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Sonnabeno, den 23. September 1922
5. Jahrg, Nummer 341
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Freiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Der Geraer Parteitag zur Einigung
( Eigenbericht der Freiheit")
Gera, 22. September.
Die Kritik an dem Bericht der Fraktion, die in der gestrigen Nachmittagssigung geübt worden war, war das Vorspiel zu der Einigungsdebatte, die den Parteitag von nun an bis zu seinem Ende beherrschen wird. Daß noch nicht alle Bedenken gegen das im übrigen fast restlos gebilligte gemeinsame Programm und gegen die Organisationsgrundlage beseitigt sind, zeigt der Antrag von 84 Genossen, der die Sicherung der Unabhängigkeit der Presse in der geeinten Partei fordert. Seine Unterzeichner fürchten zwar nicht eine Wiederkehr der nur während des Krieges unter dem Belagerungszustand möglichen Vorkommnisse. Ihnen erscheint aber ein offenes Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Presse sowohl gegen politische als zentralistische Einflüsse aus äußerlichen Gründen notwendig. Man hat aber auch gar feinen Zweifel gelaffen, daß die Einigung auf der anderen Seite im selben Sinn aufgefaßt wird, zumal die diesbezüglichen Organisationsbedingungen beider Parteien völlig übereinstimmend sind.
Nach der Erteilung des Wortes an den Genossen Erispien setzt sofort ein großer Andrang zur Rednerliste ein. Das läßt erkennen, daß nicht wie in Augsburg völlige Uebereinstimmung über die Einigung besteht und daß daher von einer Debatte nicht abgesehen werden kann. Nach den wochenlangen erschöpfenden Debatten über die Notwendigkeit der
Einigung konnte man selbstverständlich von dem Referat des Genossen Crispien feine wesentlich neuen Gedankengänge erwarten. Crispien handelte deshalb vollkommen richtig, als er feine Aufgabe vor allem darin sah, noch einmal plastisch nachzuweisen und in großen Zügen darzustellen, was die Einigung notwendig, was sie erstrebenswert macht. und was sie der deutschen Arbeiterklasse bringen tann. Zunächst wies er die lächerliche Redensart, es habe sich in
geordneter Bedeutung. Dann Kritik an diesem, Kritik an jenem, aber nicht ein einziger positiver Gedanke, der eine ernsthafte Erwähnung verdiente. Es ist bitter, das feststellen zu müssen. Sticht nur, weil Ledebour mehrere Jahrzehnte der Arbeiterbewegung nach bestem Wissen und können gedient hat, sondern weil damit auch offenbar wird, wie wenig der großes Ansehen genießende Führer die Erfordernisse der Situation begriffen hat.
Aber noch etwas anderes muß offen gesagt werden. Die Spaltung in Halle hat zwar der Partet und der deutschen Arbeiterbewegung schweren Schader zugefügt, sie hat ihre Kräfte gelähmt, ihren politischen Einfluß vermindert und viele, die irre wurden, zur Seite gedrängt. Aber doch gab es in Halle etwas Aber doch gab es in Halle etwas Großes und Erhebendes. Das war die moralische Erhöhung, die der Sieg des sozialistischen Gedankens damals über den despotischen und anarchistischen davongetragen hat. Halle war eine zwar mit großer Erbitterung geführte Auseinandersetzung, aber doch ein geistiges Ringen, ein Kampf zwischen zwei Weltanschauungen, in denen die hohen politischen Ziele, für die wir fämpfen, weithin leuchtend sichtbar waren. ringste von solchen großen Gedanken zu spüren. Er sah nicht das, was das Interesse des Proletariats, das, was der Ernst der bis zum Plagen gespannten politischen Lage erfordert. Was jeder Arbeiter nach dem Rathenaumord einfah, er hat es nicht begriffen. So war die Stelle seiner Rede, in der er den Augenblick glücklich pries, wo er die Erklärung abgegeben habe: Das mache ich nicht mit," das geistige Ende seiner politischen Tätigkeit. Er hatte nur ganz vereinzelten Beifall, als er geendet hatte, und wer sich mit ihm in dem Wahn bewegt, durch neue Zersplitterung, durch Bildung einer kleinen Sette politisch arbeiten zu können, der wird in wenigen Wochen völlig vereinſamt sein.
In dem Referat Ledebours war auch nicht das ge
Das war auch die Feststellung, mit der Genosse Berten die Reihe
Von den Gegnern der Einigung sprach nur Rosenfeld. Es ist bemerkenswert, daß er sich zustimmend zu einer Resolution des Genossen Dißmann äußerte, die die bisherige Koalitionspolitik der SPD. verurteilt und als eine dauernde Schädigung der Juteressen des Proletariats bezeichnet. Da diese Rejolution ferner erklärte, daß die Delegierten der USPD. auch in der neuen Partei sich in der Frage der Koalitionspolitik zum Leipziger Manifest bekennen, bezeichnete Genosse Stein sie mit Recht als verhängnisvoll und im letzten Stadium der Debatte eingebracht für eine leberrumpelung des Parteis tages. Er warnte deshalb vor deren Annahme, deren Wirkung sich nicht vorher sagen lasse. scheint auch inzwischen die Meinung des Genossen Dißmann geworden zu sein. Die Resolution wird zurückgezogen und nur als persönliche Bemerkuna dem Protokoll einverleibt.
