Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 91.
E8]
Sonntag, den 8. Mai.
( Nachdrud verboten.)
Esther Waters.
Fred blickte Esther an, und in seinen Augen drückte sich deutlich die Bewunderung und Liebe aus, die er für sie empfand.
1904
trotzdem, wie warm Freds Blicke auf ihr ruhten, und fühlte deutlich, daß er sie immer noch liebe.
Einen Augenblick später war er fort.
Und sie, in ihrer schlichten, unwissenden Weise, mußte wieder sinnen und grübeln über die merkwürdigen, romantischen Einfälle des Schicksals. Wenn sie Fred geheiratet hätte, so wäre ihr Leben ganz, ganz anders geworden. Sie hätte das Leben geführt, das sie sich einst gewünscht hatte! Aber nun war's doch anders gekommen! Sie hatte William geheiratet und nun, es mußte eben gut sein, wie es war! und nun begann sie wieder ausschließlich an ihren Mann zu denken.
Wenn Fred oder seine Freunde sie bei der Polizei an zeigten des Wettens wegen, so würden sie, wie er ganz richtig geäußert hatte, nicht bloß eine schwere Geldbuße zu zahlen haben, sondern höchst wahrscheinlich auch ihre Konzession verlieren. Und was sollten sie dann anfangen? William war nicht mehr kräftig genug, um wie früher von einem Rennplas zum andern zu eilen. Er hatte im letzten halben Jahre eine Menge Geld verloren; Jackie war in der Schule; sie mußten auch an ihn denken. Wie ein Gentnergewicht lag der Gedanke an die bevorstehende Gefahr ihr in den Gliedern und im Kopfe den ganzen Abend über.
,, Gewiß," sagte er, schuldet man seinen Nächststehenden biel, aber doch nicht alles; und selbst um ihretwillen dürfen wir Fernerſtehenden kein Unrecht thun. Sie aber müssen doch einsehen, daß Sie Ihren Mitmenschen viel Böses zufügen, indem Sie das Wetten hier gestatten. Wirtshäuser an sich sind ja schon schlimm genug. Wenn aber in diesen Wirtshäusern nicht allein getrunken, sondern auch noch gespielt und gewettet wird, und wir das ausfinden, so ist es unsre Pflicht, es dem Gesetze zu entdecken, damit es unterdrückt werde. Sehen Sie, Esther, es giebt in dieser ganzen Nachbarschaft keinen Lauf burschen mehr, mit achtzehn Schilling Einkommen die Woche, der nicht schon hier gewesen wäre, um seine halben oder auch ganzen Kronen auf ein Pferd zu setzen. Dies Haus ist das Centrum der Unmoral der ganzen Umgegend. Jedes Menschen Geld wird hier angenommen; der Knabe, der neulich seines Vaters Uhr heimlich versezen ging, um auf ein Rennpferd William war sehr spät nach Hause gekommen, Esther wetten zu können, legte sein gestohlenes Geld hier im„ Kings hatte keine Gelegenheit mehr gefunden, mit ihm allein zu Head" an. Sein Vater hat ihm einmal über das andre versprechen, bevor die Gaste fort und sie oben in ihrem Schlafziehen. Dann begann der Knabe die Mieter seiner Eltern zu bestehlen zu demselben Zwed. In dem gleichen Hause mit ihm wohnte eine alte, fünfundsiebzigjährige Frau, die sich neun Schilling die Woche verdiente, indem sie zu früher Morgenstunde einige Bureaus reinigen ging. Auch ihr hat dieser Knabe eine halbe Krone abgeschwindelt; schließlich hat der Vater der Behörde erklärt, daß er mit dem Knaben nichts mehr machen könne, seit er angefangen habe, auf Pferde zu wetten. Dieser Knabe ist vierzehn Jahre alt; vierzehn Jahre! Ist das nicht entsetzlich? So etwas darf doch nicht fortbestehen. Wir find fest entschlossen, dieser Sache ein Ende zu machen. Darum bin ich heute hierher gekommen. Ich wollte Ihrem Manne das sagen!"
Sind Sie auch ganz sicher," fragte Esther, und während fie sprach, biß sie sich heftig auf die Lippen, daß es wirklich nur um des Seelenheils der Nachbarschaft willen ist, daß Sie uns vom Gesetz verfolgen lassen wollen?"
Sie werden doch nicht etwa glauben, daß ich einen andern Grund dafür habe! Sie glauben doch nicht etwa, daß ich das thun will, weil... weil... er Sie mir geraubt hat?"
