Nnterhaltungsblatt des Hlorwärts Nr. 173. Dienstag, den 6. September. 1904 (Nachdruck verboten.) 20t Die flucht Von K. Bagrynowskr. „Was ist das?" fragte Niehorski erstaunt.„Sollte das schon einer der Nebenflüsse der Lena sein?" „Nein, das ist Dschurdschnj!" antwortete Alerandrofs ruhig.„Wir müssen umkehren." „Dschurdschnj? Du bist wohl verrückt?" „Durchaus nicht! Bückt Euch ein wenig, dann werdet Ihr das Kreuz dort am Flusse blitzen sehen." Nur zu bald hatten sie sich überzeugt, wie recht er hatte, und nun erkannten sie auch die ganze Gegend wieder. Dieser Scherz war zu grausam für ihre schmerzenden Füße. Als sie sich hinter den Vorsprung zurückgezogen und ihr Lager auf- geschlagen hatten, saßen sie lange niedergeschlagen und in sich gekehrt am Feuer. „Es bleibt uns nichts andres übrig! Wir müssen uns streng nach dem Kompaß richten und dürfen nicht daran denken, einen bequemeren Weg zu suchen," sagte Niehorski endlich. „Es ist unmöglich, immer geradeaus zu gehen. Ich fürchte, ähnliche Irrtümer werden uns noch oft zustoßen. Die Landkarte gewährt gar keinen Anhalt," sagte Krassuski, der die am Boden ausgebreitete Karte betrachtete. „Was hilft's? Wir müssen gehen!" Seufzend legten sie sich zur Ruhe, und nur der Schimmel gab seine Freude über das reichliche Futter, das er gefunden, durch munteres Schnauben kund. Am Morgen kehrten sie auf den Sattel zurück und wandten sich jenen„unsäglich düsteren" Bergen zu. Der Aufstieg war nicht allzu beschwerlich, ja, er war leichter als die Wanderung über die Felsrriinen. Diese Berge bildeten ein hoch über dem Meeresspiegel erhobenes, sanft gewelltes Bergland. Geräumige Thäler und breite Berghügel von fast gleicher Größe wechselten mit einander ab. Aber kaum hatten sich einige dieser Steinwellcn hinter ihnen geschlossen, kaum waren die Spuren der buschigen Schluchten und Flußthälcr verschwunden, als sich Furcht in die Herzen der Wanderer schlich. Sie sahen, daß sie ein ungeheures, wogen- türmmdes Steinmecr vor sich hatten, das mit einer ein- sörniigen, schmutziggrünen Moosdecke wie mit einer Schimmel- schicht überzogen war. Weit und breit kein Baum, kein Strauch, kein Fleckchen frisches Grün und nirgends ein Tropfen Wasser. Nichts als aufschwellende Hügelreihen und Moos, Moos ohne Ende:.hinter diesen Hügeln— neue unendliche Hügclreihen und wiederum Moos, Moos, nichts als Moos... Totenstille— denn selbst der Wind sauste hier nicht mehr, da er in seinem Fluge nichts fand, was er berühren konnte. Starre Einöde, denn kein Vogel kam hierher, da er hier keine Nahrung zu finden hoffte. Und wie über dem Ocean, ging die Sonne auch hier blutrot auf und ließ die langen, bleichen Schatten der.Erdwellen über die Senkungen des Bodens gleiten. Und auch die vorüberziehenden Wolken schleppten ihr Abbild ungehindert über die Wüstenei. Aber dieser steinerne Ocean war nicht wandelbar wie sein wasserreicher Bruder: ihm fehlte das ewige, lebensvolle Wogen, das die wunde Seele zur Ruhe wiegt. Kaltes Grausen beschlich die Herzen der Wanderer, wenn sie die zackige Linie des Horizonts ansahen und den blaß-blauen Himmel, der sich über die unabsehbare, graue jEinöde spannte. Und gleichviel ob sie die Hügel erstiegen oder hinabgingen, immer trat das Moos unter ihren Schritten aus- einander und deckte den eisigen Boden auf. Von der Feuchtig- keit aufgeweicht, hing ihnen das Schuhwerk um die Füße wie ekle Lappen. Bei Tage brannte die Sonne, in der Nacht zitterten sie vor Kälte. Und sobald sich der Wind einen Augen- blick legte, überfielen sie unzählige, gleichsam aus dem Nichts erstandene Mückenschwärme, vor denen sie sich nicht mehr retten konnten, denn weder das Moos noch das feuchte Weiden- gestnipp wollte Feuer fangen. Volle acht Tage irrten sie ohne Wasser und nahezu ohne Feuer über diese bergige Tundra. Als wären sie von einem furchtbaren Fieberwahn befangen, gingen sie ohne jede Begeisterung weiter, schritten einher wie Nachtwandler, die von einem geheimnisvollen Befehl an- getrieben werden. Wird es noch lange so fortgehen? Werden ihre Kräfte reichen?. Wann wird sie der Wald endlich mit seinem fröhlichen Rauschen empfangen, wann werden sie