Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 7. Dienstag, den 10. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) v Der ßaumclftcr» Roman von Felix Holländer . _„Das letztere stimmt, stimmt auffallend!" antwortete Herr Freitag,„und was Verwandte anlangt, so besitze ich keine Seele, und mit meinen Freunden, wenn ich jemals welche hatte, habe ich die übelsten Erfahrungen gemacht." Und indem er ganz unvermittelt die Brille abnahm und seine feine, schlanke Hand auf Keßlers Schulter legte, sagte er:„Darum gerade wende ich mich an Sie. Zu Ihnen hätte ich Vertrauen. Ich möchte wissen, ob Sie mir eventuell helfen könnten." „Hm," machte Keßler und zog seine Stirn in Falten. „Sie stellen da eine Gewissensfrage an mich, die ich nicht ohne weiteres beantworten kann und will... So etwas muß man sich doch durch den Kopf gehen lassen." „Wenn Sie nur für einen Pfifferling Unternehmungs- geist hätten, so würden Sie mit allen zehn Fingern zugreifen — so wiirden Sie sich überhaupt nicht besinnen, erkläre ich Ihnen!" Keßler hörte gelangweilt zu. Der Mann interessierte ihn kaum mehr. Solche Testamentsgeschichten hatten seinem Gefühl nach etwas Romanhaftes. Sie vergifteten die Phantasie der Beteiligten, füllten sie mit unsauberen Vorstellungen aus, so daß aus leidlich vernünftigen Menschen groteske, tragikomische Figuren wurden. Solche Leute mußte man sich klugerweise vom Leibe halten. „Ich bin in ein Riesenunternehmen verstrickt," sagte er kühl,„und bis über die Ohren stecke ich in Geschäften. Sie müssen bedenken, daß ich die Verantwortung für ein Millionen- kapital übernommen habe," fügte er hinzu, in einem Ton, der ganz und gar nicht wichtigtuerisch�klang.„Sobald ich den Kopf etwas freier habe, will ich Ihrer«sache nähertreten." Ter alte Herr blickte den Baumeister in tiefer Enttäuschung an. Er machte eine so jämmerliche Miene, als ob ihm ein Schiff untergegangen wäre. „Gerade Sie wärm der richtige Mann gewesen," meinte er wehmütig,„Sie mit Ihren großen Beziehungen, Ihrer Stellung nach außen, Ihrer ganzen Persönlichkeit. Vor Ihnen hätte das Pack Reißaus genommen; es hätte gewußt, daß Sie kapitalkräftig genug sind, um den Prozeß durchzuführen, daß mit Ihnen nicht zu spaßen ist. Sehen Sie einmal," sagte er leiser,„ich hatte die Absicht, ganz in den Hintergruird dabei zu treten— im Interesse der Sache natürlich. Ich hatte da schon einen ganz bestimmten Plan. Es gibt nämlich Leute, die mich verfolgen, die mir nachstellen. Darum wollte ich, wie gesagt, in den Hintergrund treten— im Dunkeln verschwinden— und erst so wie ein Blitz hervorzucken, wenn die Schlacht ge- schlagen ist." Und plötzlich faßte er beide Hände Keßlers und sagte: „Ich bitte Sie flehentlich: Helfen Sie mir! Dieser Gauner- bände muß die Beute entrissen werden!" Keßler erwiderte:„Lassen Sie es mich überschlafen. Sie sollen so bald als möglich Bescheid erhalten. Heute aber sage ich Ihnen bereits: Kann ich mich entschließen, Ihre Sache in die Hand zu nehmen, so tue ich es mit ganzer Energie. Sie sollen sich nicht in mir getäuscht haben. Aber, wie bemerkt, ich möchte jetzt weder Ja noch Nein sageil.— Und nun lassen Sie uns schlafen gehen. Gute Nacht, Herr Freitag!" „Gute Nacht, mein Herr!" antwortete der Kleine, und ein trübes Lächeln spielte um seine dünnen Lippen... Achtes Kapitel. Keßler träumte das tollste Zeug: Er stand auf den: Bau- platz, wo die Ausschachtungsarbeiten begonnen hatten. Er saß im Direktionszimmer der Teut scheu Bank, zeigte den Herren die Pläne, entwickelte die Ertragsfähigkeit des Grundstückes, und man lauschte ihm und nickte beifällig mit den Köpfen. Die größten Summen wurden ihm zur Verfügung gestellt— und plötzlich tauchte die kleine Gestalt des Staatsanwalts von Drcnk- Witz auf, der ihm unheimliche Dinge zutuschelte. Und dann stand er auf einmal vor der Gerichtsbarre und entwickelte mit moralischer Entrüstung und fulminanter Beredsamkeit in un geheuerlicher Weise, wie der alte Herr Freitag von zwei Weibs- bildern um sein Geld