Der Abend
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Nr. 70
B 35 48. Jahrgang
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Die große ,, nationale" Efelei
Auch Rechtsblätter verurteilen fie!
Belche Eselei die nationale Oppofition" mit ihrem Auszug aus dem Reichstag begangen hat, zeigt schon die Haltung der Rechtspresse selbst. Sie ist gespalten. Die drei unter der Fuchtel Hugenbergs stehenden Blätter Lokal- Anzeiger",„ Tag" und Deutsche Zeitung" müssen den Ausmarsch verherrlichen. Die., Deutsche Tageszeitung". das Bandbundorgan, und die beiden Unternehmerblätter ,, Berliner Börsenzeitung“ und„ Deutsche Allgemeine Zeitung" verurteilen ihn.
Wirklich begeistert ist nur die ,, Deutsche Zeitung". Sie bringt das Ganze unter der Ueberschrift ,, Der Reichstag gesprengt." Aus den beiden anderen Hugenberg- Blättern flingt es schon viel gedämpfter. Die Deutsche Tageszeitung" gibt der Befürchtung Ausdrud, daß bei längerer Abwesenheit der Rechtsparteien ,, die Landwirtschaft noch stärker als bisher von dem guten oder schlechten Willen der Regierung abhängen wird". Auch die Stellung der Sozialdemokratie werde mir gestärkt werden. Die„ Berliner Börsen
Heute spricht Reichstagspräsident Löbe.
3m Programm der Aktuellen Abteilung der FunkStunde( Bortragsreihe„ Wovon man spricht") wird heute, Mittwoch, den 11. Februar, 20% Uhr, Reichstagspräsident Cobe über„ Die neue Geschäftsordnung und die Arbeitsfähigkeit des Reichstags" sprechen.
zeitung" bezweifelt, ob der Ausmarsch opportun und im Intereffe der Nation ist". Und die„ Deutsche Allgemeine Zeitung", die vor furzem noch nahe daran war, sich Hitler an den Hals zu werfen, marnt jetzt vor Größenwahnsinn".
Die sogenannten nationalen" Journalisten haben gestern zugleich mit ihren Abgeordneten den Reichstagsjaal verlassen. Die Hugenberg- Bresse hat kein Wort von der außenpolitischen Debatte berichtet. Der Tag" freilich meint etwas fleinlaut:
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Wahrscheinlich wird uns allerdings der Inhalt der CurtiusRede zu einer eingehenden kritischen Stellungnahme zwingen. Wir werden morgen hierauf zurüdtommen.
Offenbar sind die Journalisten Hugenbergs in der peinlichsten Berlegenheit. Sie warten nur darauf, daß sie durch die Rückkehr der Deutschnationalen in den Reichstag aus ihrer lächerlichen Situation befreit werden. Der von Hugenberg unabhängige Teil der Rechtspresse hat den Unsinn natürlich gar nicht mitgemacht.
Die Presse der Mitte ist auf einen ironischen Ton ge= stimmt. Den ,, Geflüchteten" ruft die ,, Germania " nach:„ Wir haben teinen Verlust zu beklagen, und das Wiedererscheinen der Rechtsradikalen wird kein Gewinn sein."
Besonders schlau ist, wie immer, die Rote Fahne ". Ihrem Scharfblic entgeht nun einmal gar nichts! So hat sie auch diesmal wieder richtig herausgebracht, daß die verruchte SPD. an allem schuld hat. Die Arbeiterschaft", schreibt das hellsichtige Blatt ,,, darf sich durch dieses Manöver nicht täuschen lassen." Denn die Sozialdemokratie führt ihre„ fleinen Scharmützel mit der Nazikonkurrenz" nur, um die Arbeiter vom wirklichen Kampf abzuhalten. Brüning steckt nämlich mit den Nazis unter einer Decke, die Sozialdemokraten aber na, man weiß schon Bescheid! Ein Glück mur, daß die ,, Rote Fahne" es mit allen aufnimmt:
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Sie wollen den Bürgerkrieg. Sie sollen sich dann nicht beflagen, wenn die Arbeiterschaft mit ihnen so ver fährt, wie es nun einmal Kriegsbrauch ist.
