AnlerhaltungsSlatt des Horwkrts Nr. 80. Donnerstag� den 25. April. 1912 7] Suitana. tNachdruck verbolen.) Ein arabisches Frauenschicksal von Emi! Rasmussen. Frau Barriöres Augen waren dem Licht zugewendet.. Die Pupillen waren winzig klein, der breite Jrisring von einer katzengrauen kalten Farbe mit gelblichen Pünktchen, die wie in Feldstein eingesprengter Glimmer schillerten. Bei den letzten Worten Marcels wurden die Pupillen lebendig und wuchsen. Die Iris schob sich bis hinaus zu der gelbgrauen Hornhaut— ein schmaler Ring, der zugleich einen Stich ins Grüne erhielt. „Vorgestern war Paris Deine ganze Zukunft, Dein ganzes Leben. Heute ist es, als hätte es nie existiert. In zwei Tagen hast Du umgesattelt. „Ja, Mutter— wie Du." „Aber was willst Du denn hier in Tunis tun? „Ja, was dachtest Du selbst eigentlich vorgestern, was ich hier tun sollte? „Vorläufig während des Trauerjahres wollte ich Dich bei mir behalten, dann—" „Nun, dann?" „Dann kommt Rat." „Du denkst doch sonst mehr als ein Jahr in die Zukunft voraus." Es kam etwas Unsicheres in Frau Barridres sonst so ruhige Haltung, und einen Augenblick wich ihr Blick dem Marcels aus, aber sie wußte ihre Verlegenheit rasch durch einen kleinen verdrieslichen Ausdruck zu maskieren. „Ich fragte Dich jetzt um Deine Pläne." „Ich habe Lust, das Arabische weiter zu betreiben." „Das Arabische!" wiederholte sie mit aufrichtiger Ueber- raschung.„Und was willst Du damit erreichen, wenn ich fragen darf?" „Ich werde ja nie so gestellt sein, daß ich an mein Aus- kommen denken muß." „Das versteht sich, aber dennoch—" „Nun, dann ist ja die eine Wissenschaft gerade so gut wie die andere. Frankreich hat schon sechs Millionen Untertanen, die arabisch sprechen, und keiner weiß, wie bald es ebenso viele dazu bekommen kann. Es wird von immer größerer politisch praktischer Bedeutung, so tief wie möglich in das Wesen dieser Völker einzudringen, und der Weg geht allein durch die Sprache. Frankreich muß immer neue Lehrstühle in Arabisch errichten, so daß es sicherlich eine gute Karriere wird, selbst wenn meine Mittel es mir nicht erlauben würden, als Privat- gelehrter zu leben. Arabisch ist schließlich das einzige Stu- dium, das ich hier betreiben kann: aber andererseits kann ich auch, wenigstens in den ersten Jahren, diese Sprache hier besser studieren als in den meisten anderen Orten. Hier gibt es tüchtige französische Lehrer, und an der Djama ez-Zituna unierrichten die alten, grundgelehrten Sjeks, deren Gelehr- famkeit mich in rein sprachlicher Hinsicht weit fördern kann." Frau Barridre nickte mit verkniffenen, abgewandten Augen halb geistesabwesend vor sich hin. Ihre Gedanken waren schon ihre eigenen Wege gegangen. Sah sie schon Gottes Finger in Marcels geändertem Entschluß. Sie sollte ihn bei sich behalten, und welche Stütze würde er nicht just durch das Studiuni des Arabischen und der Araber ihrer Tätigkeit werden! Wie viele Verbindungen für sich und hierdurch auch für sie würde er nicht Gelegenheit haben anzuknüpfen! „Nun ja, mein Sohn," sagte sie, plötzlich aufstehend, „vielleicht ist dieser Gedanke kein so ganz verfehlter. Wir wollen es jedenfalls überlegen. Aber nun muß ich zur Sitzung. Du solltest auch ein wenig ausgehen: Du bist den ganzen Tag im Zimmer gesessen." „Ich wollte bloß zuerst einen Brief schreiben." Als Frau Barridre gegangen war, blieb Marcel einen Augenblick mitten im Räume stehen, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, und sah zur Decke empor. Wie unendlich gleichgültig waren ihm doch die Araber samt ihrer Sprache und ihrer ganzen Literatur! Aber was in des Herrn Namen sollte er tunk Er hatte seine Zukunft in den Armen gehalten. Und diese Zukunft saß verschleiert hier in dem weißen Tunis . Er hatte nur fülle zu sitzen und zu warten. Unterdessen konnte er ja arabisch lernen— oder chinesisch! — oder gleichviel was.