Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 206. Freitag� den 21. Oktober. 1910 (NaSdruS verboten� 76] Der Stitgleiftc. Von Wilhelm H o l z a m e r. Aber dann kam es wie ein Sturm über ihn. Das Werk Doktor LaforSts war noch unter der Presse, er las noch die Korrekturen seines Anteils, da begann er mit seiner ganz eigenen Arbeit. Er sprach seinem Chef davon. Sie wollen also doch mein Konkurrent werden," lächelte der.Werden Sie esl Es ist gut. Es schiebt nur meine Positionen weiter vor, es beschleunigt den Vormarsch. Wir werden so nur um so sicherer an der Tete bleiben." Aber ich werde deutsch schreiben." Doktor Laforöt stutzte. Sie wollen ins Land der Theorien und nicht in unseren Verwirklichungen bleiben?" Ich mutz mein ganzes Wesen geben können, in der Sprache, in der es wurzelt. Das ist notwendig. Ich will eine Darstellung geben, in der das Wissenschaftliche aus seiner strengen Gebundenheit herausgehoben ist, so, daß es doch be- stehen bleibt. Ich will aus unseren Anstaltsmauern hinaus, aus unseren Bibliotheken und Zirkeln hinaus ins Leben! Und ich kann es nur da, wo mir das Leben selbst am lebendigsten wird: in meiner Sprache. Ich bin hier im Grunde doch ein Fremdling und das ist gut so. Mein eigentliches Leben lebe ich d a h e i m und wenn ich eine Vollkraft in mir fühle, fühle ich sie aus dem Heimatlichen aufsteigen und im Heimatlichen sich befestigen. Die Heimat hat mich ganz im Besitz und in ihr besitze ich mich erst ganz." Doktor Lafordt neigte den Kopf ein wenig, um sich besser im Spiegel besehen zu können. Wenn wir Franzosen nicht so reich wären, mutzten wir eigentlich die Gastfreundschaft bedauern, die wir gewähren. Ich hätte gewünscht, daß sich Ihre Gedanken in unserer Sprache ausgesprochen hätten, sie gibt den Gedanken selbst etwas tun Sies in der Fhren. Wir beide stehen dann hüben und drüben, aber wir gehen vereint vor auf ein gleiches Ziel. Ich reiche Ihnen noch besonders die Waffenbruderhand, lieber Freund." Und er neigte noch ein wenig den Kopf, einen leichten Schein im Spiegel bester zu sehen, der gerade um seine linke Schläfe spielte und einen eigenen Reflex in sein linkes Auge warf. Philipp fiel der Titel ein:Psychologie der Psycho- pathie. Die Zukunft der Jrrenheilkunde." Ehe er an die Arbeit ging, schrieb er an Weil. Es wurde ein langer Brief: Erzählung von Vorgänge- nem, Pläne der Zukunft. Ich werde nun bald durch sein. Es war wie mit Eisen und Feuer, aber ich habe nun meinen ganzen Menschen heraus. Er ist aus lauter Gegensätzen geworden, aber nun spüre ich, wie die Gegensätze sich lösen. Enge und Weite, Unterdrückung und Freiheit, Heimat und Fremde: und kehre ich an einem stillen Ort ein das Enge ist weit geworden, das Fremde verbindet sich mit dem Heimatlichen, ich halte Umschau und wenn es glückt, ich halte auch Vorschau. Und ich Habs nun ganz allein erreicht. Wenn ich eine Hilfe hatte, war es eine Hand, die ich hielt. Aber die Hand selbst wußte nichts davon. Nun werd ich bange, das gerade sei nicht gut gewesen könnte nicht gut sein. Nun der Besitz Winkl, bangt mir vor der Resignation. Und der Besitz ist doch alles, ist das Freie und Wahre, das andere ist Zwang und Gewalt samkeit. Aber mag es gut sein, wie es ausschlägt, ich habe mich fügen gelernt, ohne mich zu unterwerfen. Denn ich habe das Leben gelebt. Man mutz das Leben leben, um seine Weisheit zu haben. Sonst hat man die Weisheit, aber das Leben nicht, oder man hat das Leben, aber seine Weisheit nicht. In diesem Satze wollen wir uns als Freunde aus lösen. Nicht wahr so stimmts doch? Und so ist es uns bewußt! Es ist doch das Schönste, bewußt zu sein dessen was schön ist. Dann geht nichts verloren. Eine Dame klagte mir einmal, daß sie schön war und es nicht gewußt habe und da sie es gewußt habe, sei sie nicht mchr schön gewesen. Das ist der Betrug in ihrem Leben gewesen, der sie um ihr Glück gebracht hat. Aber warum uns um das Glück