Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 221.
12]
Freitag, den 11. November.
( Nachdrud berboten.)
Was ift Rubm?
Roman von Mar Kreter.
6.
Herr von Rensdahl hatte seinen Besuch angekündigt und fam an einem Vormittag, als frisch gefallener Schnee auf den fahlen Aesten lag und mit seinem bleichen Widerschein pracht volle Helle im Atelier schuf. Man hatte gehörig aufgeräumt, alles Gerümpel hinter die grüne Gardine gebracht, die den berlorensten Teil abschloß, und den Lutherstuhl auf einen fleinen, alten Teppich gestellt. Davor stand die Drehscheibe mit dem Gipsmodell der Faungruppe. Um den Gönner nicht zu verwöhnen, hatte man die angefangene Leda" hinten in einer großen Siste untergebracht, die auf dem Deckel eine so schwere Last trug, daß man den Einblick scheuen mußte.
Lorensen hatte sein Samtjadett angelegt und sah mit der mächtigen, punktierten Künstlerschleife sehr unternehmend aus; um seine Aufregung zu berbergen, rauchte er eine Bigarette nach der anderen. Auch Kempen war endlich mit seiner Hausknechtsarbeit fertig; er hatte den Schnee vom Gartenweg gefegt, die ein wenig blind gewordenen Atelierfenster geputzt und zum Schluß noch die Tonne mit trockenen Tonund Gipsresten hinausbefördert nach der großen Abladungsstelle für derartige Dinge, die sich hinten an der Gartenede zwischen vermorschten Zäunen befand. Dann säuberte er sich, putzte fich die Stiefel noch einmal blank und zog den schwarzen Rock über, unter dem die stählerne Kette auf der Weste glänzte. Man hatte sich jezt eine Uhr zugelegt, die er aber nur trug, seitdem Lorensen vor zwei Jahren so leichtsinnig gewesen war, die seinige irgendwo in einer Nacht zu lassen, ohne fein Gedächtnis daran jemals wieder auffrischen zu können.
Der Zufall wollte es, daß Grete Schlemmer, elegant aufgedonnert, gerade hereingefligt fam, als man jede Minute den gewichtigen Mann erwarten durfte. Sie wollte fragen, wann sie wieder kommen könne, da fie sich ihre Stunden jetzt anders einteilen mußte. Nach einem kühnen Griff in die Zigarettenschachtel wollte sie sich wieder davonmachen, als endlich der Ersehnte auftauchte, der, sobald er die stark nach Reseda Duftende erblickte, ihr gnädig zuwinkte, zu bleiben, mit jener Verbindlichkeit, die alte, empfängliche Herren für ein glattes Gesicht stets bereit haben. Lorensen sah darin gewissermaßen einen besonderen Wunsch, dem er nicht wider sprechen dürfe, und so raunte er ihr rasch zu, ihren losen Mund zu halten, zeigte jedoch feine Neigung, fie vorzustellen, denn das wäre ihm wie eine Beleidigung dieses vornehmen Adligen erschienen.
Im hochmodernen Belzpaletot, den glänzenden Bylinderhut auf, den er nur leicht gelüftet hatte, die tadellos braun belederten Hände auf der silbernen Schirmfrücke gestüßt, saß der von der Kälte rofig gerötete Kunst- und Lebemann behaglich im Gönnersessel, ungefähr wie ein gefürchteter Zeus, der in jedem Augenblicke seine vernichtenden Blize auf die schweigsame Umgebung schleudern kann.
Hören Sie, das ist gut, das gefällt mir, ja eh, einfach prächtig," medkerte er endlich los, nachdem man ein Weilchen nur die Zeichen seiner Erkältung vernommen hatte.
Lorensen geriet in Bewegung und kam mit einer überflüssigen Erläuterung, wobei er mit der Nymphe anfing, die ihm in der Bewegung vortrefflich gelungen war, und von der er annahm, daß sie die schwache Seite dieses Noblen am meisten befriedigen werde. Herr von Rensdahl aber winkte gewissermaßen ab, indem er mit seiner Kehlkopfstimme rasch dazwischen fuhr:„ Auch gut, auch gut, mein Sohn, gewiß.. aber dieser Faun, das ist ja ein Brachtkerl, ja eh. Meisterhaft, wirklich meisterhaft! Ich will Ihnen da feine Elogen sagen. Gratuliere dazu, gratuliere. Vollendet, vollendet! Mann, Sie fönnen etwas."
Lorensen, der neben ihm stand, schwieg sich plötzlich aus. Dieses einseitig- überschwengliche Lob fam ihm so unverhofft, daß ihm der Merger ins Gesicht stieg, denn Grete war dabei, die die Arbeitsteilung kannte. Sein Blick ging auch auf Kempen ,
1910
der sich abseits gedrückt hatte, nun aber sofort, eine Dummheit befürchtend, ihm heimlich ein Zeichen gab, nicht aus der Rolle zu fallen. Und Lorensen der an die gemeinsame Kasse dachte, war rasch wieder gefestigt und heimste nun die Anerkennung mit großer Bomadigkeit ein.
