Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 91. Donnerstag, den 12. Mai. 1910
lSachdruS UnBeten.) 291 Die Hrena» Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. „Dieses Ding!" murmelte Gallardo entmutigt,„hat, wie es scheint, stets mit Schurken verkehrt, die die Briefs aller Welt zeigten, und fürchtet sich nun vor Indiskretionen. Man könnte glauben, sie hielte mich nicht für einen Ehrenmann, weil ich ein Stierfechter bin." Andere� Eigenheiten der großen Dame stimmten den Matador geradezu traurig. Wenn er in ihre Wohnung kam, geschah es zuweilen, daß einer jener Bedienten, die wie her- untergekommene hohe Herren aussahen, ihm kalt den Weg versperrte.„Die Sennora ist nicht zu Hause."„Die Sennora ist ausgegangen." Er hielt es für einen Vorwand und glaubte Donna Sol in seiner Nähe, hinter Türen und Vorhängen zu ahnen. Ohne Zweifel war sie seiner müde und fühlte einen plötzlichen Widerwillen gegen ihn, beim Herannahen der Be- suchsstunde, den Dienern Auftrag gab, ihn nicht vorzulassen. — Nun ja, das Spiel ist aus!— sagte Gallardo beim Weg- gehen.— Ich komme nicht wieder. Dieses Ding hat an mir keinen Gefallen mehr. Und wenn er wiederkam, schämte er sich, an die Möglich- keit, Donna Sol nicht wieder zu sehen, geglaubt zu haben. Sie empfing ihn mit ausgestreckten Armen und schien ihn an ihrer weißen, festen Brust zerdrücken zu wollen, den Mund von einem krampfhaften Ausdruck der Begierde etwas ver- zogen, die Augen weit geöffnet und irre, wie in einem eigen- artigen Schimmer, der geistige Störung anzudeuten schien. „Warum parfümierst Du Dich?" protestierte sie, als ob sie die widerwärtigsten Gerüche verspürte.„Das ist Deiner nicht würdig.... Ich will, daß Du nach Stieren, nach Pferden riedtft. Das sind die Düfte, die mir gefallen. Dir nicht?... Sage ja, Juanito, Du himmlische Bestie, mein Tier!" Sie bohrte die Zähne in den Arm des Stierfechters und quälte dessen kräftig entwickelte Muskeln mit krampfhaften Bissen. Der Matador stieß vor Schmerz einen Fluch aus und riß sich los von der schönen Frau, deren Kopf mit den wirren Locken dem einer trunkenen Bacchantin glich... Donna Sol erwachte langsam.—„Armer Bub! Ich Hab' ihm Schinerzen verursacht. Ja, ich Scheusal, das zuweilen den Verstand verliert! Laß mich den Biß küssen, um ihn zu heilen. Laß mich alle Deine lieben Narben küssen. Armes Tierchen, man hat ihm wehgetan I" Die schöne Furie wurde auf einmal unterwürfig und zärtlich, und katzenartig liebkoste sie den Stierfechter. Gallardo, der ein Liebesverhältnis nach altem Brauch auffaßte, konnte niemals erreichen, eine ganze Nacht in der Wohnung von Donna Sol zu verbringen. Wenn er glaubte, dieses Weib unterworfen zu haben, wurde er in befehlendem Tone aufgefordert zu gehen. Sie schien in solchen Augen- blicken einen physischen Widerwillen gegen ihn zu empfinden. „Entferne Dich! Ich will allein sein. Du weißt, ich kann Dich nicht ausstehen: weder Dich noch sonst einen andern. Die Männer, diese wiederwärtigen Geschöpfe! Pfui!..." Gallardo machte sich davon, traurig verstimmt durch das seltsame Wesen dieser rätselhaften Frau. Als der Stierfechter sie eines Nachmittags zur Vertrau- lichkeit geneigt sah, fühlte er Neugierde, ihre Vergangenheit zu erfahren, und wünschte Näheres über die Fürsten und hoch- gestellten Persönlichkeiten zu hören, die. wie die Leute be- haupteten, im Vorleben von Donna Sol eine Rolle gespielt hatten. Sie antwortete auf seine Fragen mit einem kalten Blick ihrer hellen Augen. „Was gehen Dich diese Dinge an! Bist Du etwa eifer- süchtig?.. Und selbst wenn es wahr wäre, was dann?.." Sie verharrte längere Zeit in Schweigen und blickte unstät umher: es war jener Blick der Geistesabwesenheit, der bei ihr stets von widersinnigen Gedanken begleitet war.