Wege vor dieser Last drücken.
Die Reederei Bogemann ist mit ihren zwei Schiffen, rund Schiffe unter deutscher Flagge gibt, die sich auf ganz„ legalem" 8000 Br.-R.-T., unter die Flagge des nordamerikanischen Vasallenftaates Panama geflüchtet. Dieser Fall hat in der Preffe eine hoffentlich heilsame Erregung hervorgerufen. Gewiß ist es ein Stüd deutschen Bodens", das verloren geht, die Fahnenflucht ist auch ein ,, nationales Berbrechen" aber
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dies Verbrechen geschieht jeden Tag. Für Seeschiffe besteht kein Ausfuhrverbot. Bogemann verleht tein geschriebenes Gejeh. Er will fich als Deutscher vor den Steuern und den Lasten der sozialpolitischen Gesetzgebung„, reffen",
schließlich ein Verbrechen, das alle deutschen Kapitalisten begehen möchten. Er geht nur einen neuen Weg, Löhne zu sparen Cohndruck ist heute doch der Gipfel wirtschaftspolitischer Staatskunst. Ueber die Hintergründe dieses Flaggenstandals und seiner Vorgänger erfahren wir aus dem Vorstand des Gesamtverbandes der für die Schiffahrt zuständigen Gewerkschaft noch folgende Einzel
Wenn jetzt Brüning und die Sozialdemokratie unterlassen, Schulter an Schulter mit den Nationalsozialisten den Bürgerkrieg zu beginnen, so sicher nur darum, weil die„ Rote Fahne" sie recht- heiten: zeitig gewarnt hat!
Nur ein bißchen Theater!
Der Fall Vogemann ist typisch für das„ Nationalgefühl" gewisser kapitalistischer Kreise. Wenn zum Beispiel die Rheinprovinz nicht wert ist, eine wirtschaftskrise durchzufämpfen wie Herr Ueber die weiteren Pläne der ,, nationalen Opposition" weiß die Thyssen, der ist sicher alles andere eher, denn ein Patriot. Bommersche Tagespoſt" zu berichten: Herr Bogemann kann sich sogar geirrt haben, wenn er glaubt, allein an Lohn 25 Proz. zu sparen.
Die Nationalsozialisten haben, wie man hört, die Absicht, bis auf einige Beobachtungsposten im Reichstag, Berlin überhaupt zu verlassen, auch an den Ausschußverhandlungen nicht länger teilzunehmen und sich nur bereitzuhalten, um auf telegraphische Anforderung hin wieder in den Reichstag vorzustoßen, wenn es gilt, irgendeinen neuen heimtückischen Anschlag gegen die Opposition abzumehren. Die Deutschnationalen werden sich voraussichtlich das Spiel der Mitte und Linken aus größerer Nähe ansehen und vielleicht etwas häufiger an den Plenar und Ausschußfizungen teilnehmen, als Aufpasser sozusagen, damit sich die Young- Mehrheit nicht allzu sicher fühlt.
Hugenberg als Horchposten für Goebbels . Das ist auch ganz gut!
Pan na hat keine Seegesetzgebung. Also ist nicht nur der Reeder, sondern auch der Seemann von Pflichten befreit. Wenn Bogemann die richtige Besagung bekommt, kann ihm der Spaß recht teuer werden. Will die Reederei aber Schutz genießen, dann kommt nur die USA. - Gesetzgebung in Frage, und vor dem seemännischen Recht der USA . schlagen die deutschen Reeder die Kreuze..
Die Löhne und die sozialpolitischen Lasten dürften erst in zweiter Linie Bogemann zur Flucht veranlaßt haben. Als Reeder weiß er, daß es auch
farbiges Berjonal. Es droht die Gefahr, daß die Werften Die Bremer Hansa- Linie hat zum Beispiel auf 300 000 Tonnen Gelder aus öffentlichen, Mitteln zum Neubau Schiffen bekommen. Schon einmal befamen die deutschen Reeder 50 Millionen Mark und sie bauten zum Teil Schiffe, auf denen nicht deutsche Seeleute, sondern Farbige fahren, zu
Löhnen, die 60 Pro3. unter den Tariflöhnen liegen. Aber diese Reeder bleiben weiter brave Deutsche und Patrioten weil sie wenigstens Steuern zahlen.