--- Er begann, einen Brief an einen Kameraden in Rom zu schreiben, riß ihn aber in Stücke, nachdem er ihn durchlesen hatte, und ließ sich wieder in seinem Korbstuhl nieder, um in berauschende Träume zu versinken. Vor Freitag würde er sie kaum wiedersehen. Aber Frei- tag würde sie wieder auf dem Friedhof fein. Ohne allen Zweifel! Wo keine Verabredung getroffen werden konnte, mußte die Losung lauten: gleiche Zeit und gleicher Ort. Und sie würde ihm einen Brief zuzustecken wissen. Sein Blick glitt schläfrig von Bild zu Bild einer gegen- über aufgehängten Gruppe Studienköpfe. Plötzlich fuhr er auf, als habe er eine Entdeckung ge- macht. Während er ganz unbewußt die Bilder verglichen, war eS ihm plötzlich aufgefallen, daß ihnen allen ein Ausdruck ge- meinsam war, den der Vater offenbar vergebens auf eine ihn befriedigende Art auszulösen versucht hatte. Die einzelnen Formen waren so wechselnd voneinander abweichend, daß er unmöglich dasselbe Modell für alle Skizzlln verwendet haben' konnte. Andererseits war der Ausdruck so gleichartig, daß er kaum verschiedenen Modellen entliehen schien. Es waren Stu- dien von Frauen, die bloß in ihm selbst lebten, offenbar Vor- studien zu einer größeren Komposition. Hierin lag etwas, was Marcel betroffen machte: er selbst kannte diese Art Gemeinschaft mit leblosen Gespenstern, denen seine Phantasie eine Art Schattenlcben gab. Er hatte seit Jahr und Tag zu wissen geglaubt, was Liebe sei. Er hatte süße Liebesgedichte geträumt. Sie strichen wie balsamische Lüfte durch sein Gemüt. Er hatte in Romanen von Liebe gelesen, am liebsten in solchen, die beim ersten Kuß abbrachen oder nicht einmal so weit gelangten, sondern in schmelzender Sehnsucht verklangen. Und er hatte felbst Frauen erdichtet, um die alle seine Träume Wochen-, ja monatelang kreisten. Aber suchte er ein Abbild unter denen, die er um sich sah, so empfand er nur Enttäuschung. Er konnte Züge, die er sah, Wohl schön finden, aber sie ließen ihn kalt. Wo die Kameraden die Köpfe zusammensteckten, um über körperliche Liebe zu flüstern, da entfernte er sich scheu in ungcheucheltem Widerwillen. Und nun, da er zwei Augen erblickt, ein Antlitz, eine Seele, von der er nie geträumt, jetzt erschienen alle Träume,. in denen er noch vor einem Monat geschwelgt hatte, wie blut- und körperlose Gebilde. Auf dem Lyzeum nannte man ihn mit einer Mischung von Spott und Bewunderung einen Idealisten. In diesem Augenblick dämmerte es ihm auf, daß es zwei Arten von Idealismus im Leben und in der Kunst gäbe. Es gibt einen Idealismus von untenher, der mit Stoff, mit Ton- mit Fleisch und Blut arbeitet. Er ist wohl nie derjenige, der das letzte Wort zu sprechen hat. Aber wo er gelebt hat, hat er befruchtet und Leben gegeben, hat auf jene fernen blauen Berge gedeutet, wo das letzte Wort zu finden ist. Und es gibt einen Idealismus, der Statuen formt und Schlösser aus Ma- terial baut, das lufttgcr ist als Blumendust und Vogelsang. Er findet keine Nahrung, befruchtet nicht, gibt niemals Lebeip Er führt andere in einen Nebel, der alle Abgründe verhüllt. Und er verzehrt sich selbst. Verbrennt in seiner eigenem Qual. In der Kunst wie in der Liebe. Ein zweitägiges neues Leben hatte ihn hellsichtig gemacht. Er hatte plötzlich eine Geschichte mit Vergangenheit und Gegenwart. Er hatte zwei Existenzformen zu vergleichen: er konnte denken, und zwar aus persönlicher Erfahrung heraus denken. Nun erkannte er, daß die anmaßenden blassen Träume- reien nur ein Rausch waren, der seine Zeit und Kraft stahl, ohne den Willen in Schwung zu setzen: Nachtträume, die den Schlafenden mit Frieden erfüllen, aber, ist er erst mit schlaffen Nerven erwacht, vor dem Tagesauge barock- und blutlos er»
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29 (25.4.1912) 80
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