Anterhaltungsblatt des Torwarts Nr. 102. Dienstag, den 30. Mai. 1911
(NaSdruck verboten.) � Oas SememckekinÄ. Erzählung v. Marie v. Ebner* Eschenba Hj. Pavel gab eine derbe Antwort und rief von seinem Platze dus mit unterdrückter Wut den Holzknechten zu:„Packt lEuchl" Sie erwiderten mit Roheiten, schlimmer als alle vorher- gehenden, und Hanusch, bequem an den Zaun gelehnt, die Pfeife zwischen den Zähnen, tat. als ob er den im Gärtlein liegenden Dachstuhl aufmerksam betrachte, und sprach: „Der is ja fertig, jetzt kannst anfangen, den Stall zu bauen... Bau ihn! bau ihn! tummel Dich, die Du ein- stellen willst, iS schon auf'm Weg... die aus'm Zuchthaus!" „Die, ja— die!" scholl es im Ehor. und Hanusch schrie, haß die Adern an seinem Halse schwollen: „Nehmt ihn, Weiblein l Vor der Schwiegermutter aus'm Zuchthaus braucht Ihr Euch nicht zp fürchten, die kommt in den Stall, die Mutter!.. Die Worte reuten ihn. Pavel hatte sich aufgebäumt, aus seiner Brust drang ein gräßliches Stöhnen, über seine Zähne floß Blut aus seiner zerbissenen Lippe. Einen Augenblick schaute er... Da stand die Frau, die er geliebt hatte— da stand das Mädchen, das er liebte, da der ehrliche Bursche, dem er es streitig machen wollte, und dort am Zaun der Schurke, der ihn in ihrer Gegenwart unauslöschlich beschimpft hatte, auf dem Boden aber, zu seinen Füßen, lag sein gutes Zimmer- mannsbeil. Die Dauer eines Blitzes, und er hatte es er- griffen und geschleudert.— Hanusch kreischte und bog aus. Das nach seinem Kopfe gezielte Beil flog haarscharf an der Schläfe vorbei und verletzte das Ohr. Alle schrien. Pavel stieß Vinska weg, die ihm den Weg vertreten wollte, schwang sich über den Zaun und sprang mitten unter die Holzknechte hinein. So furchtbar war er anzusehen, ein so maßloser Zorn sprühte aus seinen Augen, daß der ganze Trupp vor ihm zurückwich— am weitesten Hanusch, die Hand am Ohr. Aber schon war er ereilt und gestellt von einem, der noch rascher gewesen als Pavel. Lamur hatte ein unheilverkündendes Knurren ausgestoßen, sich seinem Herrn vorangeworfen und war Hanusch an die Gurgel gesprungen. Der glitt aus, wankte und stürzte dicht vor Pavel nieder, die hervor- gequollenen Augen in verzweiflungsvoller Angst auf ihn ge- richtet, der schon seinen Fuß erhob, um den Mund zu zer- »nalmen, der ihm solche Schmach angetan... Plötzlich jedoch. wie von Abscheu und Entsetzen ergriffen, totenbleich, stampfte ier den Boden und rief:„Zurück. Lamur!" Ungern ließ der Hund ab von seiner Beute. Hanusch erhob sich mühsam, seine Genossen machten Miene, alle zu- sammen auf Pavel loszugehen, besannen sich aber anders. Sie parlamentierten noch eine Weile mit Arnost, während Pavel, dumpf vor sich hinbrütend, dastand, und zogen endlich, kleinlaut geworden, weiter. Erst in einiger Entfernung vom Grubenhaus faßten sie den Mut, sich zurückzuwenden und Mrohungen auszustoßen, die gänzlich unbeachtet blieben. Pavel und seine Gäste bildeten eine kleine, stumme Gruppe. Er schien der letzte sein zu wollen, das Schweigen zu brechen, er war an die Tür der Hütte getreten und sah zu seinem Hunde nieder, der seinen Blick ernst und verstand- uisvoll erwiderte. Eine Weile verging, bevor sich Slava so weit ermunterte, baß sie Pavel an seine vorhin gemachte Einladung erinnern konnte. Halblaut erneuerte er sie und lächelte das Mägdlein, auf dessen Gesicht sich die Spuren des überstandenen Schreckens malten, fremd und traurig an. Mau trat ins Haus, in die durch Habrechts Großmut eingerichtete Stube mit der nie- brigen Decke, mit den kleinen Fenstern und dem Fußboden aus gestampftem Lehm. Der Tisch stand in der Mitte der Stube, wie er in der Mitte des Lehrerzimmers gestanden hatte, der alte Lehnstuhl und drei Sessel um ihn herum. In der Ecke, der Herdnische gegenüber, der schmale Schrank, der das Heiligtum des Hauses trug, des Freundes kostbares Per-
