1928
Der Abend
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66
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Nr. 446
B 221 45. Jahrgang.
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A. F. Bremen , 20. September. ( Eigenbericht.) Die Hansaffadt Bremen hat ihre Sensation: Obfchon fie verhältnismäßig wenig Juden zu ihren Einwohnern zählt, hat sie um so mehr Antisemiten aufzuweisen.
Seit einigen Wochen wurden in der lebhaften Bahnhofstraße, merkwürdigerweise immer Mittwochabends zwischen 11 und 12 Uhr, Paffanten mit schwarzen Haaren hinterrücs überfallen, mit Fäusten oder Schlagringen auf den Kopf geschlagen, zu Boden geworfen und getreten, alles ohne den geringen fichtbaren Grund. Nach vollendeter Tat verschwanden die meist jugendlichen Angreifer, ohne daß es gelang, einen zu fassen. Es waren immer fleine Banden von 6 bis 8 Burschen, die lediglich Lust zum Niederbogen von solchen Paffanten an den Tag legten, deren Haare oder Nasen ihnen nicht gefielen..
Da in einer Stadt wie Bremen , in der viele Vertreter der südländischen, besonders der spanisch- amerikanischen Volksstämme wohnen, die schwarze Haarfarbe fein Borrecht der Semiten ist, so blieb es nicht aus, daß die Hatentreuzstrolche auch Nichtjuden, darunter einen Italiener und am vergangenen Mittwoch gar
den brasilianischen Konjul verprügelten.
Der Ueberfall auf den brasilianischen Konsul in dem die Haten freuzler einen Juden treffen wollten, war befonders hinterhältig. Der Konsul tam friedlich aus dem Theater über den Wall, eine vornehme Verkehrsstraße im Zentrum, in Begleitung eines Freun des aus Chile .
Plötzlich erhielt er von hinten einen fräftigen Schlag, wahrscheinlich mit einem Schlagring, auf den Kopf, so daß er besinnungslos zu Voden fiel und mit dem Kopf so unglücklich auf das Pflaster aufschlug, daß er eine Klaffende Kopfwunde davontrug!
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Während sein Begleiter den nächsten Angreifer abwehrte der Ueberfall wurde von einem Rudel von sechs bis sieben Hafenfreuzftrolchen ausgeführt trat man dem liegenden Konsul auf den Rörper und auf die Hand. Beim Herannahen von Paffanten verdufteten die Angreifer in alle Binde. Der Konjul mar joschmer perfekt, daß er drei Tage das Belt hüten mußte.
Am gleichen Abend wurde in der Bahnhofstraße ein jüdische Mitbürger in der gleichen Weise von hinten angegriffen. Beim Fallen verlor er einen neuen Filzhut, den einer der Angreifer raubte.
Bei der Tolstoi- Feier entlarvt.
Der Polizei war es nicht gelungen, die Angreifer festzustellen, trotzdem etwa ein Dugend solcher Ueberfälle zu ver= zeichnen waren. Erst durch die Unvorsichtigkeit einer randalierenden Hatentreuzlergruppe während einer Tolstoi Feier im Bremer Schauspielhaus gelang die Feststellung eines der Haupttäter. Bei dieser Tolstoi- Feier war Professor Lessing- Hannover als Festredner angekündigt. Der Name Leffing genügte, um die prügelluftigen Antisemiten anzulocken, die die Feier zu stören beschlossen hatten. Pfeifen beim Erscheinen des Redners, Zwischenrufe antisemitischer Art, usw. Der Zuschauerraum wurde schleunigst erhellt und die Polizei entfernte die Störenfriede. Diese stellten sich nun nach Schluß der Feier vor dem Theater auf, um dort meiter zu randalifieren.
Teilnehmer an dieser Tolstoi- Feier war u. a. auch der jüdische Herr. Dieser erkannte in der Schar der johlenden Antisemiten jenen Burschen wieder, der ihm den Hut gestohlen hatte. Er ließ ihn sistieren. Bei der Vernehmung gestand der Jüngling, daß er auch am Ueberfall auf den brasilianischen Konsul beteiligt war und denunzierie, um nicht die Alleinschuld" auf sich zu nehmen, gleichzeitig einige feiner Kumpane.
So wurde nun festgestellt, daß die zahlreichen unaufgeflärten und unerklärlichen Ueberfälle
organisierte Bandenüberfälle des Rollfommandos der Nationalfozialistischen Partei
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waren, die jeden Mittwoch ihre Parteiversammlung abhielt und hinterher nachdem die Mitglieder durch Reden und Alkohol besoffen gemacht waren diesen bandenmäßigen Krieg gegen die schwarzen Haare friedlicher Passanten ausführte.
Der Ueberfall auf den brasilianischen Konful wird Bremen in biplomatische Berwidlungen mit ber brasilianischen Regierung führen. Es wird nichts anderes übrig bleiben, als daß Bremen , das so stolz auf seinen Handel mit Brasilien ist, sich für die Lausbübereien der Hakenkreuzler feierlich entschuldigen muß. Selbstverständlich wird die Sache auch noch ein gerichtliches Ragipiel haben,
Der Erfolg des Schraubenflugzeuges.