2. Verhandlungstag ( Eigener Drahtbericht.)
Dies
Gera, 22. September. Vorsitzender Dittmann eröffnet die Sibuna, verliest die zum dritten Punkt der Tagesordnuna vorliegenden AnGenossen Crifpien träge und gibt dem das Wort au seinem Referat:
Die Einigung des Proletariats
Der Redner aeht nach einigen einleitenden Worten auf die Situation ein, die sich durch den Rathenan- Mord ergab. Es sei nicht lediglich, wie manche gesagt haben, nur ein Mann" ermordet worden. Die Reaktion babe den Plan aehabt, durch die Ermordung Rathenaus die Arbeiterklasse
Au provozieren, fie an unüberlegten Schritten an verleiten. um dann unter dem Nimbus der„ Errettung des Vaterlandes" vom Bolichewismus mit Strömen von Blut die Republik und die Demokratie au beseitigen. Die ArbeiterElaffe aber hat ein dringendes Interesse an dem Bestand der Republik, und in die gewaltige Abwehraktion der Wassen reihten sich nicht nur die Kommunisten, sondern auch bürger
Deutschland seit dem Rathenaumord nichts geändert, Illusion sei es von Ledebour, anzunehmen, daß mehrliche Schichten ein. Als dann aefordert wurde, die Regierung
Mord an Rathenau neue Ausblicke eröffnet oden Einficht verschafft, wohl aber der großen Masse der Arbeiter, die den Ernst der politischen Situation vorher nicht erkannt hatten. Jetzt aber sehen sie, was wir lange wissen, daß mit dem Rathenaumord verbunden war die Absicht der Förderung einer bolichewistischen Diktatur, um so durch spätere Niederschlagung der Arbeiterklasse der Reaktion die Wege zu ebnen, wenn der bolschewistische Terror die notwendige psychologische Stimmung dafür geschaffen haben würde. Es gilt deshalb, die Republik zu schüßen, nicht allein der Republik wegen, sondern vor allem wegen der er höhten Schlagkraft der sozialistischen Bewegung. Eingehend widerlegte Crispien auch die Anschauung, als ob alle Mittel, die die Arbeiter klasse im politischen Kampf anwendet, starre Grundsäze verkörpern, die nie geändert werden dürften. Der einzige Grundsatz, der die sozialistische Bewegung stets beherrscht, ist der des Klaffentampfes. Er bedeutet die Erkenntnis, daß zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse ein unüberbrückbarer Gegensatz Klafft, den nur der Kampf überwinden kann. Eingehend legte auch Crispien den Unterschied zwischen Sem opportunistischen Standpunkt zur Koalition mit den bürgerlichen Parteien und unseren Standpunkt dar. Nicht dauernde Zusammenarbeit der Klassen erstreben wir, sondern die gelegentliche Zusammenarbeit nehmen wir dann in den Kauf, wenn sie den Interessen des Proletariats dient und seine Kampfesfähigkeit stärkt.
Seine fast zweistündige Rede beendete Crispien mit dem Bekenntnis zur kameradschaftlichen Austragung aller immer bestehenden Meinungsverschiedenheiten und einem Ausblick auf die segensreiche Wirkung, die die Einigung der Arbeiterklasse nicht nur der politischen Bewegung, sondern auch den Gewerkschaften und Genossenschaften, und unserer Arbeit im Reich, in den Ländern und Gemeinden eröffnet. Was Crispiens Referat auszeichnete, die Hervorhebung der zwingenden Umstände und der leitenden Gedanken, die zur Einigung treiben, das fehlt im Korreferat von Ledebour völlig. Dessen Rede war eine Aneinanderreihung einzelner Tatsachen, meist von unter
als nur einige Dußend Menschen hinter ihm ständen. Und als bezeichnendes. Beispiel für die Einflußlosigfeit der wenigen als Gegner der Einigung auftreten den Genossen, teilte er zum größten Erstaunen des Parteitages mit, daß Obuch, einer der Unterzeichner der Resolution Ledebours, bisher in Rheinland
Westfalen verschwiegen habe, daß er Gegner der Eini
gung sei.
In der Nachmittagssizung wurde die unter der vollen Aufmerksamkeit des Parteitages vor sich gehende Debatte durch einen Schlußantrag beVormittagssitzung entgegengenommen, die dann auch endet. Die Schlußworte werden erst in der morgigen einen rechtzeitigen Schluß des Parteitages bringen wird, damit die Abreise nach Nürnberg am Tage erfolgen fann.
