Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 126. Sonntag, den 2. Juli. 1903 lZiachdruck verboten.) flammen. Roman von Wilhelm Hegeler . � 7 Aber daK alles sind ja nur Worte, dachte Grabaus, leere, tonende Worte, Hinter die sie sich flüchtet, hinter denen sich die Wahrheit verbirgt. Und mit aller Gewalt war jetzt das gegen- wärtig, was vor wenigen Tagen geschehen war: da hatte sie sich an ihn geklammert und ihn geküßt, hatte ihm ihre Seelen- not verraten und ihn hineinschauen lassen in ihr zuckendes, sich abringendes Herz, das offen seinen Blicken dalag und zu ihm flehte: vernimm doch mein stummes Schreien, fühl doch das mit, wogegen mein Wille ankämpft und was stärker ist als aller Wille, versteh doch, wie mein einziger Wunsch ist, daß Du mich rettest, mich befreist, mich nimmst, mich fortträgst, Du, der Stärkere, mich, das schwache Weib, auch gegen meinen Willen, wie im Raub. Gegen ihren Willen— gegen ihren Willen: es lag darin eine wilde, aufrührerische Musik, es lag darin die fortreißende Macht eines Sturzbaches, und es lag darin eine wirbelnde durcheinanderschießende Menge von betäubenden, lockenden, ängstigenden Vorstellungen. Ganz allein waren sie in dieser Nacht— in dieser einzigen, nie wiederkehrenden, lauen, Luft atmenden und ihm zur Erlangung seines wie ihres Glückes geschenkten Sommernacht. Und während er in vollen Zügen die Luft einatmete, fühlte er wieder mit blinkenden Wellen den weichen Strom über sich hinfließen, fühlte sich sinken und sinken in süße, träum- hafte Dämmerungen, glaubte schwere Düfte einzuatmen und übermütig lachendes Klingen eines Liedleins zu hören und verwegene Hände sich ausstrecken zu sehen— er aber lag tief, tief im Schoß eines unergründlichen Wassers und fühlte schwer mit Süßigkeit und Oual, mit verzehrendes tGlut und aufreizendem Schmerz die Sehnsucht auf sich lasren— eine Sehnsucht, die kein morgen kennt, die' nur Erfüllung heischt— hatte noch im wachsenden Taumel einen kurzen Augenblick lang die blitzartige und stechende Empfindung, daß er fliehen, daß er, ohne auch nur mit einem Blick Marie Luise zu streifen, auf die Tür stürzen und diese hinter sich zuschlagen müsse, wandte sich dann, ohne zu wissen, welchem Drang er nachgab, um, und als er die halb erhobene Gestalt, die ihm ihre Hand cnt- gegenstreckte und sagte:„Heinrich, sei gut!— Sei gut!—" erblickte, sank er, ohne auf ihre Worte zu hören, neben ihr auf die Knie, umschlang die Zurückgelehnte mit beiden Armen und stammelte: „Du gehst ja zugrund! Du gehst zugrund! Du sollst nicht. Leben sollst Du, Du liebe, Du liebe Dabei küßte er sie auf ihre Augen, ihre Stirn, ihr Haar, küßte die Tränenspuren von ihren Wangen und preßte er- stickende Küsse auf ihre Lippen. Sie versuchte ihn zu beruhigen, sich loszumachen, drängte ihn erst leise, dann mit größerer Gewalt von sich und sagte: „Nimm doch Vernunft an, Heinrich. Laß doch mit Dir reden." „Vernunft?" erwiderte er und warf leidenschaftlich den Kopf zurück. „Dann geh!— Wenn Du mich lieb hast, gehst Du jetzt!" „Wenn Du mich lieb hast, gehst Du jetzt— nein, nein, nein. Ich gehe nicht. Ich bleibe. Ich trage Dich fort. Ich lasse Dich nicht. Mein bist Du— allen zum Trotz. Dir selbst zum Trotz. O Du— Du Schöne, Du Blonde-- ich will Dir sagen, wie mir ist." Und plötzlich in dieser furchtbaren Erregung wurden seine Züge scheinbar ganz ruhig. Ohne zu sprechen, heftete er seine Augen in ihre, und während er sie mit regungslosem, sanftem, leidendem und versunkenem Ausdruck ansah, trat aus sich öffnenden Tiefen ein Geheimnis zutage. „Ich bin krank," sagte er leise.„Krank . Ich leide an Dir. Ich sehe und denke nichts anderes als Dich. Du bist in mir wie eine Qual. Wie ein Feuer. Wie ein Wahnsinn. Ich habe keine Vernunft mehr.