Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 51. Dienstag, den 14. März. 1911 (Raabciiit ociBoten.) 61] pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö . Karna stand hinten im Wagen und schlief, an den Vorder- sitz gelehnt stand Bengta und weinte:Sie haben Anders eingesteckt." schluchzte sie.Er wurde wild und da haben sie ihm Handeisen angelegt und ihn eingesteckt." Sie ging mit Pelle zurück. Lasse stand neben Karl Johann und der blonden Marie: er sah Pelle herausfordernd an. in seinen zusammenge- fniffencn Augen brannte eine kleine empörerische Flamme. Dann fehlen also nur noch Möns und die flotte Sara." sagte Karl Johann und musterte sie. Aber Anders? Du willst doch nich ohne Anders weg­fahren?" schluchzte Bengta. Mit Anders is nichts nich zu machen," sagte der Groh- knecht.Der kommt woll mal von selbst wieder, wenn sie ihn loslassen." Sie erfuhren, daß Möns und die flotte Sara unten auf einem von den Tanzplätzen waren und gingen da hinab.Nu bleibt Ihr hier." sagte Karl Johann hart und ging hinein, um sich einen Ueberblick über die Tanzenden zu verschaffen. Da drinnen brannte das Blut wie tanzende Sonnen: die Gesichter glichen Feuerkugeln, die rote lkreise in dem blauen Nebel von Schweißausdünstungen und Staub zogen! Dung! Dung! Dung! Tier Takt fiel dröhnend wie eine Faust am jüngsten Gericht: und mitten in dem Raum stand ein Bursche und rang seine Jacke aus, so daß das Wasser plätscherte. Aus einem der Tanzplätze stürzte ein großer Bursche mit zwei Mädchen heraus. Er hatte einen Arm um den Hals von einer jeden geschlungen, und sie falteten getreulich die Arme um seinen Rücken. Die Mütze saß ihm im Nacken, er war nahe daran, in die Luft aufzusteigen vor lauter Un- bändigkeit, fühlte sich aber zu angenehm beschwert, um sich durch Sprünge zu betätigen: so sperrte er denn den Mund weit auf:Hol mich der Deubell Hol mich der Satan! Siebenhundert Teufel soll'n mich holen!" jubelte er, so daß es gellte und zog mit feinen Mädchen ab unter die Bäume. Das war ja Per Olsen selbst!" sagte Lasse und sah ihm sehnsüchtig nach.Is das ein Kerl! Der sieht wahrhaftig nich aus, als wenn er dem lieben Gott gegenüber eine Schuld auf'm Gewissen hätt!" Sein Tag wird auch woll kommen," meinte Karl Johann. Durch einen reinen Zufall fanden sie Möns und die flotte Sara, die auf einer Bank unter den Bäumen saßen und in inniger Umarmung schliefen.Na, denn woll'n wir man sehen, daß wir zu Haufe kommen!" sagte Karl Johann langgezogen: er war so lange umhergegangen und war brav gewesen, daß er ganz trocken davon im Halse geworden war. Von Euch spendiert woll keiner ein Abschiedsglas?" Das tu ich," sagte Möns,wenn Ihr mit nach dem Pavillon rauf kommen und es trinken wollt." Möns hatte was versäumt durch sein Schlafen und fühlte das Bedürfnis, noch einmal die Runde um den Platz zu machen. Jedesmal, wenn ihnen ein Geheul entgegendrang, sprang er an der Seite der flotten Sara in die Höhe und antwortete mit einem langen Jauchzer. Er versuchte sich loszureißen, aber sie hielt ihn fest am Arm: dann schwenkte er mit dem dicken Ende seines Kugelstockes und jauchzte hemusfordernd. Lasse zappelte mit seinen alten Gliedern und versuchte, Möns Jauchzer nachzuahmen, er hatte auch Lust zu allem anderen, als nach Hause zu fahren. Aber Karl Johann schlug auf den Tisch jetzt sollte es vor sich gehen! Und Pelle und die Frauenzimmer standen ihm bei. Draußen auf dem Platz veranlaßte ein Geschrei sie. still- zustehen. Die Frauenzinimer verkrochen sich jedes hinter feinen Mann. Ein Bursche kam barhäuptig gelaufen, aus einem großen Loch in der Schläfe floß das Blut über Gesicht und Kragen herab, seine Züge waren verzerrt vor Entsetzen. Hinter ihm drein kam ein anderer, ebenfalls barhäuptig und mit gezücktem Messer. Ein Waldhüter stellte sich ihm in den Weg, bekam aber sein Messer in die Schulter und fiel: der Verfolger lief weiter,-«dem er an ihnen