Nnterhallungsblatt des Horwärls Nr. 215. Donnerstag, den 3. November. 1910 (NaHdruck verbottn.) ei Alas Llt ioman von Max Kretzen »Ist sie jung? Herein mit ihr!" schrie der Me sofort: dann aber, als er hörte, daß die Dame eine Lehrerin von fünfzig Jahren sei, fügte er hinzu:Laß sie draußen, laß sie draußen! Wir können nur Jugend und Schönheit gebrauchen, die Häßlichkeit wird abgeschlachtet. Sieh mich an, ich wäre beinahe als Appoll auf die Welt gekommen, aber meine Mutter war dagegen. Du hast einen Jungen? Steck ihm das in die Sparkasse und halt Dir die Ohren zu." Kopfschüttelnd über diesen Unsinn verzog sie sich, umbrüllt von den heiteren Gesellen. Alle sechs drückten sich in dem Zimmer umher, durch das der Tabaksqualm seine blauen Wogen trieb, die die Köpfe umnebelten, unaufhörlich zur Decke stiegen und erst allmählich durch das geöffnete Fenster zogen. Sie schwatzten und lärmten, sprachen von ihren Plänen, schimpften auf die Kritik und rissen die Größen herunter, die augenblicklich mit Kaiserdenk- mälern das beste Geschäft machten. Ein Scherzwort von Begas rief lautes Gelächter hervor. Er sollte über die Ein. tönigkeit der vielen Reiterstandbilder des alten Kaisers die Bemerkung getan haben, daß in späteren Jahrhunderten bei einer Ausgrabung all dieser Arbeiten ein zukünftiger Schlie- mann die Worte sprechen würde:Hat der Mann viel zu tun gehabt." Und Walzmann erzählte von einem bekannten Dutzendfabrikanten, der Denkmäler in jeder Größe und in jeder gewünschten Veränderung anbiete und die Probemodelle dazu stets auf Lager halte. Er selbst habe in diesemPferde- stall" die Paraderosinanten geknetet und Bewegung in die steife Gangart hineingebracht. Als er dann aber einmal etwas geschlütert" habe, sei ihm derKonditormeister" gleich mit dem Vorwurf der Unnatur gekommen, die heute nicht mehr herrschen dürfe, mit dem Hinweis auf Rollkntscherbestien und schwere Litauer, die dem Zeitgeschmack nickch mehr entsprächen. Jungs, Jungs, das ists ja eben, worunter leiden," rief er wild aus,unter dem Kleingehirn dieser Marzipangießer. Sie sehen nur die Gattung und nicht das Individuum. Ewig- keitsgröße will ich sehen Ewigkeitsgröße! Rosse will ich sehen, aber keine Pferde. Dja. Ein großer Mann muß auch sein großes Tier haben. Menschliches und tierisches Ideal ver- eint zu einem Guß. Herrscher ohen und Herrscher unten. Zwei Größen in einer. Das Pferd des Kompagniechefs ist nicht das Pferd des Kaisers. Und der alte Wilhelm auf dem Tempel- hofer Feld ist nicht der Wilhelm auf dem Postament. Ge- stalwng, Kinder, Gestaltung, nicht hlödcn Abklatsch. Aber wo ist das Großgehirn unsrer Zeit, das diese Kunst erfaßt? Tausend Zwerge und kein Riese... So, nun wollen wir Sekt trinken, Kinder. Kommt, ich lade Euch ein." Es war nichts dagegen zu machen: sie mußten alle mit. Der Quartaltrinker in ihm hatte sich plötzlich gemeldet, der ihn in solchem Zustand von einer Budike zur anderen trieb. Nur Kempen blieb zurück, denn jede Schlemmerei erfüllte ihn mit Widerwillen. Es war noch nicht zehn Uhr, und so stol- perten sie lachend die Treppe hinunter. Als der Enthaltsame sich dann zum Fenster hinauslegte, sah er sie drüben auf der anderen Seite in einem gewöhnlichen Lokal verschwinden, zu dem die Stufen direkt von der Straße führten. Vorn trank man Weißbier und Schnaps: nebenan, im besseren Zimmer, durste der gute Rock sich breit machen. Für solche Halb- Destillen hatte Walzmann eine besondere Vorliebe: dann setzte er sich mitten unter die Arbeiter, ließ sie trinken, was sie wollten, und hielt ihnen einen Vortrag über Kunst, wie sie ihn sicher noch niemals zu hören bekommen hatten. - Es war still in diesem Winkel: kein Wagen fuhr, so daß der Schall jedes Wort herauftrug, das drüben gesprochen wurde. Tür und Fenster standen osfen.Sekt, Sekt wollen wir haben. Laß ihn holem wenn er nicht da ist," hörte Kempen den Wunderlichen laut rufen.Jawohl, Herr Pro- fessor," war die Antwort von jemand, der ihn schon kennen mußte.Scher Dich mit Deinem Professor zum Teufel! Be- leidige mich nicht," rief Wakzmann wieder. Dann, als man im dunklen Zimmer Licht gemacht hatte