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Das peinliche Aufsehen, das der Fall Bogemann erregte, follte der Regierung zu denken geben. Sollte es keine Mittel geben, die Berschiebung deutscher Schiffe unter ausländische Flagge, die ja nur Schiebung und fein echter Verkauf ist, in ihren steuerlichen und sozialpolitischen Folgen unmöglich zu machen? Wir müssen diese Frage stellen, obwohl wir fürchten, daß sie müßig ist. Dort, wo die Regierung die Macht hat, solche Schiebungen unmöglich zu machen, macht sie von ihr feinen Gebrauch.
Im Gegensatz zu den Seeschiffen ist die Ausfuhr von Binnenschiffen noch immer verboten. Trotzdem vergeht fein Monat, in dem nicht deutsche Rheinschiffe plötzlich die holländische Flagge zeigen. Ueber die Art, wie diese Flaggenänderung vor sich geht, ließen sich lange Artikel schreiben. Für heute genüge ein Wort des Herrn Stegerwald, als er noch Reichsverkehrsminister war. Er nannte eine solche offen= bare Schiebung ,, eine Verständigung zur Vermeidung unwirtschaftlichen Wettbewerbs... Eine solche internationale Wirtschaftsverständigung muß... als erfreulich bezeichnet werden".
Der Nachweis ist erbracht, daß die Neederlandsche Stoomboot Reederej eine Tochtergesellschaft der deutschen Schieber ist. Die Aktien befinden sich in den Händen der deutschen Firma, die Aufsichtsratsmitglieder und der Generaldirettor find hüben und drüben dieselben Personen.
Durch den Flaggenwechigl wurden 60 deutsche Binnenschiffer erwerbslos.
Nach dem Rheingutachten sind 40 Broz. der holländischen Binnenschiffahrt in deutschen Händen, ebenso 80 Broz. der kleinen Schweizer Flotte. Im Handelsblatt der DA3." wurde kürzlich bemerkt:
,, Die Neubautätigkeit der deutschen Reedereien hat sich allerdings fehr oft unter fremde Flagge verlegt. Deshalb konnte die Schweizer Flagge nach dem Kriege mit 80 000 Tonnen und 6000 PS. neu auftreten und die holländische Flagge um 1,5 Millionen Tonnen und 57 000 PS. zunehmen, während die deutsche Flagge nur einen Zuwachs von 170 000 Tonnen und 33 000 PS. erjuhr."
In der Rheinschiffahrt ist also auch schon der zweite Weg beBehebung der deutschen Not zu befreien. Diese schritten worden, deutsches Eigentum vom Beitrag zur Schiffe tommen gar nicht erst unter deutsche Flagge, sondern sind von Geburt Holländer. S
Wie bei Vogemann ist auch bei den deutschen Rheinreedern, glänzen, die Triebfeder Abneigung vor anständigen unter denen Namen wie Stinnes, Thyßen, Haniel usw. öhnen. Die holländischen Binnenschifferlöhne liegen 30 bis 40 Broz. unter den deutschen . Die Rheinreeder haben erst in diesen auch die Arbeitsbedingungen und sozialen Tarifbestimmungen dem Tagen bekanntgegeben, daß nicht nur die deutschen Löhne, sondern holländischen Maß angepaßt werden müssen. Geschehe das nicht, bleibe nur die
Flucht unter holländische Flagge. Die Drohung ist ein Erpressungsmanöver, das die Pa trioten in die Unternehmerfront zwingen soll. Daß die Rheinreeder die Binnenschiffer zu Wasserzigeunern machen, fümmert die bürgerliche Presse nicht. Ihr Gefühl für nationale Würde reicht nicht so weit, zu erkennen, daß Hungerlöhne und Arbeitsbedingungen, wie sie vor 30 Jahren in der Schiffahrt üblich waren, die Flagge schänden. Eine Nation, die etwas auf sich hält, eine wirklich nationale Regierung müßte Schiffen mit Arbeits