„Du hast jedenfalls schon Weiber geschlagen", sagte sie, indem sie ihn fragend ansah.„Leugne nicht. Das ist etwas, das mich sehr interessiert!... Deine Frau nicht, ich weiß, daß Ihr Euch sehr gut vertragt, und daß sie eine sehr gute Frau ist. Ich meine die anderen Weiber, alle die. mit denen Ihr Stierfechter verkehrt: die, welche um so heftiger lieben, je mehr sie geschlagen werden. Nicht?" Gallardo verwahrte sich dagegen mit der Selbstachtung eines tapferen Mannes, der nicht fähig ist, Schwächere zu mißhandeln. Donna Sol nahm seine Verteidigung mit einer gewissen Enttäuschung auf. „Ich hätte gern gewußt, wie das schmeckt", sagte sie lächelnd,„aber ich rate Dir trotzdem ab." Der Rat war nicht überflüssig, und Gallardo hatte Ge- legenheit, sich ihrer zu erinnern. Eines Tages, während eines traulichen Zusammenseins, genügte eine etwas rauhe Liebkosung seiner Kämpferhände, um die Wut dieser Frau zu entfesseln, die die Männer anzog und dabei mit Haß gegen sie erfüllt zu sein schien.„Da, nimm das!" Und ihre ge- schlossene, wie eine Keule harte Rechte fuhr von unten nach oben gegen die Kinnbacken des Stierfechters, mit einer Sicher- heit, die bestimmten Kampfregeln zu gehorchen schien. Gallardo war von Schmerz und Scham betäubt, während die Dame grollte: „Es soll Dir zur Lehre dienen. Ich kenne Euch Stier- fechter. Wenn ich nur einmal dazu schweige, würdest Du mich schließlich alle Tage wie ein Zigeunermädchen von Triana ausprügeln... Es ist Dir recht geschehen. Die Distanzen müssen innegehalten werden." An einem der ersten Frühlingsnachmittage kehrten die beiden von einer Auslese junger Stiere auf einer Besitzung des Marquis zurück, der in Begleihmg einer Anzahl Reiter die Landstraße benutzte. Donna Sol lenkte, vom Matador gefolgt, ihr Pferd auf die Wiesen und hatte ihre Freude an dem Gefühl der Weichheit, die das sanfte Graskissen den Tritten der Pferde verlieh. Die niedergehende Sonne färbte mit einem leichten roten Hauch das Grün der Ebene, das von den Feldblumen weiß und gelb gesprenkelt war. Auf dem weiten Grund, wo alle Farben wie von einer fernen Feuersbrunst einen purpurnen Ton annahmen, tanzten die schmalen, riesig gedehnten Schat- ten der Pferde und Reiter. Die über die Schultern gelegten Lanzen waren auf den Schattenbildern so groß geworden, daß sich ihre dunkle Linie verlor. Zur Seite rann der Lauf des Flusses zwischen hohen Gräsern wie rotes, flüssiges Eisen. Donna Sol blickte Gallardo mit befehlenden Augen an. „Leg Deinen Arm um meine Taille." Der Matador gehorchte, und so ritten sie weiter, die Pferde nebeneinander, und die Reiter mit umschlungenem Oberkörper. Die Dame betrachtete die ineinander verschlun- genen Schattenbilder, die auf dem geheimnisvollen Licht der Wiese, vom langsamen Gang geschaukelt, vorwärts schritten. „Es ist, als lebten wir in einer anderen Welt", sagte sie leise,„einer Welt der Phantasie, auf Wiesen hinschreitend, wie wir sie auf gewirkten Teppichen sehen. Ein Bild aus den Ritterromanen, der Held und die Amazone, die verliebt neben- einander reiten, die Lanze über der Schulter, und Abenteuer und Gefahren aufsuchen. Aber davon verstehst Du nichts, Du Bestte meines Herzens. Nicht wahr. Du verstehst mich nicht?" Der Stierfechter zeigte lächelnd seine gesunden und starken Zähne in ihrem glänzenden Weiß. Wie von seiner rauhen Unwissenheit angezogen, schmiegte sie sich enger an ihn und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen, wobei der kitzelnde Hauch Gallardos auf ihrem Hals sie wollüstig er- schauern machte. So ritten sie schweigend weiter. Donna Sol schien auf der Schulter des Stierfechters zu schlafen. Plötzlich öffnete sie die Augen, in denen jener sonderbare Ausdruck wieder glänzte. „Höre. Hast Du niemals einen Menschen getötet? Gallardo schüttelte sich und riß sich, voller Erstaunen, von Donna Sol los. Was? er!... Niemals... Er war ein braver Bursche, der seinen Beruf erlernt hatte, ohne je- mand Schaden zu tun. Kaum daß er sich in der Jugend mit