Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. Z04. Sonntag, den 1. Juni. 1902 lNachdruck verboten.) 2i] Dev MtKnksmann« Roman von Hall C a i n e. Antoristerte Uebersetzung. Im nächsten Augenblick kam Philipp plötzlich zur Be- sinnung und machte sich heftige Vorwürfe. Was war er im Begriffe zu thun? Er war gekommen, Käthen zu sagen, daß er nicht wiederkommen würde, und wo waren feine Vorsätze geblieben? Gestern erst hatte er in Douglas die Briefe seines Baters gelesen, und heute saß er hier, sich selbst, seine Lebens- zwecke, seine Pflicht und Schuldigkeit— alles vergessend. „Philipp," rief er sich in Gedanken zu—„Du Haft weder Saft noch Kraft. Gieb Deine Pläne aus. Du bist ihnen nicht gewachsen; laß Deine Hoffnungen fahren— sie sind zu hoch für Dich!" „Wie feierlich sind wir auf einmal geworden," sagte Käthe. Die Hymne(eine höchst klägliche Weise, die sich von Note zu Note langsam weiterschleppte)— klang noch immer vom Melliahfelde herüber. Mit einer Mischung von Keckheit und Aengstlichkeit, schlau und schüchtern zugleich, fügte sie hinzu:„Halten Sie denn auch diese Welt für so schlecht?" „O... ich... nein..." stotterte er; als er auf- blickte, begegneten sich ihre Augen und sie lachten beide. „Das ist nur dummes Zeug, nicht wahr?" sagte sie; dann gingen sie mit einander die Schlucht hinunter. „Wohin gehen wir denn?" „O. wir konlnien auf diesem Wege ebenso gut wieder zurück." Der Himmelsschwaden, der lange Natzenschwanz und das goldene Jakobskraut streiften seine Reithosen und ihr Kattun- kleid.„Ich muß es ihr nun sagen," dachte er. An den engeren Stellen ging sie voran; er folgte mit zögerndem Schritt und wollte beginnen.„Es ist besser, sie vorzubereiten," überlegte er wieder. Es fiel ihm aber keine Redensart ein, die zu dem, was er sagen wollte, den Uebergang gebildet hätte. Sie kamen jetzt durch ein Gewirr wilder Fuchsien; es roch nach brennendem Torf und man hörte einen Ton, wie wenn beim Melken die Milch in den Eimer läuft. Plötzlich kam eine Stimme wie aus dem Boden heraus,„'s geht sich leicht auf dem Strohdach. Miß Cregecn," sagte sie. Es war die alte Joney, die Mäherin. die ihre Ziege melkte. Käthe war, ohne es zu merken, auf das Dach der Hütte gekommen, denn die kleine niedere Behausung lehnte sich an die Nferwand, und der Eingang war auf der Wasserseite. Philipp stellte ein paar hergebrachte Fragen und sie er- fuhren dabei, daß die Alte schon dreißig Jahre hier wohne und einen Sohn bei sich habe, der blödsinnig sei. „Früher lief eine ganze Schar um mich her, und ich war auch einmal so jung wie Sie, Miß, und ebenso glücklich; aber sie haben mich alle verlassen, eins nach dem andern, bis auf diesen, und der arnie Junge ist nicht bei Verstand." Philipp versuchte sein Herz zu stählen.„Es ist grausam." sagte er.„und es wird ihr wehe thun, doch was sein muß, muß sein." Küthe fing an zu singen und ging, immer zwei Schritte vor ihm, fröhlich trällernd die Schlucht hinab. Er folgte wie ein Meuchelmörder, der auf den Augenblick lauert, um den Stoß zu führen.„Er will mir was sagen," dachte sie und sang noch lauter. „Käthe," rief er mit heiserem Ton. Sie aber schlug in die Hände und jubelte entzückt: „Das Echo I Hier ist ein Echo I O, bitte, rufen Sie es an." Sie glühte vor Eifer und er verschob sein Vorhaben, um an ihrem Spiele teilzunehmen.„E— cho, E— cho!" rief sie in die steile Bergschlucht hinauf und lauschte. Es gab aber keine Antwort.„Es will seinen eignen Namen nicht wieder- holen," sagte sie.„Was soll ich rufen?" „O, irgend etwas," nieinte Philipp. „Phil— ipp, Phil— ipp!" rief sie und sagte dann ver- drießlich:„Nein, Philipp will mich auch nicht hören." Sie lachte.„Er ist aber auch immer so einfältig— vielleicht schläft er." „Kommen Sie mehr hierher. Versuchen Sie's nun." „Versuchen Sie's einmal." Philipp folgte der Aufforderung.