Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 219. Mittwoch� den 10 November. 1909 (Nachdruck verboten.) 20] �Soldaten fein fcbönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. Auf einen dieser Pfähle exerzierte ich schnurstracks zu. Ich stieß mit meiner ganzen Kraft an ihn an er mußte wohl am Fuße etwas zerfault gewesen sein und er fiel um. Der Lärm der zerschellenden Glaslaterne weckte mich auf und vis ob sich meine bis dahin unterdrückte Verzweiflung offen- barte rannte ich zum nächsten Pfahl, warf ihn genau so um wie den ersten und so weiter mit den letzten zweien. Der ganze Hof war in Aufregung und in plötzlicher Ver- wirrung. Alles Exerzieren hörte auf. Ich sah noch, was ich angerichtet hatte, und ohne etwas zu überdenken stürzte ich die große steinerne Treppe hinauf die Tür meiner Zelle stand offen ich flog hinein und warf mich, wie ich war, auf mein Bett. Ich blieb liegen mit dem festen Entschlüsse, nicht wieder aufzustehen, mochte da kommen was da wollte. Natürlich dauerte es keine drei Minuten, so waren auch die mir nachgefolgten Unteroffiziere mit dem Hauptmann da. Sie sahen mich liegen und wagten mit gezogenem Seiten- gewehr langsam näher zu kommen. Der Hauptmann rief sie zurück, zwinkerte ihnen mit den Augen zu und machte An- deutungen wie: der ist verrückt I laßt ihn liegen. Ich hatte die Zeichen des Hauptmanns bemerkt. In dem Momente fiel mir ein: Halt, du stellst dich geisteskrank! Seit dieser Zeit gelte ich für verrückt. Nach etwa einer Stunde wurde wieder die Zellentür geöffnet. Ein ganzes Aufgebot war dazu kommandiert worden, mir die Zwangsjacke anzuziehen. Man brachte mich dann hierher, und nun warte ich der Dinge, die da kommen werden." Du hoffst bestimmt, als dienstuntauglich entlassen zu werden?" fragte Volter nach einer langen Pause. Ich glaube bestimmt. Was wollen sie mit mir auch anfangen? Schicken sie mich wieder auf Festung, mache ich dieselbe Komödie. Das steht bei mir fest. In der Front halten sie mich ganz gewiß für zu gefährlich. Das Jahr werden sie mir schon schenken müssen. Es bleibt nur noch die Arbeiterabteilung. Da werde ich schon Mittel und Wege finden, mich für dort unmöglich zu machen. Es dauert noch einige Wochen, bis meine Strafzeit zu Ende ist. Bis dahin werde ich mich noch im Lazarett herumdrücken müssen oder ich werde einem Zivilgesängnis oder einem Krankenhaus überwiesen. Uebrigens was liegt mir daran, wo ich noch hinkomme. Nur nicht in die Festung zurück oder in die Kaserne. An meinem Leben liegt mir fast nichts mehr." Aus Polowskys letzten Worten klang seine ganze Welt- Verachtung. Müde und niedergeschlagen blickte er vor sich hin. Aber ich bite Dich," sagte Volter mit weichem Ton, warum schon die Flinte ins Korn werfen? Denke, wenn alles vorüber ist, es war eine schlimme Krankheit, die Du durchmachen mußtest, und beginne von neuem! Wer weiß viel von Dir? Nach Deinen Militärpapieren wird in Deinem Beruf nicht viel gefragt." Du hast gut reden! In der Wirklichkeit sieht das doch etwas anders aus. Nein, nein, diese Zukunftsträume schlage ich mir aus dem Kopf. Dafür denke ich an etwas anderes." An was denn?" Zufrieden mit meinem Dasein kann ich dann vielleicht erst wieder werden, wenn ich weiß, daß diese erbärmlichen Schufte, denen ich das alles verdanke, ihre verdiente Strafe erhalten haben." Aber um Himmels willen, was willst Du denn tun?" rief Volter. Erst muß mein kleiner Korporal im Festungsgefängnis dran glauben. Ich laure ihm aus, und wenn ich Monate hiee mich durchbetteln müßte. Daß ich diesen Hund halbtot schlage, ist gewiß." Sein Gesicht hatte sich bei diesen erregt� gesprochenen Worten gerötet und seine rechte Hand hatte sich zur Jaust geballt. Volter erschrak über diesen neuen leidenschaftlichen AuZ- bruch. Er bezwang sich und fragte ruhigen Tones: Was hast Du davon?" Was ich davon habe? Ich würde zeitlebens sein Gesicht vor mir haben, wie