Nnterhattlmgsblatt des Horwiirts Nr. 71. Dienstag� den 11. April. 1911
KKoAtitua vervoten.) 63 Das Sememäekmci. Erzählung v. Marie v. Ebner-EschenbaH- Wenn ihn die Vinska schalt, schloß sie meistens mit den Worten:„Und dumm bist du, dumm, der Dümmste im ganzen Dorfe." Vor kurzem noch hatte diese Versicherung ihn kühl gelassen, seit einiger Zeit begann sie ihn zu der- drießen: ihm schwante, daß etwas Wahres an ihr sei. ..Dumm," murmelte er und griff sich an die Stirn,—„aber so dumm doch nicht, wie sie glaubt, die Spitzbübin." So dumm doch nicht, daß aus seinem Gedächtnis alles der- schwunden wäre, was sich vor einem Jahre begeben hatte, und daß er nicht vermöchte, einen Verdacht, der damals schon flüchtig in ihm aufgestiegen war, von neuem, und jetzt kräftiger zu fassen. Das Hochamt dauerte lange; die Sonne stand im Scheitel, als Gesang und Musik endlich verstimmten, und die Beter so eilig aus der Kirche herausdrängten, wie sie hineingedrängt hatten. Pavels Augen suchten nur die eine und vermochten nicht, sie zu entdecken, auch dann nicht, als das Gewühl sich zerstreute, und ein Teil der Leute die Markt- buden umringte, der andere in leicht übersehbarem Zug die Dorfstraße hinanschritt. Vinska war wie verschwunden, und Peter mit ihr. Nach der Messe wäre es Pavels Sache gewesen, heimzu- kehren und mit Virgil das Vieh auf die Weide zu treiben; aber das fiel ihm heute nicht ein. Er vagabundierte in der nächsten Umgebung auf den Feldern und im Walde herum und suchte die Vinska. Bis zur Wut gesteigerte Ungeduld kochte in seiner Brust, und quälend nagte der Hunger an ihm. Gegen Abend kam er zum Wirtshaus, vor dem es lustig zuging. Betrunkene sangen, Buben balgten sich, kleine Mädchen hüpften im Neigen beim Schall des Zymbals und der Fiedeln, der durch die offene Tür herausgellte. Neugierige hielten die Fenster der Tanzstube besetzt, beobachteten, was drinnen vor- ging, und machten ihre Glossen darüber. Nach langem Kampf eroberte Pavel einen Platz zwischen ihnen und sah die Paare sich drehen im dunstigen, spärlich erleuchteten Gemach. Ganz nahe am Fenster, an dem er stand, schwenkte Peter die Vinska auf einem Fleck herum. Er war schon stark angetrunken, hatte die Jacke und mit ihr seine vornehme Zurückhaltung abgelegt. Der Peter in Hemdärmeln war ein so ordinärer Kumpan, wie der erste beste Knecht. Die Vinska in seinen Armen schlug züchtig die Augen zu Boden und erglühte feuerrot bei den Reden, die er ihr zu- flüsterte, und den Küssen, die er ihr raubte. Neber den Anblick vergaß Pavel seinen Hunger— seine Ungeduld wich einem rasenden, ihm unbegreiflichen Schmerz: wie in den Fängen eines Raubtieres wand er sich und brachte ein entsetzliches Röcheln hervor. Die Umstehenden erschraken; man stieß ihn hinweg, und er tvehrte sich nicht; er schlich davon, durch die langsam herein- brechende Dunkelheit, seinem unheimlichen Daheim zu. Aus der Hütte schimmerte ihm der ungewohnte Glanz einer bren- nenden Kerze entgegen. Sie war auf dem Fenstersimse auf- gepflanzt, und in dem von ihrem Schein erhellten Stübchen saßen Virgil und sein Weib aus der Bank, und zwischen ihnen stand ein Teller mit Braten und eine Flasche Branntwein. Die beiden Alten aßen und tranken und waren guter Dinge. Pavel beobachtete sie eine Weile vom Feldrain aus, stieg dann zum Hohlweg hinab, den die Dorfstraße bei den letzten Schaluppen bildete, und streckte sich auf die ausgebrochenen Ziegelstufen des Eingangs, den Kopf an die Tür angelehnt. So mußte, im Fall, daß er etwa einschlief, die Vinska ihn wecken, wenn sie ins.Haus wollte. Stunden vergingen: der matte Glanz, den daS Licht im Fenster auf den Weg geworfen hatte, erlosch. Das treibende . Gewölk am Himmel, der umschleierte Mond mahnten Pavel an die Winternacht, in der er ausgezogen war, Milada aus (der Gefangenschaft zu befreien. WaS für ein Narr war er damals gewesen— was für ein Narr geblieben bis auf den heutigen Tag...
