Zlnterhaltmigsblatt des Horwärts Nr. 23. Sonnabend den 1. Februar. 1908 (Nachdruck verboten) 28] Schilf und Sd�lamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Von dem Glück gerührt, näherte Paloma sich seinem Sohne, der wie gewöhnlich ernst und verschlossen blieb.Toni, das Glück ist in unser Haus eingetreten, und man muß es zu benutzen wissen.... Sie wollten dem Kleinen helfen, der mit den Fischereigeschäften noch nicht recht Bescheid wußten dann würde der Handel sich großartig gestalten. Doch der Alte war ganz verdutzt, al�.er sah, mit welcher Kälte ihm sein Sohn antwortete. Ja, es ist ein großes Glück, den ersten Fischposten zu haben, wenn man zu seiner Ausbeutung auch die nötigen Gerätschaften besitzt. Dazu brauchte man wenigstens tausend Pesetas, allein für die Netze. Hatten sie etwa dieses Geld?" Der Onkel Paloma begann zu lächeln. Es würde nicht an Leuten fehlen, die es mit Ver- gnügen leihen." Doch Toni schnitt eine schmerzliche Grimasse, als er das Wort leihen hörte. Sie waren so schon viel Geld schuldig. Die Franzosen , die sich in Catarroja niedergelassen, Pferde verkauften und den Bauern l/Md liehen, waren schon keine kleine Qual für ihn. Er hatte Gelegenheit gehabt, sie um Hülfe zu bitten, erstens in den Jahren schlechter Ernte, dann um die Aus- trocknungsarbeiten der Lagune tätiger zu betreiben, und selbst in seinen Träumen sah er diese in Samt herumstolzicrenden Männer, die jeden Augenblick Drohungen ausstießen und bei jedem Schrie ihre Papiere mit dem verzwickten Netz der Zinsen herausholten. Er hatte genug davon. Wenn man in ein böses Abenteuer verwickelt ist, muß man sich retten, wie man kann, aber sich nicht in ein anderes stürzen. Die Schulden, die auf den Aeckern lasteten, waren gerade ge- nügend. Sein einziger Wunsch war, seine Aecker möchten aus dem Wasser herauskommen, ohne daß er sich um etwas anderes zu kümmern brauchte. Der Fischer drehte seinem Sohne den Rücken. Und das war sein Fleisch und Blut?... Da war ihm Tonet mit all seiner Faulheit doch lieber. Er wollte sich mit seinem Enkel zusammentun, und beide würden schon etwas ersinnen, um über die SckWierigkeiten hinwegzukommen. Dem Herrn der Scquiota konnte es ja unmöglich an Geld fehlen. Noch stolz auf den feuchten Blick, den Neleta auf ihn heftete, schritt Tonet in Begleitung seiner Freunde auf und ab. da bemerkte er, daß man ihn rief und ihm dabei auf die Schulter schlug. Es war Canamel, der ihn mit zärtlichen Blicken anzu- schauen schien.Sie hatten mit einander zu sprechen: nicht umsonst waren sie immer gute Freunde gewesen: war die Sckienke nicht TonetL eigentliches Haus? Er sollte nur so fortfahren, unter Freunden erledigen sich die Geschäfte sehr schnell." Dann gingen sie einige Schritte beiseite, um an- gelegentlich zu plaudern, während die neugierigen Blicke aller ihnen folgten. Der Schenkwirt ging sofort aufs Ziel los. Tonet hatte gewiß nicht das nötige Geld, um den Fisch- Posten auszubeuten, der ihm zugefallen war. Stimmte daS nicht?... Aber er hatte das Geld. Und er war ein wahrer Freund, der ihm helfen wollte: er würde sich niit ihm zu gemeinsamer Tätigkeit verbinden und für alles Nötige sorgen." Als Tonet schlvieg und nicht wußte, was er antworten sollte, wurde der Schenkwirt, der sein Schweigen für eine Ablehnung hielt, heftiger.Waren sie Kameraden, ja oder nein? Hatte er etwa die Absicht, es wie sein Vater zu machen und sich an die abscheulichen Fremden von Catarroja zu wenden, die die armen Leute zugrunde richteten? Er war ein Freund, er betrachtete ihn fast als Verwandten, denn der Teufel sollte ihn holen er könnte nie vergessen, daß seine Neleta in der Hütte der Palomas gelebt, daß sie dort oft gegessen hatte und Tonet wie einen Bruder liebte." Der pfiffige Gastwirt benutzte mit größter Unverschämt- heit diese Erinnerungen und hob die schwesterliche Zuneigung seiner Frau für den jungen Mann hervor. Dann faßte er einen noch heroischeren Entschluß. Wenn Tonet