Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 222.

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Die Huerta.

Dienstag, den 14. November.

( Nachdruck verboten.)

Roman von V. Blasco Ibanez . Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thai. Rofario flammte vor Zorn; ihre blizenden Augen leuchteten wild auf; in der demütigen Magd, dem Arbeitstier, das an Schläge gewöhnt war, erwachte die freie Tochter der Huerta, die seit ihrer Geburt das Gewehr hinter der Tür hängen sieht und an Festtagen den Geruch des Pulvers mit Behagen einatmet.

Rosarios Neugier war erwacht. Nachdem sie von der Ver­gangenheit gesprochen, erkundigte sie sich nach allen, die sie in der Heimat gekannt, und fragte schließlich Pepeta nach ihrem eigenen Leben. Die Aermste! Man sah wohl, daß sie nicht glücklich war." Obwohl noch jung, verriet sich ihr Alter doch nur in ihren großen, hellen Augen mit dem jungfräulich unschuldsvollen und schüchternen Glanz. Ihr Körper war ein wahres Skelett; und in ihren blonden Haaren, die die zarte Farbe des Mais aufwiesen, zeigten sich schon jetzt, vor dem dreißigsten Jahre, die weißen Fäden strähnenweise. Wie behandelte Pimento sie denn? War er noch immer so trunk­süchtig und arbeitsscheu? Man konnte wohl sagen, daß sie selbst an ihrem Unglück schuld war, als sie sich gegen den Willen Aller verheiratete. Ein kräftiger Bursche, ja, das war er und es gab keinen, der in seiner Gegenwart nicht zitterte, wenn er mit den fecksten Burschen der Huerta Sonntag nach­mittags Truque spielte, aber zu Hause mußte er ein schreck licher Mensch sein

"

Plötzlich ließ sich eine laute Stimme auf der Treppe ver­nehmen:

Rosario, schnell die Milch!"

Rosario eilte die Treppe hinauf, nachdem sie die Milch­frau gebeten, manchmal in die Straße zu kommen und ihr Neues aus der Heimat zu erzählen. Die Glocke der Rocha flingelte noch über eine halbe Stunde in den Straßen von Valencia ; dann endlich entschloß sich Pepeta, wieder in ihre Hütte zurückzukehren.

*

Die Bäuerin wanderte einsam und traurig dahin. Diese Begegnung hatte sie erregt; sie erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, an die entsetzliche Tragödie, die den Vater Barret und seine ganze Familie vernichtet hatte. Seit jener Zeit lagen die Aecker, die die Vorfahren des einst wohl­habenden, später verarmten Bauern über ein Jahrhundert bebaut hatten, brach am Rande der Landstraße. Das un­bewohnte Haus verfiel nach und nach, denn es fehlte an einer mitleidigen Hand, die das Dach ausbesserte oder in die Spalten der Mauern etwas Mörtel schmierte. Da man nun schon seit zehn Jahren an dieser Ruine vorüberging, so achteten die Leute nicht mehr darauf, und auch Pepeta hatte aufgehört, nach der alten Baracke zu blicken. Es interessierte sie nicht mehr, wenn die Jungen, die den väterlichen Haß geerbt, durch die Nesseln der unbebauten Felder krochen, um die leere Baracke mit Steinen zu bewerfen, breite Breschen in die verschlossene Tür zu legen oder den unter dem verfallenen Spalier an­gelegten Brunnen mit Erde oder Kiesel auszufüllen.

An diesem Morgen jedoch wandte Pepeta, noch ganz im Banne der Bewegung, die Augen nach der Ruine und blieb stehen, um sie sich genauer anzusehen.

Die Felder des Vater Barret oder, genauer gesprochen, die des verhaßten Don Salvador, und seiner verdammten Erben bildeten inmitten der so fruchtbaren, so gut bebauten, so heiter lächelnden Huerta mit ihren roten Furchen, in denen sich die Gemüsepflanzen gradlienig hinzogen, mit ihren kleinen Bäumen, deren Laubwerk im Herbst die durchsichtige Farbe des Gerstenzuckers angenommen, eine Dase des Elends und der Verzweiflung. Der Grund und Boden war hart ge­worden, und aus seinen unfruchtbaren Eingeweiden waren alle möglichen Schmaroßerpflanzen und alles Unkraut ent­sprossen. Ein verkrüppelter, häßlicher Zwergwald zeigte überall seine seltsame grüne Farbe, nur stellenweise von ver­einzelten, geheimnisvollen Blumen unterbrochen, wie sie nur in Ruinen und auf Kirchhöfen wachsen. In diesem Gestrüpp

