Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 96.

81]

Freitag, den 19. Mai.

( Nachdruck berboten.)

Das Gemeindekind.

Erzählung v. Marie 6. Ebner- Eschenbach. Er wurde von der Pförtnerin in dasselbe Zimmer ge­führt, in dem er als kleiner Junge so unvergeßliche Stunden ber peinlichsten Erwartung durchlebt hatte.

Nichts verändert in dem traurigen Raume, jeder Seffel an der alten Stelle, an der Mauer derselbe feuchte Fled, Nur die Aussicht aus den vergitterten Fenstern bot heute ein freundliches Bild, denn die damals halb entblätteren Obst­bäume prangten jetzt im Frühlingsschmuck weißer und rosiger Blüten. Am Ende des Nasenplates, vor dem bis an die Gartenmauer reichenden Seitenflügel des Hauses, trieb sich eine lustige Gesellschaft von kleinen Klosterzöglingen herum. Sie unterbrachen oft ihre Spiele und rannten im Wettlauf auf die Novize zu, der die Aufsicht über sie anvertraut war. Und was hatte diese nun zu tun, um sich der Liebkosungen des anstürmenden Schwarnis zu erwehren! Und wie gütig tat fie's und wie ernst; wie verstand sie, die Wildfänge zu bändigen und die Schüchternen aufzumuntern, Tadel und Lob zu verteilen, Zärtlichkeit zu spenden und Strenge walten zu laffen nach Verdienst und Gebührl Pavels Augen hingen unverwandt an ihrer holden, gertenschlanken Gestalt. Ihre Büge genau zu unterscheiden vermochte er nicht; doch bildete er sich ein, das Wesen des jungen Mädchens mahne an das Miladas. So- ungefähr so mochte sie jetzt aussehen, seine Milada... nur nicht so groß konnte sie geworden sein; das schien ihm unmöglich; unmöglich auch, daß sie jetzt schon das Kleid der Nonnen trage.

-

1911

Hand, aber nicht die weiche Hand einer Müßiggängerin, son­dern eine mit der Arbeit vertraute. So hatte man die zarte Pilgerin auf dem Wege zum Himmel nicht enthoben von der gemeinen Mühsal der Erde...

Ein, als der Lehrer es zu ihm gesprochen, halb ver. standenes Wort tauchte im Gedächtnis Pavels auf: Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Kerze brennen!" Sein Herz schnürte sich zusammen, er erhob die Augen von der Hand Miladas zu ihrem Angesicht: Eine Nonne, also eine Nonne-" sagte er.

Die Oberin erwiderte: Noch nicht; über ein kleines jedoch wird sie zu denen gehören, die mit unserem göttlichen Erlöser sprechen: Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?"

Bei dem Worte Mutter erwachte Pavel wie aus dem Traum: Die Mutter läßt Dich grüßen," sagte er: es geht ihr gut. Sie möchte auch gern wissen, wie es Dir geht. Was sol ich ihr schreiben?"

Schreibe ihr," antwortete Milada, unterbrach sich jedoch und richtete einen um Erlaubnis bittenden Blick auf die Oberin; erst als diese zustimmend genidt, begann sie wieder: Schreibe ihr, daß mein ganzes Leben nichts ist, als ein ein­aiges Gebet für fie, und noch für einen, unseren armen, unglücklichen Bater..." ihre Stimme hatte sich gesenkt, nun erhob sie sich freudigen Klanges und auch für Didy, lieber, lieber Bavel."

-

Bavel murmelte etwas Unverständliches, seine Augen be­gannen unerträglich zu brennen; plößlich ließ er Miladas Hand aus der seinen gleiten und trat einen Schritt zurück.

Sie fuhr fort: Der Allbarmherzige hat mich erhört, er hat Dich gut werden lassen... nicht wahr?... sprich, lieber Bavel, fag ja, Du darfst es sagen es ist ja ein Werk Seiner Gnade. Sag, ich bitte Dich, daß Du gut und brav geworden bist... Pavel, Lieber, bist Du gut und brav?"

-

Er senkte den Kopf, gepeinigt durch ihr Flehen, und

-

"

