Interhaltimgsblatt des'Vorwärts Nr. 3. Sonnabend den H. Januar 1913 I s] Gefdrichte einer Sombe. Von Andreas Strug. Ihre Gedanken fielen gleichsam in Schlummer. Die Menge, die Musik, das blendende Licht, das den Augen weh tat— das schien sie alles zu träumen. Irgendwann hatte sie das alles schon einmal gesehen. Irgendwann hatte sie von diesem mit Teppichen bedeckten Podium, auf dem jetzt drei geputzte Damen saßen, schon einmal geträumt. Die Entdeckung, daß es nur ein Traum war, erfüllte sie mit Glück und Freude,— doch im gleichen Augenblick kam sie zu sich. Entsetzen erfaßte sie. Wie lange hatte ihre Erstarrung ge- dauert? War inzwischen nicht alles schon verloren? Mit einem Ruck wandte sie sich zum Ausgang— mit vor Schreck erweiterten Augen herumsuchend. War es nicht schon zu spät?— Doch welches Glück! Der Mann in der Livree stand da. mit befehlenden Augen, und sprach mit leiser, ruhiger Stimme: „Sieh Dir die Waren an! Kauf! Kauf immer zu! Denk nicht! Kauf, sprich mit den Damen! Denk nicht!..." Es sauste ihr in den Ohren, wie ein fernes Stöhnen drang es zu ihr. Jetzt hatte sie wieder Gewalt über sich, Kraft und Leichtigkeit in den Bewegungen. Was immer sich ereignen sollte, war vernünftig, klar und aufs tiefste durchdacht. Was immer sie auszuführen hatte, war gut, erwünscht und leicht. Sie lächelte wieder ihrem Glücke zu. Durch das-ferne rhythmische Stöhnen hindurch, das stets in ihrem Ohr hing, hörte sie dennoch ganz deutlich, was die lustigen Verkäuferinnen zu ihr sprachen, sie hörte ihre eigene, fremdartig klingende Stimme, ihr Lachen und Scherzen. Dann, als sie an der großen Tür des Hauptein- gangs vorbeikam, sah sie mit ruhigem Auge in die Tiefe der breiten Treppe hinab, wo ihr Schicksal erscheinen mußte. Niemals hatte sie so viel Irische, Heiterkeit und Kraft in sich gefühlt. Die Last der Bombe, welche unter ihrem Jackett an einem Stahlhaken am Gürtel hing, drückte sie nicht mehr. Sie fühlte nicht die geringste Anstrengung beim Gehen. Sie schwebte wie über der Erde. Schon hatte sie alle ihre quälenden unlösbaren Gedanken vergessen. Eine wilde Ausgelassenheit überkam sie, eine Geringschätzung für alles und das aufrichtige Bedürfnis, sich zu unterhalten. Von allen Seiten kamen ihr amüsante Versuchungen entgegen. Zum Beispiel: diesen großen geflochtenen Fantcuil zu kaufen und zuzusehen, wie dieser mächtige und unheilvolle Leo ihn als gehorsamer Diener durch den ganzen Saal tragen würde. Oder sich in dieses Labyrinth der Verkaufsstände verstecken, sich in die Menge hineinwühlen, verschwinden, flüchten und sich innerlich über Leos finstere Blicke totlacken. Unwillkürlich lachte sie dabei laut auf, vielleicht allzu laut. Aber in der Tat, noch nie hatte sie etwas so Komisches gesehen: da steht dieser Harlekin mit gespreizten Beinen, den Regenschirm in der Hand, wackelt nach allen Seiten, macht einige steife, un- geschickte Schritte und fällt plötzlich, ganz überraschend hin. Wie lustig!... „Trink ein Glas Wasser! Trink sofort ein Glas Selter- Wasser. Sofort!..." Sie gehorcht. Sie trinkt mit vielem Genuß ein großes Glas einer prachtvollen eiskalten Limonade. Sie bezahlt einen Rubel. Der Saal verdunkelt sich. Klingel. Sie schaut begierig. Hoch über der Galeric auf einer großen Leinwand fliegt ein lebendiges Landschastsbild vorbei. In der Mitte laufen die Eisenbahnschienen. Von der einen Seite steigen die Flanken der Berge herab, von der anderen wogt und stürmt die Brandung des wunderbaren Meeres gegen die Küste. Von ferne kommt eine Welle, steigt an, sammelt sich, fließt über und bedeckt das Ufer mit einem breiten Mantel. Der Wind trägt eine kernige, salzige Kühle vom Meere her. Es neigen sich vor dem Winde die Äestc der Bäume, weiße Villen, Paläste fliegen vorbei. Die Menschen, die dem Zuge zusehen, verschwinden rasch. Eine bekannte, liebliche Walzermelodie gießt eine saltsame rührende Schön- heit darüber aus. Jemand ruft deutlich und laut die Pro- grammnummer aus:„Fahrt von Nizza nach Monte Carlo!" Niemals werde ich dort sein!