Esther erwiderte hierauf nichts; auch Fred schwieg eine Weile. Dann sagte er, und während er sprach, drückte sich in Heiner Stimme Schmerz und Kummer aus:
Es thut mir leid, daß Sie so schlecht von mir denken! Auch bin ich es gar nicht, der Sie verfolgen lassen will; wer bin denn ich. daß ich überhaupt im stande sein sollte, das Gesetz in der Ausübung seiner Pflichten beeinflussen zu wollen? Nein aber ich habe gehört, daß die Behörde die Sache in die Hand nehmen will, und darum, um alter Erinnerungen willen, wollte ich Ihnen Summer und Leid ersparen, wenn ich's Tönnte! Ich bin hierher gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie sich in Ungelegenheiten bringen, wenn Sie mit diesen Wetten fortfahren. Selbst hierzu habe ich kein Recht gehabt; aber ich wollte Sie und die Ihren gern vor kommendem Unglück schüßen."
" Ja, ja; ich fühle es, ich habe Ihnen Unrecht gethan; ich Sanke Ihnen für Ihre gute Absicht, Fred."
Noch haben wir ja gar keine wirklichen Beweise gegen Sie; wir wissen natürlich, daß hier viel gewettet wird, weiter nichts. Aber wir müssen erst beeidigte Zeugnisse gegen Sie haben, bevor das Gefeß die Sache in die Hand nehmen kann. Darum sage ich Ihnen noch einmal, daß Sie all dies Unangenehme umgehen können, wenn es Ihnen gelingt, Ihren Mann zu überreden, daß er das Wetten hier aufgiebt."
Esther gab teine Antwort, und Fred fuhr fort: Lediglich aus Freundschaft für Sie bin ich hierhergekommen, um Ihnen diesen Rat zu geben. Sie sind mir doch nicht darum böse, Esther?"
,, Nein, Fred, nein. Ich verstehe jetzt, wie Sie's meinen." Esther wandte ihr Gesicht von ihm ab, aber sie empfand
zimmer waren. Dann, während des Auskleidens, sagte sie: " Fred Parsons hat mich heute nachmittag besucht." „ Aha, das ist der Kerl, den Du mal heiraten wolltest; läuft er dir immer noch nach?"
bei
es
" Nein; er sprach viel mit mir über das Wetten hier uns."
"
Was fümmert das ihn?"
„ Er sagt, wir werden vom Gesetze verfolgt werden, wenn nicht aufhört."
Ist er dazu hierhergekommen, um Dir das zu sagen Na, ich wünschte bloß, ich wäre zu Hause gewesen."
Ich bin sehr froh, daß Du nicht da warst; was hätte das denn genützt? Du hättest Dich mit ihm bloß gezankt und die Dinge dadurch nur noch verschlimmert!"
William zündete seine Pfeife an und schnürte seine Stiefel auf. Esther warf ihr Nachtkleid über und schlüpfte ins Bett. Es war ein großes, eisernes Bett ohne Vorhänge. Das Bimmer hatte zwei Fenster, eines in gleicher Linie mit dem Bett, eines der Thür gegenüber. Die Kommode stand zwischen den beiden Fenstern. Esther hatte die Bücher ihrer Mutter auf die Kommode gestellt, und William hatte einige Sportbilder an den Wänden aufgehängt. Er nahm sein Nachthemd, zog es an, ohne aber dabei die Pfeife aus dem Munde zu legen. Es war das seine Gewohnheit, feine Pfeife stets abends im Bett zu Ende zu rauchen.
,, Das ist bloß Rache," sagte er endlich, als er sich hingelegt und die Decke bis zum Kinn heraufgezogen hatte,- Rache, weil ich Dich ihm fortgenommen habe."
" Das glaube ich nicht; ich glaubte es zuerst auch und sagte es ihm sogar."
Und was fagte er darauf?"
„ Er sagte, es thäte ihm leid, daß ich eine so schlechte Meinung von ihm habe; er sei lediglich hergekommen, um uns zu warnen. Und es ist richtig. Wenn er Rache nehmen und uns etwas Böses zufügen wollte, so hätte er uns ja vorher nichts zu sagen brauchen. Meinst Du nicht auch?"
-
Hm, ja; das klingt plausibel. Na, aber warum soll man uns denn eigentlich verfolgen?" ,, Weil er sagt, daß ein Wettlokal wie unsres die ganze Gegend hier korrumpiert."
Und Du glaubst selbst, daß er Saran wirklich glaubt?" O gewiß; er und noch viele andre denken so. Ich stamme ja auch eigentlich von Menschen her, die so denken; also muß ich es doch wissen. Wetten und Trinken halten meine Leute, die Brüdergemeinde, für ein sündhaftes Uebel."
" Ich dachte, Du hättest schon alles vergessen aus jener Zeit, wo Du zu den Brüdern gehörtest."
,, nein; die Grundsäße und Gewohnheiten, in denen man als Kind erzogen wurde, die vergißt man niemals."
Und was hältst Du jekt von der ganzen Geschichte?"