vorüber- jagte, stieß Möns ein kurzes Geheul aus und sprang in dis Luft empor: sein Kugelstock sauste dem anderen gerade in den Nacken, so daß er mit einem Seufzer zusammensank. Möns glitt hinter einige Gruppen und verschwand: unten am Rande des Waldes stand er und wartete auf die anderen. Er beantwortete das Geheul nicht mehr. Karl Johann mußte die Pferde an den Köpfen führen, bis sie auf den Weg hinausgekommen waren, dann setzte man sich auf den Wagen. Hinter ihnen war der Lärm verschwun- den, nur ein vereinzelter langer Hilferuf stieg in die Luft auf und fiel wieder. Unten an dem kleinen Waldsee hatten sich einige ver« gessenc Mädchen versammelt und spielten auf eigene Hand auf der Wiese. Der weiße Dampf lag über dem Gras gleich schimmerndem Wasser und die Mädchen ragten mit dem Ober- körper daraus aus. Sie gingen im Rundkreis und sangen das Sommernachtslied. Rein und klar stieg der fröhliche Gesang auf und war doch so wunderlich, traurig anzuhören weil die. die sangen, von Saufbrüdern und Raufbolden im Stiche gelassen warm: Lasset uns tanzen über Berg und Tal, 4 Verschleißen die Schuh und die Socken zumal. Hei hopp, mein süßes Herzelein! Lasset uns tanzen bis zum Morgensonnenschein. Hei hopp. Du Holde! Wir tanzen im Sonncngolde. Die Töne legten sich so sanft ins Ohr und auf den Sinn; Erinnerung und Gedanke mußten sich von allem säubern, was häßlich war und den Tag selbst zu seinem Recht kommen lassen, als der Festtag, der er war. Ein unvergleichlicher Tag war es nun für Lasse wie auch für Pelle gewesen mit Vergeltung für die Zurücksetzung vieler Jahre. Schade, daß er vorbei war und nicht erst anfangen sollte. Auf dem Wagen waren sie jetzt matt, sie nickten ein oder verhielten sich schweigend. Lasse saß da und wühlte mit der einen Hand in der Tasche. Er suchte sich einen Heber- blick zu verschaffen, wieviel Geld er übrigbehalten hatte. Es war kostbar, eine Braut freizuhalten, wenn man in keiner Beziehung vor der Jugend zurückstehen wollte. Pelle schlief und glitt tiefer und tiefer herunter, bis Bengta seinen Kopf in ihren Schoß nahm: sie selber saß da und weinte ihre bitteren Tränen über Anders. Es dämmerte bereits stark, als sie auf den Hof von Stengaarden hineinrollten. 19. Die Herrschaft auf Stengaarden war jetzt fast beständig in der Leute Mund, niemals waren sie ganz aus den Ge- danken der Bevölkerung heraus. Man dachte ebensoviel an KongstruP und seine Frau und redete mehr über sie wie über das gesamte Kirchspiel, sie warm ja das Brot für so viele, die Porsehung im Guten und Bösen: nichts, was sie unternahmen, konnte gleichgiiltig sein. Es fiel niemand ein, dasselbe Maß und Gewicht für sie in Anwendung zu bringen wie für andere: sie waren etwas für sich. Wesen, die über vieles gesetzt waren, und die tun und lassen konnten was sie wollten die sich über alle Rücksichten hinwegsetzen und sich Leidenschaften erlauben durften. Das, was von Stengaarden ausging, war für gewöhnliche Menschen zu groß, um darüber zu Gericht zu sitzen, es konnte schwer genug sein, zu deuten, was dort vor sich ging selbst wenn man das Ganze so aus der Nähe sah wie Lasse und Pelle. Für sie wie für die anderen waren die Leute auf Stengaarden Wesen für sich, die ihr Leben unter größeren Verhältnissen lebten, so halbwegs zwischen Menschen und höheren Mächten in einer Welt, wo so etwas wie unauslöschliche Brunst und wahnsinnige Liebe herrschte. Was auf Stengaarden geschah, verursachte daher eine ganz andere Spannung als andere Ereignisse in der Ge- meinde. Man lauschte staunend und gespannt der leisesten Aeußcrung von dort oben aus dem hohen Wohnhaus und bei den Jammerausbrüchen sing man an zu zittern und ging von Grauen bedrückt einher. So klar Lasse in den ruhigen Perioden alles vor sich liegen sah, so konnte das Leben da oben plötzlich wieder außerhalb der täglichen Erkenntnis rücken und schlug um seine und des Knaben Welt zusammen wie eine Nebet-