ihre trockenen Lippen mit kaltem, reinen Wasser netzen? Sie dürsteten nach der kühlen Flüssigkeit wie sie in den langen arktischen Nächten nach der Sonne gelechzt, denn die ganze Zeit über hatten sie nichts zu trinken als schmutziges, moosdurch- setztes Wasser, das sie unterwegs in kleinen Pfützen antrafen oder in winzigen Brunnen ansammelten, die sie an den Rast- stätten eigens graben mußten. Der Schimmel hatte kein Futter mehr: er fraß alles, was er vorfand: er beknabberte die Zweige des Weidengesträuchs, kaute harte Flechten, aber er war mager wie ein Gerippe. Er stolperte auf Schritt iIViS Tritt, stürzte nieder, schlug sich das Maul, dann die Knie wund, und um ein Haar hätte er sich die Zähne ausgeschlagen. Sie mußten sich entschließen, ihn fallen zu sehen, oder ihre Bündel mit einem Teil seiner Last beschweren. „Wir müssen die Sachen mustern und alles Ueberflüssige fortwerfen. Vielleicht haben wir nur noch ein, zwei Tage solchen, Manderns vor uns und kommen dann an die Wassergrenze und steigen in die Flußthäler hinab, die an die Lena führen," sprach ihnen Niehorski Mut zu. Aber er vermied es, sie an» zusehen. Das männlich-schöne Gesicht Krassuskis war so klein und so dunkel geworden, daß es an einen Adlerkopf erinnerte, Die starke Gestalt Alexandroffs war gebückt, seine Füße traten mit verbissenem Trotz auf, als wollten sie die Erde von sich stoßen, und die schwarzen, trübe blickenden Augen Woroninsl trafen die Gefährten wie Dolchstiche mit ihrem schweigenden� geheimen Schmerz. Er klagte nie, aber er stöhnte im Schlaf, Niehorski hatte es oft gehört, denn er schlief wenig: er aß auch wenig und fühlte, daß er noch lebe, weil er glühe. Als sie am Morgen die dem Schimmel abgenommene Last in ihre Bündel steckten, nahm Niehorski Woronins Teil heimlich an sich und teilte es mit Krassuski. Aber als er sein Bündel heben wollte, sah er wohl, daß er selbst nicht weiter konnte, daß er heute sicher erliegen müsse. Er ging immer langsamer, glitt immer öfter aus und mußte sich auf Knie und Hände stützen. Trotz- dem wurde er böse wenn die andern auf ihn warteten. „So geht doch! Warum seht Ihr Euch um? Ich werde Euch schon am Lager erreichen: Eure Spuren werden mich hinführen. Habt keine Angst. Außer uns ist ja niemand hier!" Alerandrofs und Krassuski sahen einander mit fiebernden Pulsen zweifelnd an. Die Sonne brannte, wie in der Sahara� und oft schwebte eine rote Blutwolke vor ihren Augen. „Du mußt einen Teil Deiner Last abgeben. Wir werden den Schimmel damit beladen. Ein paar Pfund weniger oder; mehr werden ihm nichts anhaben!" drangen sie in Niehorski. „Das fehlte noch! Ich bitt' Euch, laßt mich in Ruhe!" Sie beschlossen ihm die Last gegen seinen Willen während der Nachtruhe abzunehmen. Aber als sie weiter gegangen waren und er auf einem Hügel allzu lange auf sich warten ließ, warf Krassuski sein Bündel ab und kehrte um. Er fand ihn auf dem Abhang liegen. Der Sack lastete auf seinem Rücken, der schmerzlich zuckte. Er war nicht ohnmächtig, denn er machte eine ungeduldige Bewegung als er die nahenden Schritte vernahm. „Was fehlt Dir?" fragte Krassuski, indem er sich neben den Gefährten niederließ und ihm den Sack abzunehmen suchte. „Rühr mich nicht an!" „Steh auf! Was fehlt Dir? Dein Gepäck ist zu schwer. Di: hast zu viel auf Dich geladen: ich hab's Dir gleich gesagt. Laß Dir das doch nicht zu Herzen gehen! Was kannst Du dafür, daß Du schwächer bist als wir." „Ach, laß mich in Ruhe! Ich will hier bleiben. Nimm die Sachen und geh! Geh— sag ich Dir... mögen mich die Wölfe hier auffressen." „Sei nicht wunderlich, steh auf!" In demselben Augenblick wurde Niehorski von einem heftigen Husten befallen. Als Krassuski ihn bei den Schultern packte und aufrichtete, stürzte dem Kranken ein roter Blutstrom aus dem Munde, und heiße Thränen flössen aus seinen Augen« „Siehst Du! Ich sterbe.,, Laßt mich hier. Ich bin schuld daran... vergebt mir!.., Ich werde..>. Polen .«. nicht wiedersehen." Krassuski sprang auf den Hügel und rief dre Gefährten zurück. 4
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21 (6.9.1904) 175
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