Abendausgabe
Nr. 383 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 189
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10 Pfennig
Montag
15. August 1927
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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands
Die„ Bremen " über dem Atlantik .
Keine Meldungen, seitdem das Flugzeug die irische Küste verlassen hat. Notlandung der Europa in Bremen wegen Motordefekts und schlechten Wetters.
Die Ankündigung einer Wetterbesserung über dem Ozean hat am Sonntagabend 6 Uhr auf dem Dessauer Flugplatz den Aufstieg der eigens erbauten Ozeanflugzeuge„ Bremen " und„ Europa " zum ersten deutschen Amerikaflug veranlaßt. Die Flugzeuge schlugen bald verschiedene Streden ein, ,, Bremen " hielt fich füdlicher.„ Europa " stieß über der Nordfee auf so schlimmes Unwetter, daß die 52- Stundenflieger
Edzard und Risticz es vorzogen, nach Bremen zurüdzukehren, wo bei der Notlandung das Flugzeug einige Beschädigungen erlift.
,, Bremen " flog über Südengland und Irland dahin und hat heute früh 5,15 Uhr Dublin überflogen und das offene Weltmeer erreicht. Man ist berechtigt, mit dem Erfolg der„ Bremen " unter ihren Führern köhl und Loose zu rechnen. Selbft für den Fall eines Unglücks, das zum Niedergehen auf das Meer zwingen würde, find den Fliegern der Bremen " alle Mittel mitgegeben, die ihr Leben zu retten geeignet sind. Den unfriegerischen, ausschließlich völkerverbindenden Charakter der deutschen Fliegerei hat eben noch ihr Großmeister, Professors Junkers, feierlich ver
fündet.
Ueber den Flug der Bremen " liegen, nachdem sie das Festland verlassen hat, nachstehende Meldungen vor. Weitere Nachrichten sind vorläufig faum zu erwarten, das Flugzeug müßte dann gerade von einem Schiff gesichtet werden.
London meldet durch Funkspruch, daß die Bremen " um 2,45 Uhr Fleetwood unter startem Regen passiert hat. Die Maschine ist sehr niedrig geflogen. Fleetwood liegt 35 Meilen nördlich von Liverpool an der englischen Westküste an der Morecambebay.
Nachdem die„ Europa " bereits etwa eine halbe Stunde über der Nordsee flog, trat aus bisher unaufgeklärten Gründen eine Motorstörung ein, die den Flugzeugführer veranlaßte, in der
London , 15. Auguft.( Eigenbericht.)
Der Ozeanflug der„ Bremen " ist heute vormittag 5,15 Uhr über Dublin gesichtet worden. Das Flugzeug hatte Kurs auf Neu- Fundland.
London , 15. Auguft.( Eigenbericht.) Die„ Bremen " hat 7,15 Uhr die irische Küste verlassen und damit die Route über den Atlantik eingeschlagen.
Dessau , 15. August, 13,30 Uhr. Nach soeben in Dessau eingetroffenen amerikani. fchen Wettermeldungen herrscht auf dem Atlantischen Ozean Weststurm der Stärke 11 bis 12.
Nordwestwinde herrschen, weiter westlich dagegen schwacher Ost wind. Hiernach fliegt ,, Bremen " auf der er st en Flughälfte gegen den Wind, nachher aber mit dem Wind. Zwischen den Bermudas Inseln und Grönland zieht sich, etwa 500 bis 1000 Kilometer östlich der amerikanischen Küste, eine Hochdruckrinne hin, auf der Insel Neufundland herrscht eine Depression, die sich bis 50 Kilometer östlich hinzieht.
