Genoffe de Broudère hofft zweifellos die verschiedenen Auffassungen über die Maßnahmen unter den Bölferbundsstaaten bis auf diejenigen 3taliens, die weniger in Betracht kommen, ziemlich berüdfichtigen zu können. So wurde befchloffen, zunächst acht Tage Osterferien zu machen und vom nächsten Donnerstag an weiter zu fagen.
„ Die Abrüstung eine Rechtspflicht." Genf , 14. April. ( WTB.) In seiner Begründung unterstrich der belgische Delegierte die Notwendigkeit, die Arbeiten fortzusehen und die erste Lesung zu einem Abschluß zu bringen, wobei er auf die Verpflichtung aller Unterzeichner des Versailler Bertrages auf Grund Artikel 8 des Bölterbundspattes hinwies, die eine moralische und juriffische Verpflichtung für alle Unterzeichner darstelle.
Die Schuld der anderen. Cecil verteidigt Englands Haltung in der Abrüstung. Genf , 13. April. ( WTB.) Bei einem Presseempfang wandte fich Lord Robert Cecil sehr entschieden gegen die Behauptung, daß England daran schuld sei, daß der Vorbereitungsausschuß für die Abrüstungskonferenz mit seinen Arbeiten nicht weitergekommen Er bezeichnete es als völlig unwahr, daß die englische Regierung den Abrüstungsgedanken nicht ernst nehme, Nicht meniger verfehrt sei es, von einem Banterotte der gegenwärtigen Arbeiten zu sprechen, und zwar mit der einzigen Begründung, daß man sich in der Frage der Seeabrüstung nicht sofort einigen fonnte. Cecil verteidigte im übrigen vor allem den englischen Borentwurf über die Seeabrüftung, der nicht nur den Borteil gehabt hätte, eine
fei.
vollständigere Abrüstung zur See zu ermöglichen, als der französische und sich ohne weiteres in das Washingtoner Abkommen einfüge, fondern auch den weiteren Vorteil, daß er gerade die besonderen Interessen der zur See schwächsten Staaten am besten geschützt hätte. In bezug auf die Landabrüftung unterstrich er besonders den Umstand, daß England die Einbeziehung der frisch ausgebildeten Reserven verlangte, aber mit dieser Forderung Frantreich und anderen Kontinentalmächten gegenüber nicht durchdringen fonnte, obwohl es vollständig flar sei, daß der Wert der kaum entlassenen Reservisten im Kriegsfall nicht geringer sei, als der kurz vor Abschluß ihrer Ausbildung stehenden Mannschaften.
Er gab schließlich der Meinung Ausdruck, daß ohne die Einreichung des englischen Borentwurfes die wochenlangen Debatten faum zu einem Ergebnis und vor allem zu einem weniger ehrlichen Ergebnis geführt hätten, als es jetzt, wenn auch noch nicht ab geschlossen, immerhin bereits vorliege. Dieses Ergebnis stelle in der ganzen Weltgeschichte den wichtigsten Schritt auf dem Wege zur Abrüstung dar.
Zugänglicher scheinen die Länder, wenigstens einige von ihnen, einer Bekämpfung des üppig wuchernden Broteftionismus. Aber auch hier wird es sich nur um Vorarbeiten handeln fönnen und diese werden nach der Festigung der Währung bei der Schaffung eines einheitlichen internationalen 3olltariffchemas beginnen, müssen. Die Zolltarife Eurovas unterscheiden sich heute in ihrem Aufbau und in ihrer Gliederung durchaus. Noch vielgestaltiger und wirrer ist das Bild der Rolltarise der Welt. Durch ein einheitliches Zolltarifschema wird man unendliche Schwierigkeiten beseitigen. Da nun die einzelnen Länder darauf schwören, daß ihr eigenes Schema das allein beste ist, darf man auch hier die Hoffnungen nicht allzu hoch spannen. Im Zusammenhang mit dem einheitlichen Bolltariffchema müßten einheitliche Bollvorschriften vereinbart und Richtlinien für den allmählichen Abba11 der Zölle festgelegt werden. Wir glauben allerdings nicht, daß der Rollabbau selbst beim besten Willen aller Beteiligten arbeitenden Klassen, deren wirtschaftliche Organisationen, die schnell durchzuführen ist. Selbst von der Interessensphäre der Gewerkschaften, für das Prinzip des Freihandels fämpfen, aus betrachtet, muß der Zollabbau etappenweise erfolgen, um ein Wirtschaftschaos zu verhüten, das schlimmer wäre als der Rollprotektionismus. Bermutlich wird die Konferenz allgemeine Richtlinien dieser Art aufstellen. Vielleicht auch dürfte sie Konventionen der mitteleuro= päischen Länder empfehlen. Jede dahin zielende Arbeit wird von den Gewerkschaftsvertretern auf der Konferenz lebhaft unterstützt werden. Liegen doch alle diese Anfangsarbeiten auf dem Wege der internationalen Arbeitsteilung und Wirtschaftsverständigung, denen die wirtschaftliche Tätigfeit der Gewerkschaften gewidmet ist.
