Sozialdemokrat gentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechosloroakischen Republik Erscheint mit«««nahm- de« Montag täglich früh f Sinzelprei« Kt 1— Redaktionu.Verwaltung: PragXII.,Fochova62— Telephon 88077— Herausgeber: Siegfried Taub — Verantwortlicher Redakteur: Karl Kern, Prag
Aus dem Inhalt; 285.000 Arbeitslose Die Festtage der tschechischen Bruderpartei Trotziger Widerstand Überall Quelpo de Llano revoltiert Die Wiener Revolution von 1848
18. Zahrgang
Sonntag, 5. Juni 1938
Nr. 132
Tschechische Sozialdemokratie jubiliert Seit Samstag steht die Hauptstadt der Republik im Zeichen der großen Jubiläumsfeiern der tschechischen Sozialdemokratie, die ihren Höhenpunkt in dem gewaltigen Umzug von mehr als hunderttausend Menschen erreichen werden, der sich heute durch die Straßen Prags bewegen wird. Diese Mauen werden nicht nur Eindruck machen auf die gesamte Oeffentlichkeit dieses Landes, sondern die Vertreter einer Reihe sozialdemokratischer Parteien werden die Größe und Kraft des Sozialismus und der Demokratie in der Tschechoslowakei bewundern können. Das 60jährige Jubiläum der tschechischen Sozialdemokratie fäUt ebenso wie das zwanzigjährige der Republik in das kritischeste Jahr, welches Europa seit der Beendigung des großen Weltkriegsringens erlebt. Es sind erst wenige Tage her, da wir hart an dem Abgrund eines neuen Weltkrieges standen, der für den ganzen Erdteil, welcher der Mittel und Ausstrahlungspunkt höchster menschlicher Kultur fei, die größte Katastrophe seit dem Untergang des römischen Weltreiches, d. i. seit einundeinhalb Jahrtausenden geworden wäre, eine Katastrophe, örger als der Dreißigjährige Krieg, die Napoleonischen Kriege und das Ringen zwischen 19 H bis 1918. Daß das Grauen bisher nicht über uns gekommen ist, das ist vor allem der Weltdemokratie, aber auch der Festigkeit der tschechoslowakischen Demokratie zu danken, deren stärksten Rückhalt die tschechische Sozialdemokratie bildet. Das tschechische Volk weiß, daß die sozialdemokratischen Arbeiter unentbehrlich sind für das Sein und die Verteidigung des tchechoslowakischen Staates und daß die tschechischen Sozialdemokraten einen wesentlichen Bestandteil der Nation bilden. Die enge Geistigkeit deutscher Kapitalisten, Kleinbürger, welche in früheren Jahren ebenso wie heute, die sozialdemokratischen Arbeiter aus der Nation ausschließen zu können glauben, ist bei den Tschechen in dieser krassen Form in ihrer politischen Geschichte selten und nur kurze Zeit vorhanden gewesen und rasch überwunden worden. Wir sind der festen Ueberzeu- gung, daß auch das deutsche Volk in Europa und mit ihm das Sudetendeutschtum die sozialistischen Arbeiter brauchen wird und daß es einer Katastrophe ohnegleichen entgegengeht, wenn diejenigen, welche heute im Deutschtum Macht und Einfluß haben, die Sozialdemokratie auszuschließen suchen von der Gestaltung deutschen Schicksals. Wenn wir heute die tschechischen sozialdemokratischen Massen an uns werden vorüberziehen sehen, werden wir darüber reine Freude empfinden, denn uns eint mit ihnen die Weltanschauung, mit der wir soziale und politische Schicksalsfragen betrachten und der entschlossene Wille, die Demokratie zu verteidigen mit unseren Hirnen, Herzen und Leibern. Die Geschichte hat uns zu einer Lebensgemeinschaft zusammengeschmiedet. Deswegen ergeht an die tschechische Sozialdemokratie unser Glückwunsch und wir begrüßen die Hunderttausend aus vollem Herfen Mit unserem Kampfruf: Freiheitl.
