Anterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 175. Donnerstag, den 10. September. 1903 .(Ziachdrul! �erboten.). IVlakia. Nomün aus dem modernen Sizilien von Emil R a S m u s f e n. Spät des Abends, nachdem die Eltern zur Ruhe ge- gangen waren, saß Lidda allein in ihrem Zimmer, in einem Lohnstnhle ruhend, den sie dicht an die offenen Flügeltüren des Balkons gezogen hatte, um den Sternenhimmel zu fehen und die kühle Abendluft einzuatmen, die ihr mit leisem Fächeln die Töne aus Lo Fortes Flügel herübertrug.' Er spielte Grieg . Sie hörte diese Musik zum ersten Male in ihrem Leben, und nach der langen Zeit musikalischer Un- fruchtbarkeit, die sie durchgemacht, ergriffen diese färben- reichen Klänge ihre Seele so eigentümlich, daß sie wie in Kälteschauern zitterte und die Tränen rinnen fühlte. Wie er spielte I Wie menschlich sie war, diese Musik! Wie lebendige Seelen, wie Lächeln durch Tränen waren diese perlenden Melodien, dann mit einem Male brutal zerrissen von einer schrillen Disharmonie. Wie ergreifend! Wie menschlich tief und wahr! Sie hörte ihn erst zum zweiten Male spielen. Und welch einen Unterschied an Kraft und Temperament offenbarte sein Spiel! Sie erinnerte sich jenes Konzertes noch sehr deutlich. Er hatte fein und musikalisch gespielt: aber� mit dem Verständnis eines Weibes, schien es ihr. Aber wie er heute abend spielte, so spielte nur ein Mann. Lo Forte war ihr in den dazwischenliegenden Jahren fast ganz aus dem Bewußtsein geglitten. Sie hatte ihn so wenig gekannt, daß er fast zu einer mystischen Figur geworden war, »inlöslich verknüpft mit der unergründlichen Bionda. Wenn sie sich ihn ins Gedächtnis zurückrufen sollte, so stand er vor ihr als ein vornehm denkender und fühlender, aber vag zer- fließender Charakter, als ein Mann dem äußeren, aber ein Weib dem inneren Wesen nach, als eine Natur, die sich in schamhafter Angst vor den Menschen bloß in Einsamkeit nach innen entfaltet hatte. Als einen ganz neuen Menschen hatte sie ihn heute ge- sehen, sogleich als er mit der Mutter in den Garten kam. Das kupferverbrannte Antlitz, das der lange, seidenblonde Bart noch dunkler machte, verriet dieselbe kräftige Gesund- heit wie der elastische Gang und die breite Brust unter dem dichtschließenden kaffeebraunen Anzug mit den zierlichen »wten Seidenpünktchen. Und sein Plan war wahrhaftig nicht der eines Weibes: er reichte weiter vor und zurück als ein bloßer plötzlicher Einfall es zu tun pflegt. Er zeugte nicht nur von einer umschauhaltenden Vorsicht, von einem genauen Abwägen jedes Details, ehe man die Fäden zusammenzieht, sondern zugleich von einem Charakter, der den Mut besaß, sein Temperament zum Lebensplan zu erhöhen, und die Ge- duld, mit Umsicht das Erdreich für die Ausführung des Planes zu bereiten. Als der Flügel schwieg, trat sie einen Augenblick auf den Balkon hinaus. Auf vielen der Nachbarbalkons standen Frauen, die der Musik gelauscht hatten, und auf der Straße wimmelte es von Bauern. Als man sie zu bemerken schien, ging sie hinein und schloß die Balkontüren, worauf sie sich zu entkleiden begann. Es war Jahr und Tag her, seit sie nicht mit so ruhiger Sicherheit zu Bette gegangen war. Diese neuen Bundesgenossen, Ettore und Gianandrea, schienen ihr die Zukunftshoffnung zu bedeuten, nicht bloß für ihre Familie, nein, für sie alle. Schon vor dem Frühstück des nächsten Vormittags, kam Lo Forte wieder. Er traf Lidda allein in des Vaters Arbeitszimmer. Ganz glückstrahlend kam sie ihm entgegen. „Vater hat nachgegeben, Herr Ingenieur! Vater will verkaufen!— Aber Sie sehen so ernst aus? Die Gesellschaft hat sich wohl zurückgezogen?" „Frau Baronin, diese Schlacht ist verloren! Es ist die ministerielle Erlaubnis zur Expropriation gekommen!" 