Gott sei Dank, daß die Nymphe endlich auch etwas abbefam! Es wäre ja auch noch schöner gewesen, wenn diese geschmeidige Here mit den vollen Formen und mit dem betören. den Lächeln nicht die Aschefunken in dem alten Krater auflohen gemacht hätte! Schließlich jedoch blieb es immer dasselbe Lied: der Faun, der Faun! Es war gerade, als hätte Rensdahl sich in diese Glotzäuglein verliebt wie jemand, der aus Eitelkeit fertwährend sein Spiegelbild betrachtet. Zum Schluß stand es bei ihm fest, daß dieser verlangende Grasteufel weiterem reisen zugänglich gemacht werden müsse.
,, Hören Sie, mein Sohn, hören Sie, ja eh, das müssen wir ausstellen. Der Kerl wird typisch." überschlug sich seine Stimme wieder beim Betrachten des saftigen Burschen. Man los damit, wenn' s soweit ist. In Marmor, in Marmor! Das kommt ins Vestibül, zu schade für den Garten."
Er erhob sich und ging um das Modell herum, trotzdem ihm Lorensen durch das Drehen der Scheibe alles bequem gemacht hatte. Während er dann im Atelier herumtrottete und neugierig die Nase nach rechts und links steckte, ohne viel zu sehen, wandte er sich plöglich an Kempen : Was machen Sie denn eigentlich hier, mein Bester? Auch schon was geleistet, eh? Pardon, wenn ich..."
Grete Schlemmer fand diese Frage so komisch, daß sie mit ihrem unschönen Lachen hervorplatte, sich dann aber sofort den Mund zuhielt. Lorensen legte sich ins Mittel, indem er Kem pen gehörig herauszustreichen begann. Sein Freund schlage eine ganze andere Richtung in der Kunst ein, denn er lehne sich mehr an die Antike an. Hier der Löwenkämpfer, dort der sterbende Goliath.... Schon die Skizzen zeigten die ganze raft; die Welt werde darüber staunen.
Geschäftig holte er das Ton- und Gipsgewirr von dem Wandbrett herunter, drehte die rohen Entwürfe vor den Augen des Gönners und stellte sie dann auf die Modellierböde, um sie in das beste Licht zu rücken. Und er vertiefte sich in die Einzelheiten mit einer Begeisterung, als handelte es sich um sein eigenes Werk, denn er fühlte den inneren Drang, etwas gut machen zu müssen, das er vorhin versäumt habe, gezwungen durch die äußeren Gründe.
,, Sehr schön, sehr schön," warf Rensdahl ein wie jemand, der eine Verbindlichkeit zu erfüllen hat. awoll, ich seh das alles. Aber sagen Sie malwer fämpft denn heut noch mit Löwen? Das ist doch undenkbar, ja eh. Alles schon dagewesen, mein Sohn.... Pardon, Pardon, Verehrter, ich wollte hnen nicht zu nahe treten," unterbrach er sich, mit einem leichten Stopfneigen zu Kempen gewendet, der etwas in seinen Bart hineinmurmelte, was man nicht verstand. Herr von Rensdahl war entschieden zerstreut geworden. Fort während hatte er Grete Schlemmer beäugelt, die allmählich mit häuslicher Sicherheit näher getreten war.„ Aber schönes Kind, Sie sind doch:.. gewiß, man sieht es. Die Aehnlichfeit ist unverkennbar."
Sie zeigte ihr Sirenenlächeln, machte etwas wie einen Knicks und zog mit geheuchelter Verschämtheit an den beiden Enden ihrer langen Pelzboa, die ihr lose über den Schultern hing. Und als Lorensen nun zugeben mußte, daß seine Vermutung, es mit dem Modell zu tun zu haben, richtig sei, stieß er plöglich in ein anderes Horn, indem er auf die Gruppe deutete:„ Sehr schön, diese Nymphe, ja eh. Natur, Natur, man sieht es! Prachtvoll festgehalten, lieber Lorensen, das soll wohl sein."
Grete blähte sich und steckte dieses Lob für sich ein, denn fie merkte, wie er sie mit Wohlgefallen betrachtete.
Rensdahl lud die beiden Künstler zum Diner um drei Uhr ein, wobei man ja Gelegenheit haben werde, noch geschäftliche Dinge zu erörtern, und ging dann, hinausgedienert von Lorensen, ohne nicht zuvor noch das Spiel seiner Gloßaugen ermunternd an Grete zu üben. Draußen war er wieder anderer Meinung geworden. Der Faun, wie gesagt, ia eh unübertrefflich. Natürlich auch die Nymphe...
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