Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 160. Donnerstag� den 18. August. 1910 lliachdru» vervol»! 301 Oer Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer Cr kam mit dem letzten Zuge erst im Dorfe an. Früher hatte es am Abend immer schwarz und dunkel gelegen, und als Knabe hatte er sich immer gefürchtet in den dunklen Gassen und hatte laut gepfiffen, die Angst zu übertönen. Nun war in den paar Monaten schon eine gründliche Veränderung vor sich gegangen. In den Straßen brannten Laternen. Das ganze Dorfbild war verändert durch sie. Wie fremde Gäste waren sie eingezogen und hatten den Wachtdienst übernommen. Nun standen sie so komisch und gravitätisch an den Straßen und guckten rings um sich herum, was das Licht zu scheuen hätte. Was hatte hier aber das Licht zu scheuen! Nichts. Ein paar Liebespärchen, ein Trunkener. Und denen war doch das Licht auch wieder gut. Aber dazu hatte der Schein aus den Fenstern genügt, der früher so sanft über die Straßen hingeglitten und so schweigend mit dem Licht gewandelt war. wenn es drinnen von Stube zu Stube getragen wurde der auch einmal ins Haus hineingekrochen war mit dem Lichte, um dann nur stärker und heller wieder herauszutreten. Die Buben mochten ja sehr zufrieden sein mit den hellköpfigen Fremdlingen an den Straßen, die brauchten sich nicht mehr zu fürchten abends, wenn sie etwas holen mußten beim Krä- mer oder bei Verwandten, straßenweit oder häusernahe, und brauchten auch nicht mehr zu pfeifen. Die schöne Rundung am Thomas seinem Haus vorn lag nun grob im Laternen- schein, und man konnte die ganze kleine Gasse bis zu der Ziegelhütte sehen, bis hinten, am Schlüssel seinem Haus, wieder so eine freche Laterne postiert war, die sich die Gärten und Höfe anguckte und vor den Häuschen Wache hielt. Dem Philipp gefiel das nicht. Nein, wozu! Es war jahrelang so gegangen, es hätte ganz gut auch noch weiter so gehen können. Die Mutter war nicht daheim, als er ins Häuschen trat. Er machte auch kein Licht. Er setzte sich in die Dunkelheit, ans Fenster, das in den Garten ging. Der Garten und das Feld dahinter, das lag alles schwarz, stichdunkelschwarz. Aber wenn er lauschte, schien ihm, er höre das Bellen des Hundes in der Eulenmühle. Gott aber, die Eulenmühle die lag dahinten weit. Die wurde auch fremd nun. Die Spiele waren vorbei und bald würde die Emilie da draußen schalten und walten, und wenn er hinkäme, da müsse er sich förmlich und ehrerbietig benehmen. Streiche dürften dann keine mehr verübt werden. Er hatte auch keine Lust mehr dazu. Vor ihm stand etwas Stärkeres und Größeres, das legte seine Hand auf ihn und forderte. Das machte ihn schwer. Anstrengen! hieß es jetzt- Jetzt, wo aller Halt gelöst war, jetzt, wo er mit nichts und niemand mehr zusammen- hing, jetzt galt es. Nun trug ihn. führte ihn, förderte ihn nichts mehr. Nun war er ganz allein und für sich. So machte er sich von seiner Heimat frei, und es wurde ihm nicht leicht- Es bedrückte ihn, es beengte ihm etwas die Brust, das nicht klar und deutlich war, das in den Erinne- rungen aus seiner Jugend lag und aus ihnen herkam, das in dem eben getanen Schritt mitklang und nun sogar von den fremden Menschen, mit denen er bis jetzt gelebt hatte, herüber wirkte, und das aus dem Kommenden auf ihn ein- drang. Er öffnete das Fenster und ließ sich die kühle, feuchte Nachtluft in die Haare wehen. Die Mutter trat ein. Erschrick nicht, Mutter, ich bins!" Du bists, Philipp? Du? Was bringt Dich jetzt her?" Er wußte nicht gleich eine Antwort. Bist Du fortgejagt, hast Du was angestellt?" Nein, Mutter, ich bin nur fortgegangen!" Fortgegangen bist Du. Bub! Wie kannst Du denn?" Was für ein Satan ist denn in Dich gefahren? Du mußt verrückt sein!" Bleib mal ruhig, Mutter. Mach mal Licht. Wir wollen das miteinander