Der spanische Flieger La Ciarva hat in dem von ihm konstruierten Schraubenflugzeug den Aermelkanal überquert und ist auf dem Flugplatz von Le Bourget gelandet. Der Apparat hat in geringer Höhe über dem Führersitz ein frei drehbares Flügelrad angebracht, das mit seinem Durchmesser von 25 Metern die gesamte Länge des Apparates um das Doppelte übertrifft. Durch diese Schraube ist es möglich, auf einer Fläche von nur fünf Metern zu starten und zu landen. Ciarva hat seine ersten Flugversuche in Berlin unternommen.
Was Stadtbaurat Wagner fagt.
Die Berliner Wohnungsnot ist in den letzten Jahren durch den starken Zustrom aus der Provinz immer stärker geworden. Alle Vorschläge der Sozialdemokratie, den Wohnungsneubau durch große Bauvorhaben zu unterstüßen, sind immer auf Widerstände gestoßen. Die Bürgerlichen haben vereint mit den kommunisten gegen
die Wohnungsbauvorlage des Magiftrats geftimmt. Berlin muß, wenn es in 10 Jahren aus der Wohnungsnot heraus sein will, jährlich 45 000 Wohnungen schaffen. In den letzten Jahren war die höchste Ziffer, und zwar die im Jahre 1927, 19.500 Bohmungen. Auf die Frage, ob es der Stadt Berlin möglich ist, die Neubautätigkeit so zu beleben, daß über das Doppelte des jetzt erstellten Wohnraumes gebaut werden kann, antwortete Stadtbaur at Dr. Wagner in einer Mitgliederversammlung des Kreises Charlottenburg, die am Mittwoch im Eden- Palast abge halten wurde. Er führte aus:
In der Weltstadt Berlin ist das Wohnungselend besonders start, und doch ist es gerade in Berlin am schwersten, der Wohnungsnot zu Leibe zu gehen.
Die Berliner Kommunalpolitik ist abhängig von der Politik im Reich und Preußen.
In Berlin wird immer die Reichs- und Staatspolitik im Border. grund stehen. Bien ist darum günstiger gestellt, weil Wien ein Staat für sich ist und dort die Sozialdemokratie die Boh nungsfrage zum Kernproblem ihrer fommunalen Arbeit gemacht hat. Auch bei den Wahlen in Desterreich hat die Wohnungsfrage
eine entscheidende Rolle gespielt. Die Weltstadt Berlin so aftionss fähig zu machen, daß auch hier die Sozialdemokratie in den Massen die Unterstützung für ihre Arbeit findet, ist schwer. Aber ohne diese Unterſtüßung fann diese Aufgabe nicht gelöst werden.
Der Wohnungsbau ist abhängig vom Kapital, vom Boden, von dem Baustoffmarkt und von der Arbeiterfrage. Den Grundstock der Finanzierung der Neubauten bilden heute die Hauszinssteuerhypothefen. Diese Steuer, die geschaffen wurde, um Kapital für den Wohnungsneubau zu erhalten, wird heute zumeist zur Ausbalancierung der Etats verwandt. Berlin muß von seinen ihm zustehenden 170 Millionen aus dieser Steuer 50 Millionen in den Ausgleichsfonds zahlen. Damit werden in den tleineren Städten Wohnungen gebaut. Diese Maßznahme ist ungerechtfertigt. Die Sozialdemokratie muß an ihrer Ferderung festhalten, daß dieses Geld nach Berlin tommt. Gie muß auch bei ihrer Forderung bleiben,
daß die Mittel der Hauszinssteuer refllos dem Wohnungsbau zufließen.
Wenn wir das durchsetzen, dann fann Berlin seine Aufgabe lösen, im Jahr 45 000 Wohnungen zu bauen. Außer den Mitteln der Hauszinssteuer werden noch Kapitalien für die weiteren Hypotheken gebraucht. Die Beschaffung von Inlandkapital ist nicht so schwierig. Das Kapital wird gern nach Berlin gegeben, weil es sich hier un eine aufstrebende Stadt handelt. Aber das Inlandtapital reicht nicht aus. Wir müssen auch vom Ausland Anleihen erhalten. Nur dadurch können wir die Bauwirtschaft anturbeln und Werte schaffen. Die Sozialdemokratie muß ihr Augenmerk auch darauf richten, daß die Sparkassen und die Reichsversicherung, deren Kapitalanjammlung von den Arbeiterkreisen fommt, nicht allein der Großindustrie zugute tomme. Wir müssen verlangen, daß diefes Kapital der Baumirtschaft gegeben wird. Die Bodenfrage bildet feine so große Schmierigkeit. Berlin hat Bodenraum, um 50000 Wohnungen jährlich zu bauen. Durch eigenes Bauland ist die Stadt in der Lage, den Bodenwucher zu verhindern. Die Sozialdemokratie