«Käthe l" rief er hinaus, und zurück kam die Antwort. „O, wie schnell. Käthe ist ein gutes Mädchen. Sie ant- wartet Ihnen gleich," sagte Käthe. Sie gingen einige Schritte und Käthe rief wieder: „Philipp!" Es blieb wieder alles still.„Philipp ist halbstarrig; er will nichts mit mir zu thun haben," meinte Küthe. Da rief Philipp zum zweitenmal, und wieder kam die Autwort zurück: „Nun, das ist doch abscheulich— diese Käthe— sie folgt Ihnen ja wirklich aufs Wort." Philipps Mut schwand nach und nach hin.„Jetzt nicht," dachte er.„Traa-cty-liovar('s ist immer noch Zeit). Nach dem Essen, wenn alles fortgeht, vor der Mühle in dem Halb« licht von den Lichtern drinnen und der Dunkelheit draußen. Es wird dann so gewöhnlich klingen.„Leben Sie wohl. Wissen Sie schon das neueste? Tante Nan hat sich endlich entschlossen, Ballure zu verlassen und zu mir nach Douglas zu ziehen." Das ist so einfach und so alltäglich. Das Abendrot brach jetzt mit langen Strahlen vom West- lichen Himmel her durch die Bäume. Sie konnten das Rütteln des beladenen Erntewagens hören, der eben die Schlucht hin- unter fuhr. Die Vögel lärmten fröhlich über ihnen und allerlei heitere Töne schwirrten durch die Luft. Zu ihren Füßen wuchs hohes Farnkraut und Ginster, an dem Käthe mit ihrem faltigen Kleide bisweilen hängen blieb, bis Philipp sie wieder befreite, und dann lachten beide. Ein losgerissener Tollkirschenzweig hing von dem abgebrochenen Ende eines alten Eschenstuinpfs herab, auf dessen vettvitterter Wurzel zwei scharlachgesteckte Krötenschwämme wuchsen; und sie pflückte sich eine lange Ranke davon ab und wand sie sich um den Kopf, nachdem sie ihren Hut zurückgeschoben hatte, und ließ sich die roten Beeren über das dunkle Haar inS Gesicht fallen. Und dann begann sie zu singen: „Und Ivär' ein König ich, und Ivär' Die Erde mein, die Erde mein—* Feurige Strahlen schössen aus ihren schwarzen Pupillen und Funken der Liebe flogen wie Blitze aus ihren Augen nach den seinen. Er aber versuchte moralische Betrachtungen anzustellen. „Ach", sagte er aus der Tiefe seiner Weisheit,„wenn man nur immer so von Minute zu Minute weiter leben könnte I Doch das ist der Unterschied zwischen Mann und Frau. Die Frau lebt in der Welt ihres eignen Herzens. Wenn sie Interessen hat, so haben sie hier ihren Mittelpunkt. Der Mann aber hat seine Interessen außerhalb des Bereichs seiner Neigungen. Er ist gezwungen, sich selbst zu verleugnen und die köstlichsten Dinge an sich vorübergehen zu lassen." Käthe fing an zu lachen und Philipp lachte zuletzt mit. „Sehen Sie doch." rief sie,„sehen Sie nur—" Auf dem Gipfel des langgestreckten Hügels ihnen zur Seite machte eine Ziege ihre Kapriolen. Es war ein passier- lichcs Geschöpf; jetzt riß sie sich voll Uebermut mit einem plötzlichen Ruck Gras ab und schlug dann mit den Füßen aus. als ob ein unsichtbarer Kobold sie gezwickt bätte; bald wackelte sie mit dem Hinterteil, bald meckerte sie in den Bart hinein. „Wie ich schon sagte," fuhr Philipp in Gedanken fort, „der Mann muß auf die Freuden des Lebens verzichten. Sehen Sie mich zum Beispiel an. Ich bin sozusagen durch meine Pflicht gebunden— durch eine Art Gelübde, das ich gewissermaßen den Toten gegenüber abgelegt habe." „Ich bin sicher, daß er nun etwas sagen wird," dachte Käthe. Die Stimme seines Herzens sprach lauter und schneller als seine lahme Zunge. Sie wußte, daß ein Schlag zu erwarten stand, und sah sich nach einein Mittel um, ihn abzuwehren. „Der Hexentcich!" rief sie plötzlich und schoß von ihn« fort nach dem Rande des Wassers hin. Es war eine runde, kleine Lache, schwarz wie Tinte, die still und scheinbar regungslos an einer Stelle lag, wo das
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19 (1.6.1902) 104
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