es mich schabenfroh angrinst. Ich will es einmal sehen, wenn ihm vor Entsetzen die Augen übergehen! Dann ist mir wohl. Mag ich dafür auch einige Zeit ins Ge- fängnis gehen in Zivilgefängnissen ist es schon zu ertragen. Dann habe ich noch eine alte Schuld abzutragen an meinen ehemaligen Korporalschaftsfllhrer vor fünf Jahren. Der wird vielleicht jetzt schon Feldwebel sein und mich vergessen haben. Meine Faust wird mich wieder bei ihm in Erinnerung bringen! Ich bin es meinem Gewissen schuldig, daß ich diesen Peinigern auf meine Art danke. Habe ich das erreicht, kann meinetwegen ein neues Leben für mich beginnen. Vor- her nicht! Der Gedanke würde mir keinen Augenblick Ruhe lassen, daß zwei Menschen existieren, ohne für das Verbrechen bestraft zu sein, das sie an mir begangen haben. Das Ver- brechen war nicht nur roh und brutal, sondern auch feig und niederträchtig! Denn sie quälten ein wehrloses Opfer, das sich nicht verteidigen konnte. Meine Verteidigung kommt jetzt hintennach. Dir erscheint das wunderlich, was? Du kennst nicht die Eide , die man sich selbst apferlegt. Erst schwur ich nur Rache in der ersten Verzweiflung. In den langen bitteren Jahren des Höllendaseins auf Festung wurde der Eid zu meinem Evangelium! Mit dem Bewußtsein, daß der Tag der Abrechnung kommen werde, stand ich des Morgens aus und legte mich miide gehetzt des Abends nieder. Von Tag zu Tag. von Woche zu Woche wurde der Entschluß fester. Die einzige Freude meiner Haft war die, wenn ich an meine Rache dachte. Eine Erholung war für mich das Phantasiebild, das mir die Szene der Vergeltung vorspiegelte viel schöner, als es in Wirklichkeit sein wird. Nein, nein, laß das! Ver- suche mich nicht davon abzubringen. Volter. Dieser Vorsatz ist vollständig mit mir schon verwachsen." Volter hatte der leidenschaftlichen Erzählung sinnend zu- gehört. Wie er mit ihm fühlte. Wie lebendig erschien ihm doch das alles, das ganze Elend. Die beredte Zunge Polowskys hatte seine Grundsätze auf einen Moment ins Wanken ge- bracht. Es wollte sich in ihm auch ein Bedürfnis nach Wiedervergeltung regen, das er aber sofort im Keim unter- drückte. Einen Blick des tiefsten Bedauerns und Verstehens lvarf er auf den Gefangenen. Ich verstehe und begreife Deinen Zustand und Deine Absicht vollkomnien. Ich kann mich ganz gut in Deine Lage versetzen. Ich bedaure bloß Dich! Du tust mir leid in tiefster Seele. Glaube mir ich habe schon so viel einstecken müssen, ohne an Wiedervergeltung zu denken. Man muß die nötige Festigkeit des Charakters besitzen. Vielleicht ändern sich Deine Ansichten noch." Nie," rief Polowsky. Das wollen wir nicht hoffen," entgegnete Volter ruhig. Tu hast lange keine Menschen gesehen. Sechs Jahre Sol- datenröcke um sich zu haben, ist etwas Furchtbares für unser- einen. Werde erst frei! Sollst sehen. Polowsky, dann kommst Du auf andere Gedanken und läßt die dumme Geschichte fahren. Dem einzelnen Menschen lege ich weniger Schuld bei. Das System ist das verderbliche, der Zwang, dieses wehrlose Prctsgegebensein! Die Dir das taten, hatten zu viel Gewalt in Händen. Und die mißbrauchten sie. Es gibt noch viele solcher und wird auch in Zukunft noch viele geben." Ja, ja! Aber meine Rache laß ich nicht, nie! Ich muß sie alle drankriegen, diese Hunde, diese Elenden! Dann werden wir schon weiter sehen. Es tut mir unbeschreiblich wohl, einer mitfühlenden Seele mein Herz auszuschütten, aber da- gegen darsit Du mir nichts reden." Hast Du keine Furcht, verraten zu werden?" Nein. Wenn Bornemann oder wenn Du dreist dem Arzt melden würdest. Du hättest mich beobachtet und wärst zur Ueberzeugung gekommen, daß ich nicht krank wäre, würde man Dir doch gar nicht glauben! Ich weiß. Ihr tut es nicht. Wenn Ihr es tätet, bliebe meine Behandlung die­selbe. Nein, ich habe Dir hauptsächlich erzählt, um vor Teilten Augen so zu erscheinen, wie ich wirklich bin. lstortsetzung folgt.) *