bringen, um das Glück bringen lassen? Es schafft allein alles Gute und Schöne und Große. Das Leid mc g es auslösen, aber schaffen, schassen kann das Leid nichts. Es lebe das Glück! Denn es lebe das Leben!" Dieser Brief kam nach drei Tagen zurück: die Post hatte einen kleinen grünumrahmten Zettel darauf geklebt:Ver- swrben." Und der Postmeister hatte seinen Namen darunter geschrieben. Der Tod Weiks traf Philipp im Innersten. Aber fast mehr noch schmerzte ihn die Art, wie er die Nachricht erhalten hatte. Denn sie war hätzlich, peinlich. In Weiks Tod konnte er ein Einklingen in das All sehen, eine Harmonie, die ver- wirklicht war, nachdem sie im Leben ihren Grundakkord nicht hatte finden können. Er konnte sich vorstellen, datz er schön hinübergeschlummert sei und datz es eine Schönheit, ein Frie- den für ihn sein könnte. Nun blühte er auf dem Felde der Ewigkeit, in der Farbe und dem Glänze, wie er sie sich in dieser Jrdischkeit gewonnen. Das Schönste, was er gewesen, und das Beste, was er besesten, nun lebte es weiter in der Erinnerung, in dem Gedanken an ihn und seine Freundschaft. Das konnte er denken, davon konnte er erfüllt sein. Aber diese Art der Nachricht, das war eine Härte, daS war wie ein Gertenhieb in sein Antlitz, den ihm die Vergangenheit noch einmal versetzt hatte. Sie hatte sich die beste Gelegenheit dafür ausgesucht, damit die Wunde dauernd schmerzen sollte und unvergeßlich sein mutzte. Wie lange war er schon tot? Woran war er gestorben? Hatte er ein langes Krankenlager gehabt? Er ließ sich willig von all diesen Fragen quälen. Dann raffte er sich aus der Dumpfheit auf, die ihn niedergeworfen hatte. Er mutzte auch damit abschließen. Er fuhr zum Kirchhof Pöre Lachaise. Er kaufte Blumen, viel, viel Rosen, und sonst alle Sorten, die er haben konnte. Es begann bereits ein wenig zu düstern, die Wächter ließen schon niemand mehr herein. An Bartl)olom6s DenkmalFür die Toten" legte er seine Blumen nieder, und einen Rosen- strautz warf er in die dunkle Pforte, in- die verklärt das Menschenpaar schreitet, nachdem es über die Schwelle des irdischen Jammers getreten ist. Und er schritt die einsamen Wald- und Wiescnwegc. die er mit Weil gegangen sie pflückten Blumen am Rande des Weges, und sie sahen über das Land hinaus, wo es fern und ferner wird und ins Un- bestimmte wächst. Er feierte seinen Toten. Aus dem Grauen löste sich eine Gestalt und schritt ihnen entgeaen. Und dann war der Freund von seiner Seite ver- schwunden. und Philipp harrte allein der Kommenden ent­gegen. Da wurde ihm Angst. Hätte er nicht schon den Brief schreiben sollen, der zwischen ihnen ausgemacht war? 5könntc nicht sein Brief ähnlich zurückkommen? Der Wächter mahnte. Auf dem Heimwege nahm sich Philipp trotz der ausge- standenen Angst doch vor, noch nicht zu schreiben. Aber er fühlte, das Rad war noch nicht ausgerollt, er mußte es ge- währen lassen, ohne einzugreifen. So schrieb er in der Aufgerührtheit seines Gemütes sein Buch. Er fühlte selbst, es bekam alles, was es brauchte. Es bekam auch die Bewegtheit des Schwärmens, so gezügelt sie war. Und es bekam den Herzenston, der die Gedanken ein- dringlicher machte, der sie förmlich ausschloß, wie ein kleiner geheimer Schlüffel, der ein schweres Schloß zu öffnen weiß. Die Darstellung war anschaulich, die Artikel, die er früher vergebens geschrieben hatte, kamen ihm zugute, und die Phan- taste war wie eine gute Freundin, die man im fremden Lande findet, datz sie einen hier heimisch mache. Sie machte ihn heimisch, auch wo er in die Fremde geriet. Mitten in seiner Arbeit kam einer der seltenen Briefe von der Mutter. Er war ungewöhnlich groß. Er erzählte vom Spengler Schlüssel, wie er angeklagt gewesen, wie er Gemeinderat geworden und wie nun das ganze Land ein Feuer und eine Flamme sei: der Schlüssel sei als Sozial- demokrat in den Reichstag gewählt worden. Kein Mensch hätt das einmal gedacht. Auf der Kanzel