New York , 15. August. Die Blätter bringen ausführliche Einzelheiten über den Start der Junkersflieger und über die Fortschritte der„ Bremen " unter riesigen Ueberschriften. Ein Artikel der" World“:„ Aller Augen find auf den Himmel geheftet" bezeichnet die Woche, die mit dem Start in Dessau . begann, als denkwürdig in der Geschichte des menschlichen Flugs, einerlei, ob das Unternehmen erfolgreich jei oder nicht. Ueberall werden eingehende Beschreibungen und Abbildungen der Flugzeuge veröffentlicht, ebenso die Bilder der Flieger und des deutschen Generalkonsuls v. Lewinski, der an den Empfangsvorbereitungen tätigen Anteil nimmt. In Boston werden Empfangs
vorbereitungen im größten Ausmaß getroffen. Major Longam eder, der Kommandeur des Flugdienstes des ersten Armeekorps, gab bekannt, daß, wie seinerzeit beim Flug Nungeffers und Colis , ein Patrouillendienst organisiert wurde, um nach den Fliegern Ausschau zu halten. Der Flugplay in Boston ist nicht für eine Nachtlandung ausgerüstet, doch tritt der Scheinwerferdienst Die Stadt Boston hat nach dem der Küstenartillerie in Aktion.
Beispiel Philadelphias einen Preis von 25000 Dollar für die Landung eines europäischen Flugzeugs in Boston ausgelegt.
Man gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der Preis von einem deutschen Flugzeug errungen wird. In Chicago sind auf die Nachricht vom Abflug hin die Arbeiten für die Empfangsvorbereitungen beschleunigt der Empfang der deutschen Flieger in feiner Weise dem Wie der Major von Chicago , Thompson, erklärte, wird
worden.
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nachstehen, der Lindbergh bereitet wurde. Colonel Lindbergh selbst hat von New York aus den Junkersfliegern besten Erfolg wünschen laffen. Chamberlin startet am Dienstag früh von New York in der Richtung nach Boston ; er will der Bremen " entgegenfliegen. In Philadelphia hat der Empfangsausschuß bekanntgegeben, daß bereits alle Vorbereitungen beendet sind, und daß bereits Montag abend der Flugplag in vollem Umfang beleuchtet und mit Lichtzeichen versehen sein wird.
Wie der Sonderberichterstatter des WTB. erfährt, haben in der Leitung der Junkers- Werke bereits eingehende Besprechungen über die Frage stattgefunden, ob nach dem Unfall der Europa das dritte Ozeanflugzeug noch zum Start gebracht werden soil. Diese Erörterungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß Junkers sofort die nötigen Schritte einleitete, um alle mit einem dritten Flug zusammenhängenden Fragen zu flären. Eine erhebliche Rolle spielt die Kostenfrage, und sie dürfte auch die endgültige Entscheidung start beeinflussen. Die Junkers- Werte haben ficherungsfrage zu flären. Sollte die Entscheidung über den heute vormittag einen Beauftragten nach Berlin geschickt, die Ber= dritten Start positiv ausfallen, so tommt für den Flug nur die Bejagung der Europa in Frage.
Richtung nach Bremen zurückzukehren. Nachdem das Flugzeug noch Weihe eines neuen Bundesbanners.
eine weitere halbe Stunde über dem Bremer Hafen gefreuzt war, ging es um 21,55 Uhr, nicht wie gemeldet, um 23,01 Uhr, nieder. Infolge der starken Belastung der Maschine tam das Fahrgestell und der Propeller zu Bruch. Die Insassen sind völlig unverlegt. Die„ Europa " hatte bereits in der Gegend von Magde burg die Fühlung mit der Bremen " verloren.
Auch das Begleitflugzeug G 31 mußte wegen schweren Nebels in Bremen niedergehen. Es scheint aber auch, daß man angesichts der Wetterverhältnisse es für ein zu großes Risiko hielt, die schwere Junters- Maschine nach England über das Wasser fliegen zu lassen. Auf einem Streifen zwischen Bremen - Rotterdam einersetts und England andererseits herrschten schwere Gewitter.
Deffau, 15. Auguft.
