Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 101. Sonnabend, den 27. Mai. 1911 tEacj&tuä üetseun.l 86J Dae Semeinäekmä. Erzählung v. Marie v. Ebner-Eschenba'ch. Bei ihrem nächsten Gange zum Forsthause hielt Slava «abermals eine Zwiesprache mit Pavel, und seine erste Frage on sie war: Wenn Du kein schlechtes Gewissen gegen, mich gehabt Ihast, warum hast Du Dich gefürchtet, mich anzuschauen?" Weil Du immer so verdrießlich gewesen bist und schreck- liche Augen auf mich gemacht hast. Das mag ich nicht, ich Habs gern, daß man fröhlich ist und mich freundlich ansieht." Mit diesemman" meinte sie nicht etwa ihn allein, sie meinte jeden. Pavel täuschte sich nicht lange darüber. Es war ein Teufelchen der Lustigkeit in ihr, das sie antrieb, den Ernst zu bekämpfen, wo immer sie ihm begegnete: und diese Lustigkeit, die fast bis an die Grenze der Ausgelassenheit gehen konnte, verbunden mit den hohen Ehren, in denen sie ihr nettes Persönchen hielt, und ihrem jungfräulich züchtigen Wesen machte ihren von jung und alt empfundenen Zau- her aus. Auf niemanden jedoch wirkte er unwiderstehlicher als auf Nrnost: den hatte sie völlig umstrickt, und er machte Pavel gegenüber weder ein Hehl aus seinen Liebesschmerzen noch aus seiner Eifersucht auf ihn. Als ein verständiger, mit praktischem Sinn ausgerüsteter Bursche fand er nichts er- klärlicher, als daß Slava den Inhaber eines Hauses und eines Feldes ihm, der nur ein Haus und den dazu gehörenden kleinen Gemeindeanteil besaß, vorziehen müsse. Daß Pavel in die Reihen der Bwerber um die Gunst oder die Hand des hübschen Mädchens zu treten beabsichtigte, schien ihm so ausgemacht, daß er nicht einmal danach fragte, und sein Freund, dem er das zu verstehen gab, und der schon hatte sagen wollen:Bist ein Narr, ich denk nicht an sie, sie ist mir gleich wie nur was," verschluckte diese Antwort; denn er wollte nicht lügen. Gleichgültig war sie ihm nicht, sie hatte es auch ihm an- getan. Nicht wie dem Arnost: von einem blinden Verliebt- sein war bei ihm keine Rede, aber warm machte ihn ihre Nähe, und überaus gut gefiel sie ihm, und überaus lieb wäre es ihm gewesen, wenn er den Zweifel hätte loswerden können, der sich in ihrer Gegenwart immer wieder meldete und eine ge- wisse bange, unbestimmte Erwartung:Setzt und jetzt wird sie etwas tun, das mir ans Herz greifen und mir die Freude on ihr verderben wird." Ein anderes Bedenken, das ihn früher schtver gepeinigt hatte, war er ganz los geworden, das: wird mich denn eine Ordentliche nehmen? Wird eine Ordentliche unter einem Dach mit meiner Mutter leben wollen? Nun. die Slava war eine Ordentliche und ließ ihn merken, daß sie ihn nehmen würde, obwohl sie recht gut wußte, daß die Mutter heute oder morgen heimkehren und Aufnahme finden werde bei ihrem Sohn. Sie fragte ab und zu nach ihr und sprach «einmal: Eine Mutter bleibt halt doch immer eine Mutter; sie soll sein, wie sie will, wenn man nur eine hat. Ich Hab keine." Pavel begrüßte sie nun stets sehr artig, machte nie mehr schreckliche Augenauf sie", verhielt sich aber, was auch in seinem Innern drängte und gärte, äußerst zurückhaltend gegen die Kleine, während Arnost vor ihr in Weichheit zer- schmolz oder in Flammen aufloderte. Der verliebte Bursche war immer genau unterrichtet von jedem ihrer Schritte, und immer traf sichs, daß er an den Tagen, an denen sie einen Botengang ins Forsthaus unternahm, zufällig just nichts zu tun hatte und sich Pavel zur Verfügung stellen konnte, um ihm bei seiner Arbeit behilflich zu sein. Kam die Erwartete dann, so fand sie die Zwei an den Zaun gelehnt und ihrer harrend. Wer es in größerer Sehnsucht tat, ob der Ernste, Verschlossene, ob der andere, sie selbst wußte es nicht. Sie benahm sich mit beiden gleich herzlich, gleich kameradschaftlich, sprach aber mehr mit Arnost. weil sich der viel besser aufs Scherzen und !Spaßen verstand. Nach Weihnachten brachte Slava