Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 59.
26].
Mittwoch, den 23. März.
( Nachdruck verboten.)
XVII.
Sie war glücklich, ihr Kind lag neben ihr. Ihre Glieder hingen schlaff und müde herab, und die langen Lage im Hospital berflogen in stillem, friedlichem Einerlei. Elegante Damen, Beschüßerinnen des Hospitals, famen und stellten allerhand Fragen an sie. Esther erzählte, daß ihr Vater und ihre Mutter in Vauxhall Bridge Road wohnten, und sie gestand ferner, daß sie sich vier Pfund bar erspart habe. In dem Zimmer, in welchem sie lag, standen zwei Betten, und die Infassin des andern Bettes erklärte, sie sei völlig arm und befäße weder ein Obdach noch einen Freund auf der Welt. Natürlich wandten sich alle Sympathie und alle Silfsversprechungen dieser zu, und man betrachtete Esther als ein Mädchen, welches feiner Hilfe bedurfte und dieses Vergehens überhaupt nicht hätte schuldig werden dürfen. Auch ein Geiſt licher besuchte sie. Er redete viel in Esther hinein über Gottes Güte und Weisheit, aber alles, was er sagte, erschien Esther steif und wie aus Büchern erlernt, es fam nicht von Herzen und drang deshalb auch nicht zum Herzen; und Esther schämte fich fast, daß diese frommen Worte es nicht vermochten, sie in tiefster Seele zu rühren. Ja, wäre es ein Geistlicher ihrer eignen Gemeinde gewesen, der da kam, an ihrem Bett kniete und mit ihr zusammen die Gebete sprach, an die sie gewöhnt war, es hätte wohl mehr Eindruck auf sie gemacht; aber dieser wohlgenährte, wohlgekleidete Geistliche, mit seinen auswendig gelernten Buchreden, erschien ihr als ein völlig Fremder und fonnte auch nicht auf einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit von dem neben ihr schlummernden Kinde ab und auf das
lenfen, was er sagte.
Der neunte Tag war vorüber, aber Esther erholte sich mur sehr langsam, und es wurde beschlossen, sie bis am Ende der dritten Woche im Hospital zu behalten. Sie wußte sehr wohl, daß es von dem Moment an, wo sie die Schwelle des Hospitals überschritt und in die Welt da draußen zurückkehrte, feine Ruhe und feinen Frieden mehr für sie geben würde; und wenn sie an das Geräusch in den Straßen, an das Leben und Treiben da draußen dachte, erfüllte sich ihr Herz mit Furcht. Ganze Stunden lag sie da, dachte an ihre geliebte Mutter und wünschte sehnlichst, Nachrichten von ihr zu erhalten. Endlich eines Tages teilte man ihr mit, daß ihre Schwester da sei, um sie zu besuchen, und ihr ganzes Gesicht erstrahlte vor Freude. " Jenny, was ist passiert, geht es Mutter schlecht?" Mutter ist tot, darum bin ich hergekommen, ich wollte es Dir sagen, ich wäre schon früher gekommen, aber Mutter tot? O, Jenny, Jenny! Nein, o nein, nicht meine arme Mutter!"
Ja, Esther, sie ist tot, ich wußte, daß Dir das schrecklich weh thun würde; wir sind auch alle sehr traurig gewesen, aber sie ist doch nun mal tot; sie ist jetzt fogar schon lange tot; und ich wollte Dir gerade sagen"
Jenny, was heißt das, lange schon tot?" Na, vor einer Woche haben wir sie begraben; es that uns allen so leid, daß Du nicht beim Begräbnis sein konntest; wir waren alle da und hatten alle Krepp auf unsern Kleidern, und Vater hatte Krepp auf seinem Hut; wir haben auch alle geweint, namentlich in der Kirche und am Grabe, und wie der Küster die Erde' raufwarf auf den Sarg, da klang es doch so schrecklich, daß ich ganz laut schluchzen mußte. Und Julie, die verlor ganz und gar den Kopf, die wollte mit Mutter zu fammen begraben werden; ich mußte sie mit Gewalt fortführen; und dann gingen wir nach Hause und aßen Mittag." " O, Jenny, Jenny! Unfre arme Mutter ist also fort bon uns für immer! Aber wie ist sie gestorben, sag' mir doch? war es ein sanfter Tod? Oder hat sie viel leiden müssen?" ,, Gott ! da giebt es nicht viel zu erzählen; Du warst kaum fort, da begann Mutter schon Schmerzen zu kriegen. Und da war sie doch so schlecht den ganzen Tag und die ganze Nacht durch, daß man es faum mehr im Hause aushalten konnte; das Geschrei und das Gestöhne war gar nicht mehr anzuhören!"
Und dann?"
1904
„ Und dann wurde das Baby geboren; aber es war tot; und Mutter ist an Schwäche gestorben. So hat wenigstens der Doktor gesagt."