mächtnis, die Bücher, in denen immer zu lesen er Pavel empfohlen hatte. Nicht umsonst, man sah es den schlichten Bänden an, daß sie oft, wenn auch in schonender Ehrfurcht, zur Hand genommen wurden. Vinska nahm Platz im Lehnstuhl, Slava auf einem Sessel neben ihr. Die erste schwieg, die zweite äußerte sich verbindlich über die Reinlichkeit, die im Hause herrschte, brach aber ab, verwirrt durch die strengen Mienen der drei anderen. Arnost war zu Pavel getreten und hatte ihm ein paar Worte zugeraunt, und Pavel hatte den Kopf geschüttelt, sich nicht mehr geregt und stand, wie auf dem Fleck angewurzelt, in finstere Gedanken versunken. Lange bezwang sich Arnost, zuletzt aber siegte seine Un- geduld, er faßte Pavel bei der Schulter und sprach:„Was simulierst? hör schon auf... Was liegt Dir dran, was ein paar Betrunkene reden?" „Ja," fiel die Kleine mit ihrer glockenhellen Stimme ein,„was liegt Dir dran? Laß die Leut reden, und sprechen wir lieber von was Lustigem." Pavel horchte auf— eine so liebe Stimme und konnte doch einen Mißklang erwecken. „Von was Lustigem?— gut— ich Habs nicht anders im Sinn." Er lachte herb upd trocken, kam auf den Tisch zu und wendete sich an die Kleine:„Ich bin ein Freiwerber," sprach er,„fiir den da, für den Arnost. Wir haben es schon lang zusammen ausgemacht, daß ich Dich fragen soll, ob Du ihn nimmst?" „Mach keinen schlechten Spaß," fuhr ihn Arnost derb an: „was soll denn das heißen?" und noch derber gab Pavel zurück: „Willst bielleicht nicht mehr werben?. Ist die Lieb schon verraucht?..."$ „O, was die Lieb betrifft..." Der Ausdruck, mit dem diese Worte gesprochen wurden, erledigte die Frage übergenügend. Eine Viertelstunde später verließ ein Brautpaar die Hütte Pavels. Der Bräutigam glückselig, die Braut still zu- frieden. Arnost war ihr lieber als Pavel; noch lieber jedoch wäre ihr Arnost mit dem Felde Pavels gewesen. Vinska empfahl sich zugleich mit den Verlobten, die sie ins Forsthaus begleiten wollte. Am Ausgang des Gärtchens jedoch hieß sie die jungen Leute vorangehen, blieb stehen und sprach zu Pavel:„Was war das jetzt? Es hat geheißen, Du hast die Slava gern?" „Ich Hab sie auch gern," rief er, und mit seiner Selbst- beherrschung war es zu Ende;„aber wie soll denn ich hei- raten, wie soll denn ich ein Weib nehmen, ich. dcms alle Tag geschehen kann, er weiß nicht wie, daß er einen erschlagen muß, weil er sich nicht anders helfen kann? Ich Hab Schand fressen sollen, dazu hat die Mutter mich geboren. Jetzt haben sie„was Bessres" aus mir machen wollen, der Herr Sichrer und meine Schwester Milada, und jetzt schmeckt mir die Schand nicht mehr, und jetzt bring ich sie nicht mehr hinunter, das ist mein Unglück." Nach einer Pause, in der Vinska die Augen fest auf den Boden gerichtet hielt, sagte sie:„Du bist mitgegangen bei dem Begräbnis von meinem armen Peter. Ich Hab Dir noch nicht danken können, weil Du mir immer ausweichst." Er zuckte die Achseln und erwiderte:„Ich werd Dir nimmer ausweichen. Leb Wohl." „Lieber Pavel," nahm sie nach abermaliger Pause wieder das Wort!„eh ich geh, mußt Du noch was anhören. Ich Hab keine Ruh, die Leut lassen mir keine Ruh. Mein armer Peter ist erst drei Monate tot, und schon haben sich zwei Freier bei mir gemeldet." „So such Dir einen aus." „Ich glaube," sagte Vinska, nachdem sie eine Weile in den Schnee geblickt hatte,„daß ich eine Witfrau bleiben werde." „So bleib eine Witfrau. Leb wohl." Schon im Begriffe, zu gehen, wendete sie sich noch einmal zu ihm und begann von neuem mit beklommener Stimme: „Du hast gut sagen: Leb wohl. Wenn man gegen jemanden so schlecht gewesen ist. wie ich gegen Dich, lebt sichs nicht woh''