Die Nachrichten von der Notfandung der„ Europa " in Bremen hat hier in Dessau tiefe Niedergeschlagenheit erweckt. Als Professor Junters die Meldung erhielt, traten ihm die Tränen in die Augen. Er fagte später einem Journalisten, daß die menschliche Kraft gegen solche Zufälligkeiten machtlos sei. Die Idee des Ozeanflugs werde aber trotzdem weiter betrieben und weiter getragen werden. Um so heißer seien die guten Wünsche und Hoff nungen, die die Bremen " auf ihrem Wege begleiteten.
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Für die Landung der Europa " sollen nach den bis herigen Berichten der Flieger zwei Gründe maßgebend gewesen sein, einmal der Nebel über der Nordsee und dann ein unerflär lich hoher Brennstoffverbrauch zu Beginn des Fluges. Nähere Einzelheiten über diese Tatsache liegen noch nicht vor, man wartet in Dessau die ausführliche Berichterstattung Rifticz' ab, der heute nachmittag mit der G 31 wieder in Dessau eintreffen soll. Vorläufig ist man nur auf Mutmaßungen angewiesen, weshalb der Motor, der doch gerade beim Dauerflug und auch bei den späteren Flügen bis in das letzte ausprobiert war, plöglich so viel Brennstoff verbraucht hat. Entweder hat die sogenannte Sparvorrichtung versagt oder es ist irgendeine Störung im Vergaser eingetreten. Ob die„ Europa " nach ihrer Instandsetzung noch einmal zum Ozeanfluge starten soll, ist noch nicht entschieden. Auf jeden Fall scheint nicht beabsichtigt zu sein, die in Bereitschaft gehaltene Reservemaschine D 1198 des gleichen Typs an Stelle der„ Europa " einzusehen.
Schlechtes Wetter?
Die Hamburger Wetterwarte meldet empfindliche Wetterverschlechterung über dem Ozean; seit 3 Uhr morgen starker Regen über Nordland und nordwestliche Winde Um 1 Uhe mittags von 40 bis 50 Stundenkilometer. Lauten die neuesten Wettermeldungen so, daß bis ungefähr zur Hälfte der Flugstrecke zwischen Irland und Neufundland
W. Tr. Leipzig, 14. Auguft.( Eigenbericht.) Früh am Sonntag ertönte der Weckruf durch die Quartiere. Erft jetzt fonnte man ein vollkommenes Bild von der reichen und schönen Beflaggung und Ausschmückung der Häuser bekommen. In indenau, wo etwa 11000 Magdeburger und Sachsen lagen, war besonders reiches Leben. Der um 10 Uhr zum Augustusplay abmarschierende Zug war schier endlos. In Eutrisch, einem rechten Proletarierviertel, an der Berliner Strecke, lagen auch die Berliner , aufs beste aufgenommen und verpflegt. Auch hier reicher Fahnen- und Farbenschmuck. In Stötterig, in Conne wiz, in Paunsdorf und wie die Vororte alle heißen, waren die auswärtigen Gäste verteilt.
Der Aufmarsch auf dem Augustusplatz war das großartigste und feltenfte Ereignis, daß das organisierte republika. nische Deutschland bisher gehabt hat. Nicht wenig trägt dazu aud die Bedeutsamkeit des Platzes selbst bei, der im Herzen Leipzigs gelegen, feit undenklichen Zeiten der Platz der Stadt ist. Eine Anzahl bedeutender öffentlicher Bauten, wie Theater, Universität, Reichspost, Museum, umringen ihn. Zu Ehren des Tages hatten Universität und Theater geflaggt, auch das Amts. gericht hatte die Reichsfahne gezogen. Die Reichs post und die Reichsbahn kann'en an diesem Tage die Reichsfahne nicht. Zur angegebenen Zeit setzte der Anmarsch ein. Zug um Zug fam mit sahmetternder Musik und stolz wehenden Fahnen heran. Bon allen Seiten strömte es unaufhaltsam zum Riesenplatz, dessen ge= famter großer Verkehr wie am Abend vorher vollkommen eingestellt mar. Biel hätte nicht gefehlt, dann wäre der Platz zu klein gewesen. Von der Höhe der Rednertribüne aus bot fich ein unvergleichliches Bild, das sich tief in die Seele prägte. Das deutsche Bolt, einig in seinen Stämmen", so beginnt der Text der deutschen Reichsverfassung. Hier sah man das Wort zur Wahrheit geworden. Alle, Bayern , Badener , Württemberger, Sachsen , Preußen, Hessen , Mecklenburger, auf diesem Riesenplatz vereint, alle unter dem schwarzrotgoldenen Banner.