Esther barg ihr Gesicht in ihrem Stopffissen. Jenny wartete, und ein häßlicher, egoistischer, selbstbesorgter Zug legte sich über das ordinäre Londoner Straßengesicht.
ich wieder fort bin. Ich kann nicht lange hier bleiben, und ,, Nu, hör' mal zu, Esther, Du kannst ja weinen, wenn ich wieder fort bin. ich hab' Dir doch so viel zu sagen."
„ Ach, Jenny, Jenny, sprich doch nicht so! Sag' mir lieber, ob Vater gut zu Muttern war?"
" Ich weiß wahrhaftig nicht, er hat wohl nicht viel an sie gedacht; die meiste Zeit über war er im Wirtshaus. Er lagte, er könne es nicht in' nem Hause aushalten, wo' ne Frau lo schreie und heule. Eine von unsern Nachbarinnen kam und pflegte Mutter, und ganz zuletzt fam auch noch der Doktor zu ihr."
der
Schwester betrachtete, und die Frau in dem andern Bett meinte, Esthers Thränen strömten herab, während sie ihre Schweſter betrachtete, und die Frau in dem andern Bett meinte, es sei eine Narrheit, wenn Frauen zu ihrer Entbindung in ihrem eignen Hause blieben, denn da gäbe es doch meistens nur einen betrunkenen Mann, viele Kinder und nichts zu effen; so wäre es doch wohl fast überall. In diesem Augenblick erwachte Esthers Baby und schrie nach Nahrung. Sie legte es an die Brust. Jenny betrachtete das Kind; Anblick schien sie zu interessieren, obwohl sie ganz erfüllt von dem, was sie ihrer Schwester mitteilen wollte. ,, Dein Baby sieht mächtig gesund aus," sagte sie. " Ja, das ist es auch; lauter schöne grade Gliederchen; wunderschöner Junge. Aber, Jenny, Jenny, denke doch bloß an Mutter, an unsre arme, tote Mutter!" auch Dein Baby ansehen; weißt Du, er sieht Dir ähnlich. In den Augen hat er so was Aehnliches; aber schließlich nein nein ich weiß doch nicht, ob ich ein Baby haben möchte. Wo soll denn ein armes Mädchen wie unsereins das Geld hernehmen, was das kostet?"
war
ein
-
„ Ich denke wohl an sie, Esther, aber darum kann ich doch
„ So Gott will, soll es meinem Knaben nie an etwas fehlen, solange ich für ihn arbeiten kann! Aber, Jenny, nimm Dir an mir kein Beispiel, bleibe Du immer ein gutes, braves Mädchen; versprich mir, daß Du nie der Versuchung unterliegen wirst! Versprichst Du?"
Ja, ja, ich versprech' es Dir."
„ So' n Haus wie unsres;' n betrunkener Vater, so viele Kinder, und nun, wo Mutter tot ist, wird es schlimmer sein als je zuvor. Du, Jenny, bist die älteste, Du mußt auf die Kleinen aufpassen und mußt versuchen, so viel wie möglich Vater vom Wirtshaus fernzuhalten. Ich kann ja nicht bei Euch sein; denn sowie ich wieder wohl bin, muß ich mich nach ' ner Stelle umsehen."
„ Ja, das war es gerade, worüber ich mit Dir sprechen Vater will nämlich auswandern; er will nach wollte. Australien . England hat er nun dick, sagt er; und da er feine Stelle bei der Eisenbahn verloren, hat er sich entschlossen, auszuwandern. Es ist schon alles arrangiert, er ist bei so' nem Agenten gewesen, und der hat ihm gesagt, er wird zwei Pfund pro Person für die Ueberfahrt bezahlen müssen; das will was heißen in so' ner großen Familie wie unsre. Und da es nun Vater schon so teuer wird, sagte er, ich bin alt genug, um allein hier zu bleiben und mir Geld zu verdienen. Wenn ich das Geld für meine Ueberfahrt hätte, würde er mich schon mitDas eben war's, nehmen, aber ohne das thut er's nicht. was ich Dir erzählen wollte."
-
Jetzt erst begriff Esther, daß Jenny zu ihr gekommen war, sie um Geld zu bitten, aber sie konnte ihr feins geben, und der Gedanke, daß ihre ganze Familie sie verlassen wollte, erfüllte fie mit Schrecken. Sie wußte nicht, wo Australien war, sie hatte wohl mal davon sprechen hören, und auch gehört, daß es Monate und Monate dauerte, dort hinzukommen. Aber mehr wußte sie davon nicht, und das Gefühl, daß sie nun alle von ihr gehen wollten, daß nun alle die Ihren in einem großen Schiff über das große Meer fahren und sich weiter und weiter von ihr entfernen würden, entsegte fie. Sie sah förmlich von ihrem Bette aus das Schiff; sie sah die kleinen Geschwister,