Nnlerhaltimgsölatt des Vorwärts Nr. 78.' Freitag, den 23. April. 1909 Machdruck bCfEjlffl.l n] Das tägUcbe Brot. Roman von C. V i e b i a. Unermüdlich stapften ihre Füße durch SchneS und Schmutz: während sie in die Häuser ging, um an den Hinter- türen zu klopfen oder das Blatt unter die Strohmatte zu schieben, hielt Fridchen außen Wacht. Wenn nur nicht die vielen drei und vier Treppen gewesen wären! Mühselig, sich am Geländer haltend, mit ihren dicken und doch längst vom Schnee durchkälteten Schuhen große Tappen zurücklassend, keuchte Mine da hinauf. Sie wurde immer später mit Aus- tragen fertig wie andere Zeitungsfrauen: ja, wenn Fridchen schon so fix auf den Beinen gewesen wäre, um ein paar Häuser ganz allein zu besorgen! Aber das konnte die doch noch nicht. Als ein Polizist das Fahren mit dem Kinder- wagen auf dem Trottoir verbot und das Schieben durch den hohen Schnee des Dammes zu beschwerlich war, hing Fridchen der Mutter noch wie ein Bleigewicht am Rock. Aber wunderbar, seit das Kind mitkam, öffneten sich viele Türen weiter. Das kleine, verfrorene Ding der Zeitungsfrau fand Freunde. Wo feine Köchinnen waren, wurde freilich gleich wieder zugeschlagen, aber manche Haus- frau, die selber öffnete, spendete eine Tasse warmen Kaffee, und auf der Treppe sitzend, teilten sich Mutter und Kind in den Genuß. Und einmal bekam Fridchen sogar einen Apfel! Zwei freundliche kleine Mädchen, Lore und Else, schenkten ihn ihr. Sie traute sich gar nicht, ihn gleich zu essen: sie hrachte ihn noch nach Hause mit.— An den Ecken der Straßen und auf den Promenaden fing man schon an, Bosketts von Tannen aufzustellen: ganze Alleen duftiger, dunkelgrüner Weihnachtsbäume wurden gerichtet. In den Mittagsstunden fand sich Artur dort ein, in der Absicht, den Herrschaften die Bäume nach Hause zu tragen. Aber er trug keine. Es kamen erst wenige Herrschaften, und dann waren auch andere schneller dabei, sich zum Tragen an- zubieten als er. Ehe er einen Schritt vorwärts getan, hatten die den Baum bereits gepackt und schleiften ihn davon. An den Ecken zog es, er hatte keine Fausthandschuhe und fror erbärmlich in seinem abgeschabten Ucberzieher: und wegen dieses Ueberziehers lachten ihn die anderen noch aus. Die trugen keinen, nur flauschige Arbeitsjacken, aber dicke Wollschals um den Hals und Ohrenklappen an den Mützen. Auf Arturs breiten Hut schien es der Wind besonders ab- gesehen zu haben: ihn packen, vom Kopf reißen, fortwirbeln war eins, und Artur mußte nachsetzen durch dick und dünn. Das war der bitterste Tag für Artur, als er eine alte Mütze seines Vaters, die dieser bei feinen Marktfuhren ge- tragen, borgen mußte. Frau Reschke meinte zwar, sie stände dem Sohne gut, besonders so ein bißchen schief auf die Seite gerückt: aber Artur lächelte nicht, wie er sonst wohl bei den Schmeicheleien der Mutter gelächelt, sondern sah finster drein. Nun stellte er sich an den Markthallen auf: nicht bloß bor der nächstliegenden am Magdeburger Platz, nein, bis nach der Lindenstraße ging er, und, wenn er früh genug aufkam, fuchte er die alte, wohlbekannte Stätte am Alexanderplatz auf. Dort gab's zu heben, zu schleppen, zuzureichen, wenn die großen Händler verluden. Man konnte ganz gut dabei ver- dienen: Artur erinnerte sich, daß sein Vater für den Korb, den ihm einer zur Karre trug, zehn Pfennige gegeben. Als ihm aber ein dicker Schlächter, dem er ein Kalbsviertel nach- «wfragen, unter dessen Gewicht er beinahe zusammengebrochen Iva*, nur zehn Pfennige bezahlte, muckte er auf. Doch nun war es, als hätte er's dadurch verdorben: jeder nahm sich lieber einen anderen zu Hilfe, einen jener stämmigen Kerle (mit Stiernacken und versoffenen Nasen. Ab- und zu nur ließ sich ein zierliches Dienstmädchen von dem blassen, hübschen Menschen mit den melancholischen Augen den Marktkorb bis vors Haus bringen und gab ihm zwanzig Pfennige: oder eine alte jüdische Dame, der er die mächtige Schindegans nachtrug oder die Freitagsfische in der Küche ablieferte, gab ihm zehn Pfennige. Seit er aber einmal in einer stattlichen Frau mit Sammctcape und Blumenhut, die ihm eine Tasche und so und so viel TllteNi aufpackte, die Auguste erkannt, die früher, als sie noch Dienst« mädchen gewesen, bei seiner Mutter im Grünkram gekauft, ging er nicht mehr zu den Markthallen. Wenn er auch die Mütze tief in die Stirn rückte und den Kopf senkte, er zitterte doch, daß ihn einmal eine erkennen möchte. Nun verteilte er Reklamezettel für ein neu etabliertes Herrengarderobengeschäft, aber das machte gleich pleite: dann für ein Spezialitätentheater—„Miß Dinora, die Dame mit dem schönsten Busen der Welt!"