Von den sechs Rednern, die zu Worte kamen, sprachen fünf für die Einigung und nur
Rosenfeld dagegen. Die Gedankengänge der fünf waren durchaus nicht einheitlich. Den Reigen der Redner eröffnete Dißmann. Er beklagte Vedebours Absplitterung, dem er sich innerlich so außerordentlich verwandt fühle. Daher war es verständlich, daß er von Crispiens Rede schmerzlich berührt war. Er habe den Eindruck erweckt, daß die USPD. mit der Einigung ihre Grundsäße aufgeben werde. 3ubeil unterstützt ihn darin, fand aber den lebhaften Beifall des Parteitages, als er erklärte, er wolle nicht zurückbleiben. Auch Toni Sender äußerte Bedenken gegen die Einigung, aber nicht wegen des Zeitpunktes, sondern wegen der Art. Die Einigung sei nicht im Stampfe, sondern auf dem Wege von Verhandlungen erreicht worden. Auch Genosse Stein( Berlin) äußerte gewisse Bedenken und forderte vor allem rüdhaltlose Anerkennung der Meinungsfreiheit. Einigung sei kein Aufgehen in die SPD. mit der VSPD. Es wird eine neue Partei geschaffen, der die beiden bisherigen Parteien zum Opfer fallen. Aehnliche Bedenken äußerte Genosse Breitscheid; er wurde vom lebhaften Beifall des Parteitages unterstützt, als er erklärte, daß wir nichts aufzugeben haben, insbesondere aber nicht unsere Gedanken während des Krieges, die wir nach wie vor für richtig halten.
Die
bereit erklärte. angesichts der außergewöhnlichen Lage in die Regierung zur Durchführuna bestimmter Aufgaben einzutreten, da entstand sofort wieder die
Einheitsfront des Bürgertums. Die geforderte Verbreiteruna der Regieruna nach rechts lehnte auch die mehrheitssozialdemokratische Partei mit einer
erfreulichen Entschiedenheit ab. Die dann erfolgte Bildung
der Arbeitsgemeinschaft der beiden sozialistischen Barteien trua nur einer vorhandenen Tatiache Rechnung.
Schon 1921 hatte die USP. in einem Aufruf überall die Bilduna von Arbeitsgemeinschaften anaereat. und so ent sprach die erfolate Bilduna einer solchen nur der schon vor
handenen, feinerzeit einstimmia acbilligten Absicht unserer Partei. Der nächste Schritt waren die Verhandlungen zur Schaffung eines Aktionsprogramms. Gin ar kaügiges Programm wird durch aemeinsame Arbeit der wieder= vereinigten Parteien aeschaffen werden. Das AktionsproAramm enthält das Bekenntnis zum Klaffenkampf. Wer den Klassenfampf will, lehnt die Klaffenbarmonie ab. Die proarammatische Niederleauna diefer Gedanken ist befriedigend.
betrifft, so fet auf die Resolution des Genossen Bebel auf
Was das Zusammengehen mit bürgerlichen Parteien andem Parteitag 1903 zu Dresden hingewiesen: wenn ein ganz bestimmter Zweck erreicht werden kann, sei ein vorüberge hendes Zusammengehen mit bürgerlichen Parteien möglich. Schon 1900 war von Bebel und Kautsky die Frage des Zusammengehens mit bürgerlichen Parteien als eine taktische bezeichnet worden. Koalitionspolitik dürfe nicht betrieben werden mit dem Ziel der Versöhnung der Klaffen. Darum mußten wir in bestimten Situationen die Koalitionspolitik bekämpfen. Heute, wo feine der beiden Klassen, Bourgeoisie und Proletariat, über das Uebergewicht verfügt, ist sowohl eine rein sozialistische als auch eine rein bürgerliche Regierung unter gegenseitier Dul duna möalich. ebenso eine Koalitionsregierung. Eine Arbeiterreaierung brauchen wir nach kommunistischem Muster nicht zu fordern, fie ergibt sich als Resultat der siegreichen Kämpfe des Proletariats.
Unsere Stellung zur rein bürgerlichen Regierung ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Die Differenzierungen find genau zu beachten. Wir stü ben daher sehr oft be= wußt die Regierung Wirth, um eine schlechtere oder eine deutschnationale Katastrophenpolitik zu verhindern. Selbst die Kommunisten stüßen in bestimmten Situationen die Wirthregierung. Unverantwortliche Boiitit. ohne Rücksicht auf ihre Wirkungen, müssen wir ablehnen. Der italienische Faszismus z. B. kann als Resultat einer verfehrten sozialistischen Politik bezeichnet werden. Wir müssen uns klar fein darüber, daß ein danerndes Zusam mengehen mit bürgerlichen Schichten nicht möglich ist. Die