Ein Glockenzeichen erscholl; die Novize nahm das kleinste Mädchen auf den Arm; die anderen liefen vor ihr oder neben ihr her einen Augenblick, und alle verschwanden im Hause. Bavel trat vom Fenster zurück. Er war durch die Worte des Fräuleins Afra auf ein langes Warten vorbereitet ge- sprach: ch weiß es nicht."" wesen und nun sehr überrascht, als sich schon nach wenigen Du weißt es nicht?" fragte Milada, und als er schwieg, Minuten die Tür in ihren Angeln drehte. Auf der Schwelle rief sie mit aufsteigender Besorgnis die Oberin an: Er weiß erschien, in gewohnter edler Ruhe, unverändert durch die an es nicht ehrwürdige Mutter, wie kann das sein?" ihr hingegangenen Jahre, die Oberin. Sie führte ein junges Die Oberin sah Bangigkeit und Unruhe sich in den Zügen Mädchen an der Hand, ein hohes, schlankes, dasselbe, dessen der Novize malen, sah ihre bleichen Wangen sich mit immer stilles Walten Pavel gesehen, dasselbe, das ihn an seine dunkler werdender Röte färben und versetzte beschwichtigend: Schwester gemahnt hatte- Milada im Novizenkleide. ,, Es kann wohl sein. Er hat Dir eine schöne Antwort gegeben, die des Bescheidenen, der seinen Wert nicht kennt. Wir fennen ihn; wir wissen von den Fortschritten, die Dein Bruder auf dem Wege des Heiles macht. Darum auch durfte er seinen Auftrag selbst bestellen und den Deinen selbst einholen. Ez ist geschehen und nun, liebe Kinder, sagt Euch Lebewohl."

Er starrte sie an in grenzenlos wonnigem, grenzenlos wehmütigem Staunen; über ihre Lippen fam bei seinem An­blick ein Ausruf des Entzückens; die Blässe ihres zarten Ge­fichts wurde noch durchsichtiger, noch farbloser.

"

Babel, lieber, lieber Babel!" sprach sie; aber sie riß sich nicht los von der führenden Hand; sie stand still und fah ihn mit großen glückstrahlenden Augen an.

Auch er stand still. Mächtiger als der Wunsch, auf sie zuzustürzen und sie an seine Brust zu ziehen, war die ehr­erbietige Scheu, die ihn ergriffen hatte und gebannt hielt und ihm die geliebte Ersehnte, die Nahe- unnahbar machte. Beklommen schwieg er; in seinem Kopf jagten sich die Gedanken: diese junge Heilige, war das seine Schwester?

-

Durfte er sie noch so nennen?-War sie's, die er bausendmal in seinen Armen gehalten, gefüßt, geherzt hatte manchmal auch geschlagen?- War sie's, deren Geschrei Hunger, Pavlicet, Hunger!" ihn zum Diebstahl verleitet hatte, wie oft, wie oft! War sie's, deren Füßchen er ver­bunden, wenn sie sich wund gelaufen bei den Wanderungen bon Ort zu Ort, hinter dem Vater und der Mutter her?... War sie's?

-

-

Die Oberin weidete sich an der Ueberraschung der Ge­schwister. Nun," sagte sie, sich freundlich zu Milada wendend, ter hat denn einst in findischem Vorwit gesagt: ich sehe Dich nie mehr; sie werden mir nie mehr erlauben, Dich zu fehen?"... Und jetzt ist er da, Dein Bruder. Begrüßt Euch, gebt Euch die Hände."

Die Aufforderung mußte wiederholt werden, bevor Pavel und Milada ihr nachzukommen wagten, und dann, als Pavel die Hand seiner Schwester in der seinen hielt, beängstigte ihn ihr Glühen und das Jagen der Pulse, die an seine Finger tlopften. In seiner derben Rechten lag eine kleine schmale

"

Bavel feufzte tief auf: ezt schon?" und zugleich und mit derselben Bestürzung drangen aus Miladas Mund die­selben Worte. Aber nur ein kurzer Kampf, und dem unwill­fürlichen Schrei des Herzens folgte der Ausdruck der Ergebung in fremden Willen, und sie sprach:

,, Lebe wohl, Pavel."

11

Ihr frommer Gehorsam wurde belohnt, die Oberin lächelte gütig: Du kannst auch sagen, auf Wiedersehen." Bei meiner Einkleidung," fiel Milada begeistert ein, zu meiner Einkleidung wirst Du kommen, das darf man... Nicht wahr, ehrwürdige Mutter, man darf er darf... und ich," setzte sie nach furzem Besinnen demütig hinzu ,,, dars ich noch eine Frage an ihn stellen?"

Frage!"

Milada, die schon im Begriffe gewesen war, der Oberin zu folgen, wendete sich wieder Pavel zu: Lieber, hast Du allen berziehen, die Dir Böses getan haben?"

Er sah die gespannte, bebende Erwartung, mit der sie feiner Antwort lauschte, er prüfte sein Herz und sagte: Einigen schon."

"

Du mußt aber allen berzeihen; sie sind ja Werkzeuge Gottes, die Dich zu ihm führen durch Prüfungen. Verzeih ihnen, liebe sie, versprich es mir..."

"

Sie beschwor ihn mit einem Ungestüm, der an die Milada früherer Tage gemahnte. Versprich's, mein Bavel; wenn Du es nicht tust, muß ich leiden," klagte sie ,,, es ist ein Beichen, daß ich noch nicht genug getan, gebetet, gebüßt habe."