ie Regierungsentwürfe
Nationalitätenstatut und Sprachen* gesetz/ Nächste Woche Fühlung-
vorbereitet
nähme Dr. Hodias mit allen Nationalitätengruppen und Parteien
Prag . Das tschechoslowakische Pressebüro erfährt von gut informier« ten Regierungsstellen folgendes: Zn der kommenden Woche wird es zu Unterredungen des Vorsitzenden der Regierung Dr. Milan Hodja mit den Repräsentanten aller Rationalitätengruppen und politischer Parteien über Fragen der Nationalitätenpolitik kommen. Zu den Unterredungen mit dem Vorsitzenden der Regierung werden auch die Repräsentanten der deut schen sozialdemokratischen Partei eingeladen werden. Zu den Verhandlungen, welche der Vorsitzende der Regierung mit den Rationalitätengruppen führt, kann in sachlicher Hinsicht konstatiert werden, daß sowohl daS Projekt deS Nationalitätenstatuts wie auch daS Elaborat der Neuregelung deS S P r a» chengesetzeS vorbereitet sind und bereits daS gesamte Material enthalten, da» die Rationalitätensragen in der Republik , betrifft. Die Schlußredaktion, insbesondere der ausgesprochen politischen Teile bleibt verständlicherweise offen, und
zwar auS dem Grunde, um e» allen Rationalitätengruppen zu ermöglichen, zu den Entwürfen ihren Standpunkt einzunehmen, bevor noch der definitiv redigierte Text in den formalen Gesetzentwurf eingebaut wird, der von der Regierung dem Parlament vorgelegt werden soll. Kundt sucht Immer noch die„Plattform** Am SamStag hatte der SdP-Abgeordnete K u n d t in der„Rundschau" noch ausdrücklich erklärt, daß weder Henlein noch ihm ein Nationalitätenstatut oder auch nur Teile eines solchen als GcsprächSgrundlage vorgelegt wurden, so daß er mit gutem Grund der Meinung Ausdruck geben könne, daß kein fertiges Nationalitätenstatut existiere. Die Gespräche mit Dr. Hodja hätten sich vielmehr immer noch darum gedreht, überhaupt erst«ine Plattform für Verhandlungen zu finden. Damit ist offen zugegeben, dah die SdP auf die von der Regierung vorbereiteten Vorlagen tatsächlich noch nicht den geringsten Einfluß auSge« übt hat. Angesichts der großen Wichtigtuexei, mit der jede Borsprache der SdP bei Dr. Hodza laut in die Welt hinansposannt wurde, verdient diese Tatsache ausdrücklich festgehalten zu werden.
Vie Festtage der tschechischen Bruderpartei
Prag . Die letzten Vorbereitungen für den sonntägigen großen Manifestationsumzug anläßlich der Jubiläumsfeiern der tschechoslotvakifchen sozialdemokratischen Partei sind beendet. Die ausländischen Gäste sind beinahe vollzählig in Prag eingetrossen. Im Hose des„Lidovh bflm* wurde ein schwarzer Katafalk errichtet, auf dem die Urnen mit der Asche der Schöpfer der Partei und des tschechoslowakischen Staate- stehen, darunter des Ministerpräsidenten Bl. Tusär, der Minister Dr. Lev Winter, G. Habrman u. a. Vor 18 Uhr trafen auf dem Hose deü „Lidovh düm" die Stafetten de- Verbandes der Arbeitersporwereinigungen ein, welche eine Botschaft zu den Feiern überbrachten. Nach dem Eintreffen der Stafette sprach vor dem Katafalk der Generalsekretär der Partei Senator B. D u n d r, welcher den Gründern der Partei Worte dankbarer Erinnerung widmete und ihnen für die Gründung der Partei und für ihre aufopferungsvolle Arbeit dankte. Um%t9 Uhr fuhr vom„Lidovh düm" eine große Deputation aller Gliederungen der Partei
— der politischen, gewerkschaftlichen, genossen« schaftlichen und der Gruppen für körperliche Erziehung— zum Altstädter Rathaus, wo die Delegation unter Führung DundrS auf dem Grabe de« Unbekannten Soldaten einen großen Kranz niederlegte. Prag trägt Festschmuck, auf dem Wenzelsplatz sind Flaggenmaste mit den Staatsflaggen gehißt und die Straßen weisen eine erhöhte Frequenz auf. * Am SamStag tagten verschiedene Kongreffe im Rahmen der Jubiläumsfeier; so der Kongreß der Union der Eisenbahner, in dessen Rahmen Partril<>mann Abg. Hampl eine politische Kundgebung hielt. Vormittag- tagten auch die sozialdemokratischen Lehrer und Professoren, nachmittag- die sozialdemokratischen Frauen. Den Abschluß de- Tage- bildeten ein großes Arbeitersängerfestival im Gemeindehaus, ein Feuerwerk auf dem Slovanskh-Ostrov und Festvorstellungen in den Prager Theatern.