— Ich—" Er stöhnte leise und ließ den Kopf in ihren Schoß fallen. Sk hatte sich über ihn gebeugt, am aanzen Leibe zitternd. und in der aufsteigenden Angst, in dieser Angst bor ihrem Mitleid, ihrer Schwäche, vor der Umdämmerung ihres Willens zerrte sie an seinem Arm und bat immer inständiger: „Steh auf, Heinrich! Steh auf! Steh auf! Du mußt gehen." �„Ich kann nicht.— Warum soll ich gehen? Warum sollen wir uns opfern? Für wen?" „Du mußt gehen," wiederholte sie erregt.„Wenn nicht alles aus sein soll, dann mußt Du augenblicklich gehen." � „Was?" „Ja, augenblicklich." „Wenn ich gehe---" versetzte er, sich plötzlich aufreckend. „Wenn-- ich gehe— �" „Was dann?" „Dann ist alles aus."" „Heinrich!" „Dann bist Du— so— feige— so— grausam," stieß er mit schneidender Stimme hervor.„Dann glaub ich Dir gar nicht mehr. Gar nichts." „Heinrich! Sag doch das nicht. Du bist ja nicht bei Sinnen. O Du— das wirst Du bereuen, Sieh mich noch so an!— Was ist Dir?— Heinrich— Heinrich-- nimm mich— nimmt mich— nur sieh mich nicht so an!—" Sie schlang ihren Arm um seinen Hals, schmiegte ihre Wange an seine Stirn und preßte ihn mit aller Gewalt an sich, um ihn der Erstarrung zu entreißen. Aber behutsam, mit scheuen Händen machte er sich los, ließ sie, deren Augen noch immer um Barmherzigkeit flehend auf ihn gerichtet waren, in die Ecke des Sofas niedersinken, zog seine Finger, die sich vor Entsetzen krümmten, aus der Umklammerung ihrer Hände und wich selbst vor der Berührung ihres Kleides zurück, wäh- Snh er noch immer mit aufgerichtetem und wie gebäumtem berkörper vor ihr kniete. Aber auf seinem Gesicht lag jetzt nicht'mehr dieser aus Qual und Wut verzerrte, haßerfüllte Ausdruck. Sondern jetzt war er ganz wieder zur Besinnung ge- kommen und Herr seiner selbst, und seine geknebelte, zu Boden gepreßte Vernunft hatte sich jetzt frei gemacht, sich erhoben, und in der tiefen, lautlosen, leeren Stille, die plötzlich cinge� treten war, blickte sie, wie der grelle Sonnenschein auf die Ver- Wüstungen einer Sturmnacht, mit grausam sich rächender Klar- heit auf das nie zu vergessende, nie zu verzeihende Geschehnis� Und nachdem sie alles überschaut und alles begriffen hatte. sank er stumm mit fahlem Gesicht in sich zusammen, rührte sich nicht, als er fühlte, daß ihre Hand auf seinem Kopfe lag, wagte nicht den Blick zu erheben, als sie ihn leise beim Namen rief, und während sie ihn mit sanfter Gewalt aufrichtete, sah er sie an, ohne daß der brütend und in sich gekehrte Ausdruck seiner Augen sich veränderte. „Ich Hab Dich wirklich lieb, Heinrich. Du kannst mir glauben." „O Gott, ich tu's ja," antwortete er gequält. „Ich Hab Dich lieb— bis in den Tod," flüsterte sie.„Aber an ihn muß ich denken, der mir vertraut. So fest, so fest!— Man kann nicht an Gott fester glauben, als er mir glaubt." „Du mußt das vergessen— was ich gesagt habe— brachte er mit bebender und tonloser Stimme hervor und ließ dann die wankenden Augen sinken. Eine wunderbar süße, schmerzlich selige Milde lag auf ihrem Gesicht, während sie sein Haar streichelte, nicht ablassen konnte, es zu berühren und zu liebkosen. „Steh auf!" sagte sie dann.„Du mußt nun gehen.—> Aber eins versprich mir, ehe Du gehst—" „Was soll ich tun?" „Wir müssen Abschied nehmen. Heute noch.— Du mußt abreisen ohne mich." „Marie Luise— warum?" „Ach, ich gehe zugrund neben Dir. Glaub mir, wo Du bist, da bin ich auch. Aber laß mich allein. Ich kann's nicht mehr ertragen. Ich sterbe dran." „Marie Luise— warum?— Warum?" Seine Augen rangen mit ihr, in stummer Verzweisluna und tödlicher Angst, sprachen aus, was er nicht wagte laut werden zu lassen, und gaben dann endlich nach. Da küßte sie weinend seine Stirn und schmiegte sich immer wieder an sem Gesicht.
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22 (2.7.1905) 126
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