— denkt Kama, und Tränen l füllen ihre Augen. Die Musik spielt eine lustige triviale Polka. Mitten auf dem Weg wankt ein Betrunkener. Die Hunde bellen ihn an, ein Radfahrer stößt mit ihm zusammen, und beide kommen auf eine komische Weise zu Fall. Ringsum Lachen. Auch Kama lacht. Der Betrunkene geht weiter. Fällt in eine Schafherde hinein und prügelt sich mit dem Hirten. Hunde reißen ganze Stücke aus seinem Anzug heraus. Irgendein Mensch trägt etwas in einem großen Gefäß auf dem Kopf. Der Betrunkene gerät ihm vor die Füße und wird von oben bis unten mit Kalk begossen. Ringsum Lachen. Auch Kama lacht, obwohl sie wahrnimmt, daß diese närrische Szene auf irgendeine schreckliche Weise mit ihrer Angelegenheit in Ver- bindung kommt. Plötzlich war das Entsetzliche der Tat, die bald, jeden Augenblick geschehen mußte, wie ausgelöscht und ihre Erhabenheit befleckt. Man wird die Augen abwenden müssen von diesem Unsinn und mit dem unterbrochenen aus» gelassenen Lachen sich dorthin begeben, dachte sie... Warum ist das so dumm? Unmöglich!... Ganz unmöglich..., daß es wirklich geschehen soll... Sie weiß, daß sie tun wird, was nötig ist, daß sie werfen wird, wie es sich gehört... aber es wird nicht mehr dasselbe sein. Jetzt weiß sie: nichts wird geschehen. Es wird nicht gelingen. Der Glaube verließ sie. Es blieb nichts in ihr zurück als eine passive gedankenlose Ergebung. Keine Spur eines Wunsches, keine Spur von Angst. Nein... es wird nicht geschehen. Im Halbdunkel sah sie neben sich das Gesicht Leos und den finsteren Glanz seiner Augen als er hinter sich nach dem Eingang des Saales blickte. Sic dachte stumpf: Er hofft noch! Dabei ist es doch ganz unmöglich. Woher ich es weiß? Ich weiß es und irre mich nicht... Nach einer Weile wußte sie gar nichts mehr. Im Kopfe war es vollständig leer. Alles war verschwunden, nur von ferne, wie durch einen trüben Nebel berührte sich die unerbitt- liche, ununterbochen ihre Bahn laufende Wirklichkeit. Sie zählte jeden verflossenen Augenblick und stellte in aller Ruhe fest, daß es bald Zeit sein wird, zu wollen, zu handeln. Wann? Jeden Augenblick... Aber sie verstand es nicht. Im Ohr hatte sie wieder das stöhnende Geklingel. Und auf einmal fühlt sie in ihrem ganzen Körper Leichtigkeit und Frische wiederkehren, und es ist ihr, als komme sie wieder in Betrieb wie eine gut geölte Maschine. Eine fremde Macht schiebt sie, hebt sie hoch über die Erde. Nur in der Seele ist schwere Ohnmacht, düstere, tödliche Trauer. Die Pulver des Arztes scheinen sehr wirksam. Noch nie hat sie solche Kraft in sich gefühlt und zugleich eine solche Unfähigkeit zu denken. zu überlegen. Irgendwoher aus einer anderen Welt, jenseits von alledem, was sich ringsum ereignete, drang fernes, kaum hörbares Geräusch und Geflüster zu ihr. Näherkommend hörte es sich an, wie das Geräusch einer anrückenden Wasser- flut. Gleichsam als Verkündigung dessen, was jetzt geschehen mußte. Schon nahte der entsetzliche Moment, und Kama suchte verzweifelt in sich nach Kraft und Hilfe. Alle Gewalten der Seele schienen auseinandergestoben, und die Augen traf immerzu wie ein gräßlicher Hohn dies wandelnde Brld: wie der Trunkene über die Straße wankt, von Hunden verfolgt, von Menschen mißhandelt. Das lustige Lachen der Gaffer, das jeden Augenblick ausbrach, tat weh. Die heitre Melodie der Musik quälte das Ohr. Plötzlich war der Saal wieder hell, und Kama wandte sich heftig nach der Eingangstiir um. Der Strom des Publikums drängte sich dort hinaus. Das Orchester spielte einen Marsch. Die Damen an den Verkaufsständen räumten auf, der Basar war zu Ende. Draußen regnete es. Sie mußte lange warten, bis ihr Wagen vorsuhr. Mit irren Augen sah sie in die Menge hin- ein, als suchte sie was. Sie begriff nichts. Sie wußte nur das eine, daß sie lebte, morgen leben würde und vielleicht noch manches lange Jahr. Das entsetzte sie, es schien ihr un- möglickr Sie konnte es auf keine Weife fassen. Die nassen Regenschirme, der Straßenkot, der Lärm der vorfahrenden Wagen, die Gewöhnlichkeit dieses ganzen Treibens bedrückte sie wie ein gespenstischer auälender und unsaßlicher Traum. Jemand faßte sie kräftig unterm Arm und schob sie in den Wagen. Ter Wagenschlag klappte dumpf zu. Sie fuhren.
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30 (11.1.1913) 8
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