Nicht ein Bundestag, sondern ein Verfassungstag war dieses Fest von Leipzig . Zum Verfassungstag wurden nur die nächstgelegenen Gaue verpflichtet, hier Leipzig , Halle, Magdeburg , Chemnitz , 3widau, Berlin , Brandenburg , Görliß, Oftsachsen und Großthüringen. Alle anderen Beteiligungen aus dem Reich erfolg ten freiwillig. Uebersicht man dies, so muß man sagen, daß Leipzig gegenüber den Berfassungstagen von Berlin und Nürnberg , ja fogar geçenüber den Bundestagen von Magdeburg und Hamburg
Vorbeimarsch am Leipziger Volkshaus.
ein weiterer gewaltiger Fortschritt ist. Man hatte am Sonntag auf dem Augustusplat angesichts dieses gewaltigen Heerbannes der Republik in ganz kurzer Zeit die Ueberzeugung gewonnen, daß, wenn dieser 100 000- Mann- Bloc jemals zertrümmert werden sollte,
das ganze Reich mit in Trümmern gehen würde. So gut aber, wie jede treffliche Rede, die am Sonnabend und Sonntag gehalten wurde, so gut war jeder einzelne Mann, jeder Jüngling, der auf dem Platz stand, ein Versprechen an die Zukunft, mit dem Banner Schwarz- Rot- Gold die Verfassung und damit das Dasein und die Weltgeltung des deutschen Volkes zu schüßen und zu sichern.
Dann, nachdem der Aufmarsch von weit über 100 000 mann mit über 1000 Fahnen, 35 Musikkapellen und 140 Spielmannszügen vollzogen war, begann
der Weiheaft für das neue Bundesbanner.
Als erster ergriff das Wort der Gauleiter des Reichsbanners des Leipziger Bezirks, Kreishauptmann Lange, und hieß die von nah und fern herbeigeeilten Reichsbannerleute in Leipzigs . Mauern auf das herzlichste willkommen. Er betonte den Charakter Leipzigs als einer Stadt der freien Künste und des freien Handels, in der nie. mals ein Fürst residiert habe. Nach ihm hielt der Vorsitzende des ADGB. , Reichstagsabgeordneter Peter Graßmann, die Weihe
rede.
Reichstagsabgeordneter Graßmann:
Der Reichsausschuß findet endlich Gelegenheit, seine Absicht, der Bundesleitung ein neues Banner zu stiften, zu verwirk lichen. Nicht als ob uns das alte, in schwerer Zeit geschaffene nicht mehr genügt hätte, aber wir Reichsausschußmitglieder waren der Meinung, daß das Wachsen, das Starkwerden unseres Bundes fichtbare Berkörperung finden müsse, auch in dem uns vorangetragenen
Fanal.
Wir haben die Reichsfarben zu den Farben unseres Bundes gemacht. Wir haber diese Farben hinausgetragen bis ins letzte Dorf, wir haben damit Propaganda gemacht
für den Gedanken der Reichseinheit, für den Gedanken der Demokratie, der Republik . Und wenn wir heute der Bundesleitung ein neues Banner geben, so soll damit mitnichten eine Hervorhebung gegenüber den sturmzerfetzten Fahnen dargelegt werden, den Fahnen, die die Kameraden sich mit ihren sauer verdienten Groschen geschaffen haben.
Aber in unserem neuen Banner soll zum Ausdruck kommen: Wir sind da! Ihr müßt mit uns rechnen! Wenn ihr eine falsche Rechnung macht, geht die Bewegung über euch hinweg.