ruhig bereden. Ganz ruhig. Mach mal Licht!" Die Mutter zündete Licht an und brachte es. Bub, Du willst mich noch unter die Erd bringen-" Mutter, so nicht reden. Ganz ruhig. Hör mich gan» ruhig an." Er stand ihr gegenüber und sah ihr in die Augen. Bist Du schlecht? Ein Taugenichts, ein Lump? Bist Du wie Dein Vater?" Nein, all das nicht. Nur den Schullehrerkram, den halt ich nicht aus. Ich bin fortgegangen, ich will nicht mehr. Ich will mir einen anderen Weg suchen, einen richtigeren. Das will ich." So, das willst Du?" ..Ja!" Und das kannst Du auch? So? Kannst Dus denn auch?" Ja, ich kannst Ich muß es können!" Aber ich kanns nit, daß Dus weißt! Ich Hab genug an Dich gehängt, genug für Dich geopfert. Bei mir ist« fertig. Schaffen kann ich auch nit mehr so, wie Du DirS einbildst- Gesund und kräftig bin ich noch, aber weiß der Teufel, schützen und rutschen tuts nit mit mir mehr so. Die Knochen werden ein'm alt. Daß Dus weißt." Ich will gar nichts von Dir, Mutter, als nur, Du sollst mich nur gehen lassen. Weiter nichts." So, weiter nichts? Und meinst, das wär so wenig. Und meinst, damit wärs getan. Damit ists noch lang nit getan. Da kommt eins zum andern. Nun war ich froh, daß Du was bist, nun machst Dus so! Du wirst doch ja werden wie Dein Vater. Aber meine rechte Hand wollt ich mir dafür abhacken lassen, daß Du nit so wirst wie der. Und weißt Du was er ist im Rhein untergegangen- Flößer ist er worden und dabei ersoffen. Nimm Dir nur ein Beispiel an dem." Der Philipp antwortete nichts. Der Tod des Vaters traf ihn, aber er rührte ihn nicht. Er wollte Näheres er- fragen, aber er tats nicht. Es war ihm, als sollte er heiße Kohlen berühren. Die Mutter hatte es ihm nicht geschrieben, nun hatte sie es ihm an den Kopf geworfen als etwas Vcr- ächtliches und Häßliches, an dem er auch teil hatte. Die Mutter fragte:Du wirst Hunger haben? Ich Hab noch ein Stückelchen Fleisch vom Mittag und ein paar Kartoffeln kann ich Dir auch rösten. Na ja! Herrgott, Herr« gott! hat man seine Last! Schinden und schuften, das ganze Jahr, Gut und Blut dran geben, und dann Schimpf und Schand! Lauter Schimpf und Schand!" Der Philipp verhielt sich still. Es tat ihm Wohl, dah die Mutter nun schimpfte. Dann wurde auch alles gut. Ihre Natur brauchte immer dies stärkere Ventil. Und dann Warens doch auch hier die anderen Menschen, wie da drüben, wo er jetzt herkam. Diese Leimsieder dadrüben. Hier hatten sie doch noch was in den Adern, und auch an den Worten brauchten sie nicht zu sparen. Die Mutter brachte ihm das Fleisch und die gerösteten Kartoffeln. Er und sie saß dabei und redete sich ihren Zorn vom Herzen. In den stärksten Ausdrücken- Beim Vater fing sie an, bei ihm hörte sie auf. Und dann verfluchte sie dies ganze Leben. DiesSchind- und Schandleben, in dem kein Herrgott ist, nur der Teufel. Der leibhaftige Teufel, Himmelherrgottsakramcnt!" Der Philipp und unterbrach ihre Rede nicht. Sie würde nachlier schon zugänglicher sein, wenn sie sich das Gröbste von der Seele geflucht hätte. Sie saßen dann noch bis spät in die Nacht. Der Philipp sprach, und die Mutter hörte zu. Dann und wann fuhr sie einmal auf, schlug auf den Tisch und nannte ihndem Herr« gott sein Tagdieb", aber zuletzt gab sie sich doch in alles drein. Machs dann na ja, dann machs! Und wenn das ganze Dorf zusammenkreischt und über uns allebeid herfällt mir soll nur einer zu nahe kommen! Was ich tun kann, will ich Dir tun Du weißt, viel kann ich Dir nit tun. Dein Wasch schick wenn Du was zu flicken hast daS kann ich Dir machen. Geld mit Geld wirds hapern. Das weißt Du von selbst. Aber was ich mir abknapsen kann, das sollst Du haben- Die Leut werden ja die Mäuler aufsperren! Laß sie aufsperren! Was liegt mir an den Leut! Na ja. �dann machs! Helfen kann ich Dir nit, hindern will ich Dich