22 Für den langen Calogero waren es saure Zeiten. Wenn er, müde von den Mühen des Amtes, seine Schul- knaben binausließ, setzte er sich gerne nieder, das Kinn auf die Hand gestützt, und sah vor sich hin, unbeweglich wie ein indischer Heiliger, während er über die Unbill des Daseins philosophierte. Nur ab und zu ging ein Zucken durch seine Beine, und dann war es in der Regel ein Rachegedanke, dex einen Augenblick in seinem Hirn aufblitzte. Da war nun vor allem Pamfo— dieser hinterlistige Dummkopf, dessen Wohlleben bereits Wanst und Doppelkinn anzusetzen begann, und der trotz seines beständigen Janunerns ganz offenbar schon Kapitalist war! Alles, was er anrührte, wurde ja zu Gold. Er schöpfte aus unterirdischen Quellen: er trieb Wucher und übernahm die Häuser seiner Opfer, und er preßte Geld aus seiner Madonna. Es gab bald keine Spezialität, die diese schielende Gottheit nicht pflegte: namentlich hatte sie sich eine solide Klientel von Leibesfrucht- abteiberinnen erworben. Was sie und Pamfo in dieser Branche geleistet, war nichts Geringes— und es machte sich auch reichlich bezahlt. Für Calogero aber blieben immer nur wenige armselige Krumen von des Reichen Tische. All dies mochte indes noch hingehen, wenn nicht die schlechte Laune seines„Schwiegersohnes" Angelo, die er vor allem anderen zu kosten bekam, ihm das Leben schier un- erträglich gemacht hätte. Und Angelo war seit letzter Zeit stets schlechter Laune. Bionda hatte kürzlich zu kränkeln begonnen und lag nun fast beständig zu Bette. Der Arzt sagte, sie leide an Magen- krebs. Wie ärgerlich für Angelo, dies anzusehen! Er hatte fürwahr nicht geheiratet, um sein Heim in ein Hospital verwandeln zu lassen, in dem er unvermeidliche Rücksichten nehmen mußte. Nur einen Lichtpunkt hatte er an diesem Krankenlager gefunden. Er konnte berechnen, daß es in nicht allzu langer Zeit ein Ende nehmen würde, und da Lidda Witwe geworden war, erschien zum Zweitenmal die Möglich- keit, mit ihr vereinigt zu werden, die ihm trotz allem un- vergeßlich war— die einzige unbefriedigte und darum auch tiefgehende Leidenschaft seines Lebens. Aber mitten in diesen Träumen tauchte Gianandrea Lo Forte auf— dieser Mensch, den er allmählich mit einer unbezwinglichcn Wut zu hassen gelernt hatte. Es bedeutete weniger, daß Bionda mit dem Tage, da sie von seinem Kommen erfahren, wie von ihm besessen war, obwohl auch dies ihn reizte. Aber er hatte gehört— und das lag auf ihm wie ein Alp—, daß Lo Forte den ganzen ersten Sonn- tag bei dem Marchese verbracht hatte und seither fast jeden Tag, wenn er in der Stadt war, in dessen Haus kam. Daß diese Besuche Lidda galten, daran zweifelte er nicht. Zum zweiten Male wagte es dieser Maulwurf, ihm den Weg zum Herzen eines Weibes zu versperren! Das rein Unerträgliche aber dabei war, daß er ihn nicht recht zu treffen wußte. Er war Ettores intimster Freund. Und dieser Bruder, den Angelo zugleich haßte und bewunderte, dieser Bruder war der einzige Mensch, der ihm Furcht einzuflößen verstanden hatte. Zu all diesen quälenden Gedanken kam ein neuer häßlicher Aerger, der das Maß voll machte: Rusidda fühlte sich zum zweiten Male guter Hoffnung. Mißgeschick, wohin er sah! Er riskierte geradezu, in den Ruf eines Jettatore, eines Mannes mit dem bösen Blick, zu kommen und wie ein Aussätziger von allen gemieden zu werden. Slber nun verlor er auch die Geduld, und Calogero schien ihm der Geeignetste, all seine wütenden Ausfälle entgegen- zunehmen. So oft er in Angelos Sehweite geriet, wurde er beschimpft. Er aber bewahrte seine ruhige Bauernphilosophie. blieb stumm und fand sich in alles— um der kleinen Cleofq willen. Eines Abends, als Calogero vor seiner Schulstube saß und sich eine Zigarre gönnte, zog von einer ganz neuen Seite ein Unwetter auf. Es kam Nachricht von Carmela, ob ep nicht abends zu ihr hinaufschauen wolle. Ohne Böses zu ahnen, ging Calogero zu seiner Freundin. Er wurde sogleich etwas verlegen, als er Don Gerlando dort traf, obgleich es ihm nicht unbekannt war, daß der alte Sünder seine beichtväterlichen Besuche bei Carmela wieder aufgenommen hatte, seitdem ihre Hüfte sich erholt und die Madonna der Liebenden ihr ihre Gnade zu- aewandt hatte.
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25 (10.9.1908) 175
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