Gibraltar.(Ag. Esp.) Das Personal der Franco-Presseagentur in Gibraltar muhte in der Nacht auf Samstag weit über die normale Bürozeit hinaus anwesend sein. Man erklärt sich daS durch die gleichzeitig eingetrofsrnen mehrfachen Nachrichten, daß in Sevilla und C a d i x unter der persönlichen Leitung deS bekannten GeneralsQueipa de Llano eine Revolte gegen die deutsche und italienische Borherrschast auSgrbrochen sei. In der Tat sind bereits in den letzten Tagen wiederholt Nachrichten über eine scharfe Rede dieses Generals gegen die Deutschen und Italiener eingetroffen. Rach einer Reihe von Geheimversamnilungen, die der General persönlich leitete, sei die offene Revolte auS» gebrochen, in deren Verlauf er öffentlich erklärt habe:„Um die Italiener und Deutschen auS Spa nien zu vertreiben, muh man nicht Madrid , sondern BurgoS einnehmen. Ich würde
vorziehrn, ein spanischer Republikaner zu sein, alS ein Deutscher oder Italiener." Die Revolte scheint schlieftltch brutal unter»' drückt worden zu sein. Auf Befehl von BnrgoS wurden Maffenverhaftungen von Offizieren vorgenommen, die sich der Revolte an-efchloffen hatten. Ueber daS Schicksal deS General Oueipo dr Llano ist nichts bekannt. Gibraltar.(Reuter.) In der Hafenstadt La Linea tauchten an einer großen Zahl der Häuser Aufschriften wie„ES lebe die Republik !", „Nieder mit dem FaschiSmnS!"«. dgl. auf. In den Straßen lagen taufende Flugblätter für die Republik verstreut. Die Franro-Behörden verhaftete» einige Personen. Die Bericht« über Unruhe» in der Stadt Sevilla stammen von Franeo-Offi- z i e r e n, die nach Gibraltar kamen, um hier Arznribedarf rinzukaufrn.