1905

hauste eine sich üppig mehrende Fülle von efelhaften. Tieren, die durch die Sicherheit des Ortes fed geworden, sich auf die umliegenden Aecker verteilten: grüne Eidechsen mit runzeligem Rücken, Kröten, deren Panzer metallische Reflere aufwiesen, iSpinnen mit furzen behaarten Beinen, Nattern und Schlangen, die nach den benachbarten Kanälen entflohen. Sie lebten da, ohne daß man sich um sie fümmerte, bildeten gleichsam einen besonderen Staat und verschlangen sich gegenseitig, und ob­wohl sie an der Kultur nicht wenig Schaden anrichteten, so schonte man sie doch, und hegte sogar eine gewisse Verehrung für sie: denn die sieben Plagen Aegyptens erschienen den Leuten der Huerta nur gering, wenn es sich um diese von Gott verfluchten Aecker handelte. Barrets Felder sollten eben nie mehr den Menschen gehören. Mochten die ekelhaften Tiere hier hausen; je mehr, desto besser.

Im Mittelpunkte dieses verfluchten Gebietes, das sich wie ein Schmutzfleck von einem Königsmantel aus smaragdgrünem Samt abhob, stand oder verfiel vielmehr die Hütte mit ihrer zerfetzten Strohhaube, die durch die von Wind und Regen hineingerissenen Löcher ihr wurmstichiges Holzgerippe zeigte. Die von den Wassern angefressenen Mauern ließen ihre Lehmziegel sehen, und nur leichte weißliche Flecke er­innerten hier und da an den Mörtel, der früher dort gesessen hatte. Die Tür war unten zerbrochen, von den Mäusen an­genagt und bis zum oberen Teile gespalten. Die zwei oder drei Fenster, die der Wind peitschte und die schon vollständig verbogen waren, hingen nur an einer einzigen Angel und drohten jeden Augenblick herauszufallen, sobald er einmal etwas stärker wehte.

Der Anblick dieser Ruine trübte die Seele, schnürte das Herz zusammen und flößte düstere Gedanken ein. Man hatte das Gefühl, bei Anbruch der Nacht müßten Gespenster aus dieser einsamen Hütte auftauchen, Schreie von Ermordeten fich hören lassen, und dieses ganze Gestrüpp wäre ein Bahr tuch, das gräßliche Leichen zu Hunderten bedeckte. Seibst die Bögel flohen diese Todesfelder, entweder aus Furcht vor den Tieren, die unter dem Unkraut wimmelten, oder weil sie an diesem Orte ein Unglück witterten. Wenn einmal etwas über das zerspaltene Dach flatterte, so war das sicher ein Unglücks­vogel mit schwarzem Trauergefieder, der, sobald er sich be­wegte, das fröhliche Gezwitscher auf den Bäumen und das lustige Piepen zum Schweigen brachte. Und die Huerta ver­stummte, als gäbe es in einem Umkreise von einer halben Meile feine Sperlinge.

Gerade als Pepeta sich anschickte, ihren Weg nach ihrem Häuschen fortzuseßen, das in einiger Entfernung zwischen den Bäumen auftauchte, mußte sie noch einige Minuten unbeweglich am Rande der Landstraße stehen bleiben, um einen beladenen Wagen vorüberzulassen, der klappernd weiterfuhr, und der aus der Stadt zu kommen schien.

Sobald sie diesen Wagen erblickt hatte, erwachte ihre weib­liche Neugier.

Es war ein armseliger Bauernwagen, von einem alten, knochigen Pferde gezogen; an schwierigen Stellen half ein hochgewachsener Mann, der links vom Tiere ging, und trieb es mit Schreien und Peitschenknallen an. Dieser Mann war wie ein Bauer gekleidet, doch seine Art, wie er das Tuch um den Kopf gebunden hatte, seine Samthose und mehrere andere Einzelheiten seiner Kleidung verrieten, daß er nicht aus der Huerta war, wo man sich allmählich nach dem Stadt­geschmack gerichtet hatte. Es war ein Bauer aus irgend einem fernen Dorfe, vielleicht sogar aus dem tiefsten Grunde der Provinz.

Auf dem Karren lagen, zu einer Pyramide zusammen­gebaut, allerlei Wirtschaftsgegenstände. Eine ganze Familie wanderte hier aus. Berfette Matratzen, mit Maisstroh ge­stopfte Bettsäcke, Strohstühle, Defen, Steffel, Körbe, grün­angestrichene Gestelle, das alles lag wirr durcheinander auf dem Wagen, es war schmutzig, abgenutt, ärmlich, roch förm­lich nach Hunger und verzweifelter Flucht, als hätte das Elend diese Familie fortgejagt und sich an ihre Fersen geheftet. Auf der Spitze des Haufens sah man drei kleine Kinder, die sich umschlungen hielten und mit groß aufgerissenen Augen wie Forscher, die eine Gegend zum ersten Mal besuchen, auf die Landschaft blickten