einmal eine Kunde aus dem Schlosse, durch die alle eingeschlummerten Sorgen Pavels über seine Schwester wieder wach gerüttelt wurden. Milada war krank gewesen, die Frau Baronin hatte neuerdings einen Besuch im Kloster gemacht und war von neuem getröstet heimgekehrt. Es ging besser, versicherte sie, es ging gut. Dennoch hatte sie sich vonihrem Kinde" nicht leicht getrennt, gedachte bald zu ihm zurückzukehren und dann mehrere Wochen, als Gast der Frau Oberin, im Kloster zu verweilen. Vorher aber ließ sie Pavel sagen wolle sie ihn noch« sprechen. Er beeilte sich, von der Erlaubnis Gebrauch zu machen, fand die alte Dame gebeugt und unruhig und, je mehr sie das war, desto bemühter, sich Frieden zu erringen und den der anderen nicht zu stören. Die Frau Baronin gab Pavel das Versprechen, ihm un- mittelbar nach ihrem Eintreffen in der Stadt eine Zusammen» kunft mit Milada zu erwirken, und nahm dafür sein Wort in Empfang, daß er sich um eine solche nicht auf eigene Hand bemühen werde. Er schrieb an Milada, erhielt einige schöne, tröstliche Zeilen, wartete auf die Abreise der Frau Baronin, und als diese erfolgte, auf die Berufung zu seiner Schwester. Sein Herz war schwer und wurde nur etwas leichter, wenn es ihm gegönnt war, sich an dem Anblick des holden Mädchens zu laben, das Arnost und er nicht mehr anders als dieGold- amsel" nannten. Die Zeit kam, in welcher er es töricht zu finden begann, sich länger gegen die in ihm aufkeimende Neigung zur Wehrs zu setzen. Daß Slava eine besondere Liebe für ihn hege, bildete er sich nicht ein, doch zweifelte er nicht, daß sie, wenn Arnost und er um sie freiten, ihm den Vorzug geben und, einmal verheiratet, ein braves Weib sein werde, wie sie ein braves Mädchen gewesen war. Aus Rücksicht für den Freund auf sie zu verzichten, der Gedanke flog ihm allerdings manch- mal durch den Sinn; aber diese Regungen der Großmut der- minderten sich in dem Maße, als sein Wohlgefallen an dem munteren Ding wuchs und wuchs. Gegen Arnost war er so aufrichtig, wie dieser gegen ihn. Wie lieb Du sie hast, ich Hab sie lieber," sagte Arnost. Was nützt das, wenn sie mich nimmt," sagte Pavel. Und ich werd sie nächstens fragen, ich will auch einmal glück» lich sein." Arnost erwiderte:Frag sie." Sein Entschluß war ge« faßt. Am Tage, an dem Pavel das Jawort Slavas erhielt, wollte er die Hütte, in der er seit dem Tode feiner Mutter allein hauste, verkaufen und Soldat werden. Es ist kein schlechtes Leben beim Militär, besonders für einen, der es, wie Arnost, schon nach zweimonatlicher Dienstzeit zu einer Charge gebracht hat. Eines nebligen Januarvormittags kam er in höchster Aufregung zu Pavel und teilte ihm mit. heute mache die Kleine ihren letzten Besuch beim Oberförster, er sei gesund, die Sendungen aus dem Schlosse horten auf. Arnost stand der Angstschweiß auf der Stirn, in seiner Brust ging es zu wie in einem Pochwerk.Ich Halts nicht mehr aus," sagte er.Heute mußt Du reden, oder ich rede." So red," sagte Pavel,ich werd aber auch reden." Sie sahen einander mit Augen an, aus denen der Haß funkelte, und gingen hinter dem Zaun hin und her wie zwei Löwen im Käfig. Lamur saß auf der Schwelle, schwarz und häßlich, und beobachtete in stiller Verachtung die beiden vo>, der Leidenschaft gequälten Menschenkinder. Nun brach ein breiter Sonnenstrahl durch den weißen Dunst, der ringsum auf den Feldern und Wegen lagerte, und verwandelte ihn in licht und farbig glitzernden Duft, von dessen durchsichtigen Schleiern umwoben die kleine Slava herannahte, an diesem Tage, gerade an diesem, an dem die feindlichen Freunde ein Wort im Vertrauen an sie zu richten gedachten, nicht allein. Sie hatte eine Begleiterin mitgenommen die VinSka. Arnost und Pavel entdeckten es zugleich, und der erste rief und der zweite murmelte:Verwünscht?" Ein kleines Stück Weges hinter dem jungen Weibe und' dem jungen Mädchen kam die Schar der Holzknechte. Sie