Hochpolitische Pfingsten Von Wonzof Jafcscfi An den Pfingstfeiertagen wird da- lebens« hungrige Volk unseres Grenzlandes wieder in Hellen Scharen hinausströmen in die prangenden Wälder und Fluren. Ein zeitgenössischer Schriftsteller hat unlängst treffend den Zustand charakterisiert, in dem die Menschen heute leben. Der Anblick der Natur trägt Beruhigung in ihre Seelen, während sie der Anblick der politischen und sozialen Wirrnisse der Gegenivart mit Unruhe erfüllt. Nach den Spannungen der letzten Wochen haben wir un» die Entspannung, die Schauen und Wandern bringt, redlich verdient. Biele aber, die um die Verantwortung unserer Generation für daS Schicksal der Völker und die Zukunst Europas wissen, werden auch bei jedem Schritt in die herrlichste FrühlingSlandschaft von dem Bewußtsein dieser Verantwortung begleitet sein. Wir kommen von ihr nicht los. Wir müssen uns zu ihr bekennen. Es ist uns diesmal nicht gegönnt, freundlich-harmlose Pfingsten zu feiern. Ein kurze- Aufatmen und Selbstbesinnen ist uns nur' gegönnt in diesen hochpolitischen Tagen. Der Friede kann noch gerettet werden Wer an die Unentrinnbarteit des Krieges glaubt, der gibt die Schlacht um den Frieden verloren. In diesen schweren Fehler wollen wir nicht verfallen, obwohl das sudetendeutsche Grenzland in den Mittelpunkt der Weltgesahren gerückt erscheint. Unsere Menschen sehen der Kriegsbestie unmittelbar inS Auge und sie sind in Gefahr, Fehlschlüssen zu erliegen, soferne sie das Problem Krieg oder Frieden nur nach dem allerdings kritischen Stand deS tschechoslowakisch-deutschen Nachbarschaft-Verhältnisses beurteilen. Die Stärke, ja die klare llebermacht der europäischen Friedenskräfte ist in den letzten Maitagen mit unverkennbarer Deutlichkeit in Erscheinung getreten. Die sudetendeutsche Sozialdemokratie hat in rastloser Aufklärungsarbeit auf den wahren Stand der europäischen Machwerhältnisse hingewiesen und immer wieder dargetan, daß eine Entscheidung der nationalsozialistischen Machthaber für den offenen Krieg dem Entschluß zum Selbstmord gleichläme. Diese Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen haben sich viele Sudetendeutsche geweigert, aber Berlin hat sie doch zur Kenntnis nehmen müssen. Sonst würden wir uns keiner friedlichen Pfingsttage mehr erfreuen. Der Friede konnte gerettet werden, weil das Risiko eines Angriffskrieges gegen die Tschechosiotvakei rechtzeitig aufgezeigt wurde. Diese- Risiko besteht unvermindert weiter. Ob die Männer des Dritten Reiches auch künftighin willen- und fähig sein werden, die sichtbar aufze- richteten Warnungstafeln zu beachten, muß dahingestellt bleiben. Sie haben jedoch— wie immer ihr letzter Entschluß auSfallen mag— nicht nur über unsere friedliche oder unfriedlickie Zukunft, sondern gleichzeitig über die Weitereristeuz ihres Regime- und deS Deutschen Reiches zu entscheiden. Das imtionalsozialistische Regime besitzt nicht mehr den inneren Rückhalt, um einen deut- fchen Volkskrieg gegen diesen oder jenen Nachbarn siihren zu können. Ein nationalsozialistischer Parteikrieg wäre schon aw Tage seines Ausbruche- verloren und die, welche ihn vom Zaune brächen, mit ihm. In dieser Tatsache liegt ein gewaltiges Stück Leben-sicherung für unsere Grenzbewohner. AuS der Hoffnung, mit Hilke der europäischen Demokratien daS Unheil grauenhafter Vernichtung von unseren Heimatgauen abwenden zu können, schöpfen die tapferen Männer und Frauen der sudetendeutschen Sozialdemokratie die sittliche Kraft zu ihrem heroifchen Widerstand gegen Krieg-wahn und AleichschaltungSterror. Grenzen der Gleichschaltung DaS sudetendeutsche Gebiet hallt von dem Triumphgeheul der nationalsozialistischen Gleichschalter wider. Da ist es gelungen, einen aufrechten Arbeiter durch Hunger, Boykott und Drohungen mürbe zu machen, dort ist eine Betriebsbelegschaft soweit eingeschüchtert worden, daß endlich eine dem Unternehmer genehme Betriebsausschußmehrheit erzielt wurde, anderswo unterstellen sich Feuerwehrleute, Professoren oder Kaninchenzüchter dem Kommando des Herrn Henlein. Alle Widerstrebenden werden geächtet. Dieselben Leute, die in der Staatspolitik und vor dem Auslande den Tschechen gegenüber die Gleichberech« t tigung des schwächeren VolkSpartners reklamieren«