Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 196.

66]

Freitag, den 7. Dktober.

( Nachdrud berboten.)

Der Entgleifte.

Von Wilhelm Holzamer .

Der ganze Chor erst, dann eine Männerstimme solo. Der Chor sang den Refrain, und nun begann eine Frauen­stimme. Und wieder der Refrain. Es war ein gemeines Lied, eine schlechte, oberflächliche Melodie.

Melanie fiel ihm ein und Weik. Er schämte sich. Aber was half die Scham! Ihnen gegenüber war er wie ein morscher Pilz jezt. Was fonnte ihm das helfen! Nun galt's die Probe: Pilz oder Baum, ganz für sich allein. Nun galt's ganz für ihn allein, das erst war die Entscheidung seines Wegs, seiner Kraft und seines Wertes. Fallen und unten bleiben oder hinauf und wachsen. Und dann vor ihnen beiden stehen: Melanie und Weit. Ich bin's! Und es ist alles von mir, was ich bin!

-

Da gab er sich einen Nuck und trat ein.

Es fiel ihm schwer, über die Schwelle zu gehen. Eine dicke muffige Luft schlug ihm entgegen. Aber nun hatte er die Türe geöffnet, weiter also. Er bestellte sich einen Grog. An seiner Aussprache erkannte man den Deutschen. Man empfing ihn mit lauten Zurufen. Er machte gute Miene zum bösen Spiel, aber er hielt sich doch für sich allein.

Ein neues Lied begann. Philipp wollte gehen. Aber da hatte sich flink eine Dirne neben ihn gesetzt und plauderte mit ihm. Er bestellte sich ein zweites Glas, der Dirne den erbetenen Bock". Er hörte ihrem Geplauder zu, ohne eigent­lich aufzufassen, was sie wollte. Es war ihm wie eine simple Melodie, die einlullte.

Wieder ein Lied, und wie vorhin wurde die Strophe von einem der Männer mit rauher, roher Stimme vorgefungen, der Refrain von allen mit Gläsergeflapper und Aufschlagen auf den Tisch geradezu gebrüllt. Nach dem Refrain war dann jedesmal ein lautes Gelächter.

Die Dirne neben Philipp sang tapfer mit. Er hörte, daß sie eine gute, helle Stimme habe. Meist waren die Frauenstimmen hier rauh und roh, berlebt.

Als das Lied zu Ende war, redete er ihr zu, ein Lied allein vorzutragen. Nach einigem Bitten tat sie das.

Sie sprang auf den Tisch und sang ein freches Lied, das fie mit häßlichen Gebärden und sehr verständlichen Be­wegungen begleitete.

Philipp dachte an die Gasthäuser seiner Heimat. Er dachte an Mainz und an den Rhein , an die Lieder, die sie ge­fungen hatten, er und die Freunde, wenn der Mond über die Berge stieg und über die klare Bläue des Himmels hinfuhr, wie ein goldner Kahn über einen blauen See. Er sah die Wiesen sich dehnen und den Fluß sich winden er sah das Mondlicht durch die Büsche streichen und das Licht von den Zweigen träufen und im Wasser hinfließen.

-

1910

Bravo , Bruder, wir werden nun immer zusammen arbeiten!"

Eine Dirne kam heran und steckte ihm ein Veilchen sträußchen an.

,,, ich liebe die melancholischen Lieder, ich liebe die deut­schen Lieder, teurer Mitbruder," sagte sie.

Der Wirt kündigte einen neuen Sangesbruder an, und ehe er sich's versah, hatte man Philipp auf das Podium ge­zerrt. Er sang wieder. Er ließ der frommen Melancholie eine lustige Studentenweise folgen. Von draußen waren neue Gäste gekommen und umstanden ihn.

-

-

Hinter ihm fragte jemand: st er verrückt?" Philipp hörte es nicht. Er war völlig hingegeben und entrüdt. Der Hut beschattete sin Gesicht wie schwarze, weiche Funken waren die Augen unter dem Schatten der Krempe deutlich seine Gestalt war ein wenig zusammen­gesunken. Der Nacken seitlich vorgeneigt, die blassen Hände hielt er an die Rocktaschen und packte, den Daumen hinein­gesteckt, die vorderen Zipfel eng zusammen. Man sah an der ganzen Haltung und Erscheinung, daß er ein anderer sein müsse, hinter dem noch mehr stede, als daß er hier under­ständliche deutsche Lieder singe. Man zuckte die Achseln, man ficherte, aber man hörte zu.