geprellt worden war, und inmitten dieser Rede zupfte ihn jemand leise am Aermel, und als er sich um- wendete, war es Grete Anders, die ihn mit großen liebenden Augen ansah; und wieder trug sie das rote Tüchelchen um ihren Kopf, und auf ihren Zügen lag eine unendliche Zärtlichkeit und Hingabe... Er erwachte mit schwerem Kopfe. Es war bereits elf Uhr. Seine Wirtin klopfte. „Herr Baumeister, unten steht der Wagen," sagte sie devot, indem sie tief knickste. Niemals hatte sie es für möglich ge- halten, daß einer ihrer Zimmerherren sich einen Wagen halten würde. Sicherlich— der Baumeister hatte geerbt... oder das große Los gewonnen!... „Der Kutscher kann warten," entgegnete Keßler, und legte sich verdrießlich auf die andere Seite. „Wohin sollte er denn heute fahren?" fragte er sich. Die ganze Geschichte mit dem Wagen kam ihm an diesem grauen, nebeligen Morgen unsinnig vor. Schwerfällig erhob er sich und machte Toilette. Während er sich wusch, kam ihm der Einfall, per Wagen zu Grete Anders hinzufahren. Es war doch zu drollig, wenn er, selbst ein armer Schlucker, wenigstens für ein paar Tage als den großen Herrn sich aufspielte. „Nur nicht den„moralischen" kriegen!" dachte er weiter, „dann bin ich rettungslos verloren. Wer in dieser Welt trägt denn das Kostüm, das ihm gehört?" Er klingelte und bestellte sich das Frühstück. Die Wirtin brachte statt der gewöhnlichen Tasse Kaffee ein silbernes Kännchen. Die ganze Geschichte fing an, Keßler höllischen Spaß zu machen. „Hat die Post etwas hergebracht?" fragte er. „Nein, Herr Baumeister." Ueber sein Gesicht legte sich ein dunkler Schatten. Bei der Wirtin hatte der Wagen gewirkt, bei Herrn Kleefeld offenbar nicht, denn die ersehnte Antwort wollte nicht eintreffen. Er verzehrte hastig sein Frühstück, eilte die Treppen hin- unter und befahl dem Kutscher, ihn in die Krausenstraße Nummer 19 zu fahren. Nach ein paar Minuten war man schon am Ziel. Aus dem Milchgeschäft und dem Schuhmacherladen traten die Besitzer heraus und starrten den Wagen an, als ob sie nie im Leben ein Fuhrwerk gesehen hätten. Und als Keßler fragte. ob und wo hier Anders wohnte, rissen sie die Mäuler weit auf, ehe sie ihm antworteten. Er klomm die drei Treppen empor. Auf einem Porzellan- schild las er: Emanuel Anders, Musiker. Er zog vorsichtig an der Glocke, und gleich darauf öffnete ihm eine mittelgroße, ein wenig rundliche Frau, die auf dem Kopf eine weiße Haube trug. Auf ihrem ernsten Gesicht lag tiefe Sorge, und ein wenig erschreckt blickte sie zu ihm empor. „Mein Name ist Keßler, Baumeister Keßler," sagte er mit Ueberlegenheit. „Ah," antwortete sie, und ihr Gesicht hellte sich sofort auf. „Bitte, treten Sie näher. Wir sind Ihnen ja zu unendlichen! Danke verpflichtet!" „Sticht im mindesten! Ich komme auch nur herauf, um mich nach dem Patienten zu erkundigen." Das Gesicht der Frau verdüsterte sich wieder, während sie ihn in ein kleines Zimmer führte, in dem außer einem Klavier nur noch ein Sofa, ein Tisch und ein Schrank standen. „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Baumeister. Denken Sie i—r dieses Unglück! Mein Mann ist kerngesund, und da muß imtt auf einmal das Malheur passieren. Hundertmal habe ich i. m gesagt, er soll nicht vom Wagen abspringen— er ist kein Jüngling mehr! Bedenken Sie doch, der Mann ist neunund- fünfzig Jahre alt! Aber hört er denn auf mich? Er springt also ab, gleitet aus und bricht sich das Bein— und wie sie ihn gestern heraufbrachten— er ließ sich unter keinen Umständen auf die Hülfsstation bringen—, war er so schwach und elend, daß er gleich darauf die Besinnung verlor. Da mußte denn das Mädel in die Apotheke, um Pulver zu holen... Herr, du meine Güte, was haben wir ausgestanden! Heut in aller Frühe haben sie ihm den Verband angelegt. Und wer weiß, ob er überhaupt wieder wird richtig gehen können! Denken Sie doch, der Mann ist neunundfünfzig..
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22 (10.1.1905) 7
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