— nach einem Tage schon war die Reklame nicht mehr nötig, das Lokal war überfüllt. Er schrie auch Extrablätter aus:„Grausige Bluttat, furcht- bare Mordtat", aber sein Organ reichte nicht aus, es war zu schwach, um mit seinem„Mord. Mord" den Lärm der Straßen zu durchdringen. Nun lief er die großen Geschäfte und Warenhäuser ab, da konnte man zuweilen ankommen, um den Hausdienern beim Beladen oder Abpacken der Wagen zu helfen. Fünfzig Pfennig gab's für die Stunde: jetzt um Weihnachten, in der Erntezeit der Geschäfte, war Hilfe oft erwünscht. Freilich, der Ucberzieher ging dabei zum Teufel, mit Schrecken sah's Artur, die rechte Schulter und der rechte Arm zeigten gar keine Wolle mehr. Nun ließ er ihn zu Hause und lief bloß in seinem Röckchen, unter das er eine alte Häkelweste gezogen: Mine wollte ihm auch noch durchaus ihr Tnch unterbinden, aber da wurde er unwirsch. „Bind's alleine um." schrie er gereizt und stieß sie zurück: und doch war Besorgnis in seinem Ton und auch Besorgnis in dein Blick, mit dem er ihre Gestalt maß. So kalt war es seit Jahren nicht gewesen wie in diesem Winter. Der Schneefall im November hatte im Dezember aufgehört, dafür war der Boden fußtief gefroren, ein eisiger Wind zog jede Feuchtigkeit aus der Luft und schnitt wie mit Messern. Die kleinen Spatzen erfroren, und vom freien Felde kamen Raben und Krähen herein, flatterten auf die Firste der Häuser und äugelten gierig hinunter in die Höfe. Ganze Schwärme dieser hungernden Tiere durchkrächzten den Tiergarten und verkrochen sich dann irgendwo. Mine hatte ein paar alte Kisten ergattert, die zerschlug sie zu Kleinholz und stopfte davon in den Küchenofen, wenn Artur nach Hause kam. Das knackte und flackerte zwar, so daß Fridchen laut lachte, aber die Eisblumen am Fenster tauten doch nicht, eine undurchdringliche Wand hielten sie aufgerichtet zwischen der kleinen Welt hier innen und der großen Welt da draußen. Mit immer schwererem Tritt und schwererem Herzen trug Mine ihre Zeitungen aus— Artur war von neuem krank. Diesmal war es weniger der Husten als ein heftiger Schmerz im Leibe, der ihn befallen, da er beim Bepacken eines Geschäftswagens einen Ballen Tuch ungeschickt auf- gehoben hatte. Nun mußte er alle Tage zum Arzt: den hatte er zwar umsonst, aber die Einreibung kostete doch, und schwer zu heben oder zu tragen hatte ihm der Doktor für lange Zeit streng verboten. „Ich bin un bleibe'n Schwachmatikus," stöhnte Artur. „Ich bin schön aufgeschmissen!" Seine Mutter wollte er gar nicht sehen. Als die Sorge um den Sohn Frau Reschke in die kleine Wohnung trieb, wo sie sich sonst kaum sehen ließ, schleppte sich Artur so rasch er konnte in die Kammer, schmetterte die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um. Die Reschke klopfte:„Atur, mach man uf! Atur, ik bin et ja!" In der Kammer rührte sich nichts. „Atur, Atur! Hörste denn nich? Ik— Deine Mutter s Atur!" Er mußte sie gehört haben, und doch öffnete er nicht. Nicht einmal eine Antwort gab er. � „Er will gar kcenen sehn," sagte Mine, die dabei stand und verlegen an ihrer Schürze zupfte, gleichsam zur Ent- schuldigung. Die Reschke weinte. Als sie gegangen war, machte Mine ihrem Mann Vor- würfe.„Warum biste denn so? Du hätt'st ihr wohl rein» lassen können. Kuckste, so stand se hier, un so'ne Augeiz
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26 (23.4.1909) 78
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