Unaufgefordert brachte ihm her Wirt ein Glas Grog. Philipp trant hastig. Er fühlte ein lang entbehrtes Wohl­behagen. Das Nahe und Drückende verlor fich. Die Dinge, die um ihn waren, verloren ihre Deutlichkeit, wie das Leben überhaupt. Es trat alles wie hinter einen Schleier und ent­fernte sich mehr und mehr. Nichts, das forderte, nichts, das begehrte. Nichts, danach er verlangte.

Es wurde ihm frei. Ein allgemeines verworrenes Ge­räusch des Lebens hörte er ferne sich verlieren, und nicht mehr davon als ein verlorenes Brausen und Wogen reichte an ihn heran.

Traum Vergessen!

U

Der Wirt tam wieder und sprach mit ihm. Er hörte nicht darauf. Er hörte nur manchmal etwas von Engage­ment" aber das war ihm gleichgültig. Es ging ihn alles in der Welt nichts mehr an.

Es war ihm wohl.

Er suchte in seinen Taschen, um zu bezahlen. Der Wirt nahm nichts an. Er wunderte sich gar nicht. Er steckte stumpfsinnig sein Geld wieder ein. Traum- Vergessen! das war wie ein lustiges Gaufelspiel, das war wie Kinder­freude. Traum- Vergessen! Das war in einer ganz ande­ren, unwirklichen Welt.-

Indessen tanzte die Algérienne im Châtelet und ver­michte Philipp am gewohnten Plaze. Sie ahnte nichts Gutes. Aber es war ihr gleich. Der Gedanke, in den " Cyrano" zu gehen, beherrschte sie ganz.

12.

Die Algérienne tam nach Hause, als schon der Morgen Die Kleine fang längst nicht mehr. Sie war vom Tisch graute. Sie hatte im" Cyrano" getanzt, toller als je, und gesprungen und hatte sich wieder neben Philipp gefeßt. Aber hatte die Männer erhitzt und verachtet und feinem nur die da er still verloren, versunken dasaß, ging fie wieder hinüber Gunst eines Handkusses gewährt. Aber es schmeichelte ihr, zu dem anderen Tische, wo die Lust im Lärmen tobte.

Philipp war immer noch in seinen Träumereien, und die wie sie begehrt wurde, und sie ließ alle Reize ihrer Wildheit Lieder seiner Heimat flangen in seiner Seele lauter und springen. Es war ihr so wohl und sie tat einen Schrei. Lieder seiner Heimat flangen in seiner Seele lauter und Den Adlerschrei eines freien Fluges, des Hinaussteuerns in Da kam es leise von seinen Lippen, das deutsche Lied die Lüfte, ganz Straft und ganz Sieg. von Heinrich Heine :

Icuter.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

daß ich so traurig bin

-

ein Märchen aus alten Zeiten,

das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Er sang in Heimweh und Schmerz alle Strophen durch. Und die Gesellschaft, die kein Wort verstand und sonst nur Botenlieder fang und anzügliche Bonmots prägte, lauschte ihm ergriffen.

Als er geendet hatte, kam der Glasfresser zu ihm, der allabendlich die gleiche Nummter hier aufführte und ein Bier­glas zerbiß, und sagte:

Und als sie nach Hause kam und das Bett leer und un­berührt fand, stürzte sie getroffen aus der Höhe herab. Sie warf sich auf den Boden hin und weinte. Sie schlug um sich und tat sich selbst wehe und weinte. Sie tobte und riß sich die Kleider vom Leibe und heulte. Sie wartete noch. Sie hoffte noch. Der Tag stieg, und sie blieb allein. Da trocknete sie ihre Tränen. Sie fletschte die Zähne und rig die Augen auf. Weh ihm! Sie ballte die Fäuste. Sie haßte ihn! Und sie würde ihn töten! Sie würde ihn finden durch die ganze Welt hindurch.

Dann legte sie sich auf das Bett und schlief ein. Sie durchschlief den Tag. Sie schlief traumlos und tief. Denn sie war todmüde,- übernächtig und abgespannt.