Von dem einzigen, der ihn nie beschimpft, dem einzigen, der ihm je eine Wohltat erwiesen, hatte er sich in blödsinnigem Mißtrauen abgewendet, und war der Betrügerin unterwürfig gewesen, die ihn zum besten hatte, ihn bestahl und verlachte.., O— ganz gewiß verlachte und verspottete! Sie spottete sc» gern, die Vinska, und so leicht bei viel geringeren Veranlassun- gen als seine grenzenlose Dummheit eine war... „Was tu ich ihr?" fragte er sich plötzlich und antwortete auch sogleich:„Ich schlag sie tot." Keine Ueberlcgung: was dann? Nicht die geringste Angst, nicht der kleinste Skrupel, nicht einmal ein Zweifel an der Ausführbarkeit seines rafch gefaßten Vorsatzes. Er stand auf, öffnete leise die Tür, holte den Knüttel Virgils von: Herde und legte ihn neben sich, nachdem er seinen früheren Platz und seine frühere Stellung wieder eingenommen hatte. Nun kam eine große Ruhe über ihn; die Augen fielen ihm zu, und er schlief ein. Nicht tief, so halb und halb, wie er zu schlafen pflegte, wenn er die Nacht mit den Pferden draußen auf der Hutweide zubrachte. Der Morgen dämmerte, als leichte Schritte, die sich näherten, ihn weckten. Sie war's. Heiter, bequem und fried- lich mit ihrer unschuldigen pfiffigen Miene kam sie einher, zögerte ein wenig, als sie Pavel daliegen sah, betrat dann ganz sachte die Stufen und beugte sich, um ihn zur Seite zu schieben.— Da packte er sie am Fuß und riß sie zu Boden. Sie fiel ohne einen Laut, erhob sich aber sogleich auf die Knie, während er nach dem Knüttel griff... Ein Blick in des Jungen Gesicht, und aus dem ihrigen wich alles Blut. „Pavel," stammelte sie,„was fällt Dir ein— Du wirst mich doch nicht schlagen?" Sie stemmte beide Arme gegen seine Brust und sah angst- voll und bebend zu ihm empop. „Schlagen nicht— erschlagen ivcrd ich Dich," ant- wartete er dumpf und wandte den Kopf, um ihren flehenden Augen auszuweichen.„Aber zieh zuvor meine Stiefel aus." „Jesus Maria! Wegen der Stiefel willst Du mich um- bringen?" „Ja, ich will." „Schrei nicht so... die Alten wachen auf.'' „Alles eins." Sie schmiegte sich an ihn, ein schüchternes Lächeln um- zuckte ihre Lippen.„Sie kommen mir zu Hilfe, wie kannst mich dann totschlagen? Geh— sei still, sei gut." Er suchte sich von ihrer Umarmung loszumachen, die ihn beseligte und empörte; er fühlte, mit Zorn gegen sich, den Zorn gegen sie unter ihren Liebkosungen schwinden:„Spitz- bübinl" rief er. „Mach keinen Lärm," mahnte sie;„wenn die Leute zu- sammenlaufen, was hast Du davon? Sei still! Schlag mich tot meinetwegen, aber sei still— schlag mich tot, Du dummer Pavel—" und nun kicherte sie schon völlig vergnügt und siegesgewiß. Zwischen den wirren Haaren, die ihm über die Augen hingen, schoß ein Blitz voll düsterer Glut hervor, der sie von neuem schaudern machte.— Das war kein törichter Junge mehr, es war ein frühreifer Mann, der sie angeblickt hatte. und instinktmäßig rettete sie sich in der Furcht vor ihm— an seine Brust. „Tu mir nichts! Wie leid wäre Dir!" Sie stand neben ihm und hielt seine Hand, der der Knüttel entsunken war. Sie bat, sie schmeichelte, sie suchte ihn zu rühren und hielt sich selbst eine Totenklage.„O wie leid wäre Dir um mich, niemandem so leid wie Dir um die arme Vinska." „Du bist nicht arm!" fuhr er sie an,„Du nicht!... Schlecht bist Du— und ich geh aufs Bezirksamt und der- klag Dich." „Wegen der Stiefel?" fragte sie und lachte herzlich und sorglos. ,.�a. � Flugs ließ Vinska sich auf die Stufen nieder, zog die Stiefel aus und stellte sie vor Pavel hin.„Da hast sie, Geiz- hals! Ich brauch sie nicht!— ich brauch nur dem Peter ein Wort zu sagen, so kauft er mir andere, viel schönere,"