einen Zweifel hegte, wenn er nicht glaubte, daß sie die Zuneigung einer Schwester für ihn besaß, sollte er Neleta etwa rufen. damit sie ihn selbst überzeugte? Gewiß würde sie. ihn auf den richtigen Weg bringen. Nun, sollte er sie rufen? Diese Vorschläge hatten für Tonet viel Verlockendes, aber er schwankte doch noch stark, ehe er sie annahm. Er fürchtete das Gerede der Leute, dachte an seinen Vater und er- innerte sich an seine strengen Mahnungen. Er schaute sich um, als könne ihm aus der Menge ein Rat kommen, und er- blickte aus der Ferne seinen Großvater, der ihm zustimmende Zeichen mit dem Kopfe machte. Der Schiffer hatte den Gegenstand der Unterhaltung mit Canamel erraten. Er hatte gerade daran gedacht, sich dem Gastwirt als Bundesgenossen zuzugesellen. Darum er- mutigte er seinen Enkel mit neuen, nicht weniger energischen Gesten.Er durfte nicht ablehnen: das war gerade der Mann, den sie brauchten." Tonet entschloß sich, und Neletas Gatte, der diesen Eilt- schluß in seinen Augen las, teilte ihm schnell die Bedingungen mit. Er wollte das gesamte nötige Geld geben. Tonet und der Vater sollten arbeiten, der Ertrag sollte geteilt werden. Waren sie damit einverstanden? Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und lenkten, von Neleta und dem Onkel Paloma begleitet, ihre Schritte nach der Schenke, um zusammen zu speisen und den Vertrag feierlich zu begießen. Tie Neuigkeit durchschwirrte sofort den Marktplatz. Der Kubaner und Canamel hatten sich zusamniengetan, uin die Sequiota auszubeuten.... Die Samaruca mußte man auf Befehl des Alkaden von dem Platze wegbringen. Von einigeir Weibern begleitet, schlug sie den Weg nach ihrer Hütte ein, schrie wie eine Besessene und beschwor ihre seit mehreren Jahren verstorbene Schwester herauf, während sie mit aller ihr innewohnenden Lungenkraft erklärte, Canamel wäre ein schamloser Kerl, denn um ein Geschäft zu machen, zögere er nicht, den Liebhaber seiner Frau bei sich aufzunehmen. V. Toncts Stellung änderte sich in Canamels Schenke voll- ständig, er war kein Gast mehr, er ivar Kompagnon, der Kamerad des Hausherrn, und trat in die Schenke, indem er die Reden von Neletas Feindinnen mit hochmütiger Geste herausforderte. Wenn er den Tag hier zubrachte, so geschah das nur, um von seinen Geschäften zu sprechen. Er trat in der un- geniertesten Weise von der Welt in alle Zimmer des Hauses, und um den Leuten so recht zu zeigen, daß er auch wirklich zu Hause war, räumte er den Schenktisch ab und ließ sich dahinter neben Canamel nieder. Sehr häufig stiirzte Tonet, wenn Canamel sich mit seiner Frau im Hinterzimmer befand, und ein Gast etwas verlangte, nach dem Schenktisch und servierte mit komischem Ernst und unter dem Lachen seiner Freunde das verlangte Getränk, wobei er sogar die Stimme und die Gesten des Onkel Paco nachahmte. Ter Gastwirt war mit seinem Kompagnon sehr zufrieden. Ein vortrefflicher Junge," wie er vor seinen Gästen in Tonets Abwesenheit erzählte,ein guter Freund, der sich aus- gezeichnet betrug... Und dabei fleißig: der wiirde es mit Hülfe eines Protektors, wie er es war, weit, sehr weit bringen." Sogar der Onkel Paloma verkehrte in der Schenke häufiger als sonst. Die Familie hatte sich in einem heftigen Zwist geschieden. Der Onkel Toni und die Borda begaben sich jeden Morgen aufs Feld, um den großen Kampf mit dem See fortzusetzen, den sie noch immer mit ihrer mühsam herbei- geschleppten Erde zuschütten wollten. Tonet und sein Groß- Vater zogen nach der Schenke, wo sie sich von ihrem nächsten Unternehmen unterhielten. Wirklichkeit waren die einzigen, die davon sprachen, der Gastwirt und der Onkel Paloma. Canamel hörte nie auf, sich selbst zu loben und die Großmut zu rühmen, mit der er sich erboten hatte, ihn zu unterstützen. Er stellte sein Kapital zur Verfügung, ohne zu wissen, wie der Fischfang schließlich ausfallen würde, und begnügte sich dabei mit der 'Hälfte des Ertrages. Er bandelte wahrbaktia anders, als