Die Konferenz wird selbstverständlich an dem Arbeitslofenproblem in den europäischen Ländern nicht vorbeigehen können. Es gibt merkwürdigerweise Wirtschaftswissenschaftler, die fagen, die Gewerkschaften seien durch die Hochhaltung der Löhne und Gehälter schuld an der Wirtschaftsfrise und der Erwerbslosigkeit. Sie behaupten, weil die Gewerkschaften Löhne und Gehälter hochhalten, können die Preise nicht sinken, die Erzeugnisse nicht tonsumiert werden, die Wirtschaftskrise nicht ablaufen und das Millionenheer der Erwerbslosen nicht in die Betriebe zurückgebracht werden. Diese Lehre übersieht unbegreiflicherweise den Umstand, daß troh des Sintens der Produktionstoften infolge einer gigantischen Rationalisierung die Preise im allgemeinen hoch geblieben sind. Sie übersicht vor allen Dingen die Wirkung der Preisfartelle in den einzelnen Ländern. Gerade dieser Umstand dürfte zu Kontroversen auf der Konferenz führen. Für die Gewerkschaften bleibt aber das Erwerbs= lofenproblem in erster Linie ein Problem der staatlichen Für und Realeinkünfte der Verbrauchermassen, müssen Produftion, Leistung und Arbeitszeit in Einflang gebracht und ausgeglichen werden. Gewiß fann durch internationale Hilfsmaßnahmen auf dem Gebiet der Freizügigkeit und des Niederlassungsrechts die Erwerbstätigfeit gemildert, aber nicht endgültig beseitigt werden. Sie bleibt das einzelstaatliche Problem, dessen Lösung in den Ländern erkämpft werden muß.
Boncour warnt vor ,, banalem Optimismus“. Genf , 14. April. ( WTB.) Paul Boncour gab bei einem Empfang der internationalen Presse der Meinung Ausdruck, daß die Auseinandersehung über das Abrüstungsproblem für die nächste Zeit außerhalb des Vorbereitungsausschusses und vor allem bei den Regierungen selbst liege. Eine Fortsetzung der bei den Regierungen selbst liege. Eine Fortsetzung der hiesigen Aussprache wäre nuglos, obwohl er dazu bereit sei. Um aber zu einem Ziel zu gelangen, müsse zunächst zwischen den Ka binetten verhandelt werden. Solange nicht von ihnen eine Ber ständigung über die wichtigsten Fragen, vor allem über die See a brüstung, aber auch über die Kontrollfrage erzielt sei, erscheint Baul Boncour die Annahme der zweiten Lesung wenig wahr scheinlich. Auch die gleichmäßige Regelung der Begrenzung der Effektivbestände bei Land-, Luft- und Seestreitkräften, die im Augenblid noch umstritten ist, erscheint ihm in dieser Hinsicht maßgebend. Auf französischer Seite verhehlt man sich nicht, daß England in der Kontrollfrage, vor allem in bezug auf die Verpflichtung, fich im voraus jeder Kontrolle auf eigenem Boden zu unterwerfen, lange nicht so weit geht wie Frankreich . Angesichts der augenblick lichen Lage, in der weder in der Flotten. noch in der Kontrollfrage das Kernproblem gelöst ist, warn Baul Boncour vor jedem„ ba- forge jedes Landes. In den einzelnen Ländern müssen Breise nalen Optimismus", obwohl er andererseits der Meinung ist, daß die bestehenden allerdings noch tief greifenden Unstimmig feiten überwunden werden können. Paul Boncour glaubt, daß die gegenwärtigen Abrüstungsverhandlungen am meisten durch den Umstand belastet werden, daß die Sicherheitsfrage, die eine Boraussetzung für die Durchführung der Abrüstung sei, seit dem Abschluß des Locarno- Bertrages noch teine weiteren Fort schritte gemacht hat. Nach seiner Auffassung hätten, da das Genfer Protokoll nicht zustande fam, menigstens die regionalen Sicherheitsverträge auf ben Baltan, das Baltitum und das Mittel meer ausgedehnt werden müffen.
In der internationalen Kartellierung sehen die Gewerkschaften eine weitere privattapitalistische EntI widlungsphase. Sie ist doch nur der Ausdruck dafür, daß