und die Köpfe sich in dem hellen Schein bewegten, brüllte er sofort:Beethoven , Beethoven , mein Junge. Schlag den Kasten auf." Rauschend drangen die Klänge einer Sonate heraus. Zwei Droschken fuhren vorüber, deren Gerassel die Stimmung zerstörte. Hin und wieder trat ein schwarzer Schatten in die orleuchtete Tür, verschtvand drinnen oder verlor sich auf der Straße, deren Häuser fast schon dunkel lagen. Als Kempen dann schärfer hinunterblickte, beinerkw er drüben ein Mädchen, das unbeweglich lauschte, dann aber die Augen zu ihm erhob und freundlich nickte, als begrüßte sie einen guten Bekannten. Es war die Kleine, die ihr Paket trug und sich wahrscheinlich verspätet hatte. Bist Du schon wieder da, scher Dich doch nach Hause!" knurrte Kempen vor sich hin, selbst überzeugt davon, daß sie ihn nicht verstehen würde. Aergerlich und versümmte über das Ende dieses Abends zog er den Kopf zurück, brachte den Tisch in Ordnung, holte Papier, Tinte und Feder hervor und schrieb an seine Mutter, in großen und kräftigen Buchstaben, die sich wie mit einem Streichholz gemalt ausnahmen. Des- habe hatte er den Stubengenossen gehen lassen, um noch eine Stunde allein mit seinen Gedanken zu sein. Als er fertig war und Lorensen noch immer kein Pfiff- signal gab, wie sie verabredet hatten, stülpte er sich den Hut auf und stieg die Treppe hinunter, um ihn von drüben zu holen. Durch die Tür sah er nur den Wirt, der einsam am Schanküsch saß und seine Zigarre rauchte: nebenan jedoch schlug die Unterhaltung ihren tollen Wirbel, gingen die Wogen des Gelages hoch, so daß sie in kräftigen Worten über- schäumten. Die Vorhänge waren zugezogen, ein Fensterflügel jedoch stand noch offen. Schon wollte Kempen hineingehen, als er Walzmann mächtig dazwischenfahren hörte, der schon ganz nett angeschmort zu sein schien und mit schwerer Zunge sprach.Was hat Kempen gesagt? Der Ruhm ist ein Mann? Quatsch! Der Ruhm kommt von Kunst, und die Kunst ist ein sprödes Weib, das erobert sein will. Herkules ist Roheit, Venus Vollendung. Dja. Nur das Weib gibt uns Kraft, ja- wohl, meine Jungs. Denn die Mutter trägt uns bis zum Licht. Auf das Weib also! Auf die passive Athletin, die alle Goliaths bezwingt! Stoßt an! Hoch das Weib, hoch die Schöpferin hinter der Kulisse! Alles Leid kommt vom Weibe, alles Große kommt durch das Leid. Ergo!" Jawohl. Hoch das Weib!" brüllte der Chor in wüstem Zecherton, und die Gläser klirrten. Pst. Nicht so laut, meine Herren!" rief der Wirt hinein. Noch eine Pulle," grunzte Walzmann und empfing so- fort höfliches Entgegenkommen: dann bezwang seine Stimme wieder die anderen.Lorensen, er kann was, er kann was, das muß ich Dir sagen." fuhr er fort.Du bist Teig, er ist Eichenholz. Bin neugierig, wer weiter kommen wird, er oder Du. Merkwürdige Kerle, die Ihr seid! Aber beim Becher bist Du mir lieber, denn Du bist kein Spielverderber. Er aber ist ein Wasserheiliger... Nuschke, schenk ein. Trinkt, Kinder, trinkt! Das Leben ist so kurz." Ein neuer Propfen war gesprungen, und der Knall hatte sich scharf und hell in die Nacht hinaus gefunden. Kempen ging nicht hinein, denn sicher würde man ihn mit einem Halloh empfangen und nicht mehr loslassen. Es bohrte etwas in ihm, was ihn traurig stimmte um Lorcnsens willen, der nie an sein gegebenes Wort dachte, sobald er beim Becher saß. Mochte er sehen, wie er ins Haus kam. Kempen schritt wieder hinauf in seine Wohming und legte sich aufs Ohr, bewegt von dem Gedanken an sein großes Ziel. IV. LorenseN kam erst am frühen Morgen nach Hause, als die Sonne schon hell ins Zimmer schien. Beim Grauen des Tages war Kempen erwacht, und als er das Bett auf der anderen Seite leer fand, hatte er sich erhoben, die Tür aufge- riegelt und sich wieder schlafen gelegt. So konnte Lorensen sich dann hineinschleichen und den Freund über die Zeit täuschen, wie es oftmals geschehen war, wenn er keinen Schlüssel bei sich hatte und der Verführung unterlag. Dies- mal jedoch war er ertappt, denn Kempen reckte sich mit offenen Augen, so daß die alten Bretter knackten, und machte ihm m seiner derben Art Vorwürfe. Seit einiger Zeit ernährten sie