Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 214.

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Sonnabend, den 1. November.

18] Helge Bendels Luftfchlöffer. Ein Chikago- Roman von Henning Berger. Wo war nun das schöne graublane, grünblaue Licht, die Aquariumstimmung sentimental und melancholisch, und doch so verlockend und hoffnungerweckend? Auf einmal war alles schwarz, die großen Lampen waren aufgeflammt, der elektrische, unsichtbare Funke war im Zickzack von Kandelaber zu Kandelaber durch alle Straßen gesprungen, die Hauswände hatten ihre Fenster aufflammen lassen, das Dach hatte seine Transparente entzündet, und alle Schaufenster und Schilder und Lichtreklamen, die sich strahlend schwangen, drehten, wir­belten, rollten, schlängelten, auf und nieder, aus- und ein­Kletterten, erloschen und wieder aufleuchteten in Kreisen, in zusammengeflochtenen Kränzen, peitschenden Schnüren, boh renden Spiralen, alle Feuer- und Lichtfünfte der Straße machten den Himmel schwarz und löschten die Sterne aus. Ein leuchtender Dunst schwamm über den Steinriesen, aber diese Flammenwolfe vertiefte nur das Dunkel außerhalb.

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neue.

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1913

Doch, doch! Und Hände und Lippen erklärten aufs

So ein alter Idiot! Daß er sich nicht daran erinnert! dachte Helge ungeduldig.

Jetzt öffnete der Mann eine Schieblade und nahm ein Buch heraus, in dem er von hinten herein zu blättern begann. mit einem Finger, der aussah, als wäre er in Mahagoni geschnigt, fuhr er von unten nach oben über die Rubriken. Viele Seiten wurden umgedreht, ehe er zuletzt innehielt und eine Reihe laut las. Ja, ja, nickte der kupferrote Kopf, das ist es

Jezt folgte eine Weile ein Suchen in Schachteln und Fächern. Endlich kam ein kleines Etui zum Vorschein, und als es geöffnet war, sah Helge, daß es ein Granatfreuz ent­hielt. Die Dame griff eifrig danach und suchte dann in ihrer Tasche. Zwischen allerhand kleinen Schächtelchen und Büchs­chen fand sie eine kleine Börse aus Goldgeflecht und nahm eine kleine Goldmünze heraus. Darauf stopfte sie das Etui in die Tasche. Noch ehe sie zum Abschied den Kopf geneigt hatte, war Helge weit draußen auf dem Trottoir.

Und mit dieser Veränderung hob sich die Dame in Gran Sie ging auf dem kürzesten Wege zum Hotel zurüc nur noch blendender aus der Menge ab, als wären alle diese die State Street hinunter, und dann rechts hinauf, an ins Rampen nur um ihretwillen da. Helge erwachte aus Grübe- leys Restaurant vorbei. Jetzt folgte Helge ganz apathisch; Leien und Schlaffheitsgedanken, und der Entschluß, diese zweck- die kleine Spannung war vorüber, und die Straßen waren Lose Wanderung an der nächsten Straßenede aufzugeben, blieb wie zubor, Steingräber mit Lichtern und hastenden Menschen­auf halbem Wege stehen. Im Gegenteil seine Verzaube- mengen, in denen nicht einer an den andern dachte. Als fie rung steigerte sich, als wäre sie nur noch stärker in Schwin- durch die große Drehtür hineingeschwungen wurde, stürzte er gung gejezt, gleich den elektrischen Reklameschildern, die dazu fich aber gleichwohl in die nächste Glasscheibenbor und ließ sich beitrugen, die Menschen zu blenden und zu berauschen. Näher ebenfalls hindurchschwingen. In der Vorhalle blieb er stehen und näher zog es ihn, wie die Motte zur Flamme, zu diesem und fah fie nach der Portierloge geben. schönen und eleganten Geschöpf, dessen rätselvolles Profil ihm Aber ehe sie noch den lächelnden und dienernden Herrn, wie in einem wundervollen Umriß auf Goldgrund gezeichnet erschien. Er streifte ihren Mantel, atmete seinen Duft ein, ließ den Blick die Farbe ihres Haares, die Bläffe der Wangen einsaugen. Und alle anderen Menschen, die sich in lärmenden Tausenden um sie bewegten, schwanden ineinander und wurden in der Nähe fich ringelnde Tintenbäche, dann, weiter fort, glänzend- dunkle Ströme, und zuletzt, auf der anderen Seite Der plazbreiten Straße, große, schwarze Fluten.

der ihr schon einen Schlüffel entgegenreichte, anreden konnte, fam eine junge Dame hastig hinter einer der Palmendeko­rationen hervor. Ihr Gesicht war ein einziges, strahlendes Lächeln, mit Grübchen in Wangen, Kinn und wie es schien sogar in der Nase. Sie war von derselben Größe wie die Graue, hatte denselben Wuchs und dieselbe Figur, war aber augenscheinlich etwas jünger und von mehr blonder Frische. Auch ihre Haare, dicht und schwer, waren blond und voll wie überreifer Roggen und konnten im ersten Augenblick gebleicht oder gefärbt erscheinen. Sie trug denselben eleganten Kleider­schnitt wie die andere, nur daß hier die Farbe dunkelblau war. Und die Augen waren blau und rund wie bei einem Puppenkopf und auch von ungefähr demselben gedankenlofen Unschuldsausdruck. Sie schwenkte einige Briefe in der Hand.

-Sieh doch, Lilly, rief sie auf englisch ), große Post! Und zwei Briefe aus Schweden - einer von Ba und Ma und einer von Jullan in Kristianstad .

Sie war mun so lange die State Street auf und ab geschlendert, ohne sich für ein einziges Geschäft zu entschließen, daß Helge boll Verwunderung fie schließlich ein ganz fleines Lädchen betreten sah, dessen vergitterte Scheiben verkündeten, daß verfallene Pfänder aus der Juwelenbranche hier zum Verkauf waren. Er lag so lächerlich eingeklemmt, der kleine Raden, zwischen ein paar vom Boden bis zum Dach strahlen­den Firmenhäusern, daß er einer billigen Zigarettenschachtel glich, die aus Versehen zwischen glänzende Havannafisten ge­rutscht ist. Die Tür war ein Spalt und das Fenster eine Bendel glaubte sich verhört zu haben. Diese perfekte Luke, das Schild ein roter Lappen und die Beleuchtung ein Aussprache des Englischen sowohl wie der beiden schwedischen dünnes Talglicht zwischen Sonnen. Und hier hinein ging Worte oder Namen wirkte verblüffend. Jezt sah er feine fie, dieser Kolibri, von dem man glauben mußte, er könne rothaarige Tame, die mit Lilly angeredet worden war, aus mur in vergoldete Prachtkäfige fliegen. Jedenfalls aber er- der kleinen violetten Tasche das Etui nehmen und es der klärte es die lange, scheinbar ziellofe Wanderung im Gewühl blonden Lächelpuppe zeigen, die sogleich die Hände zusammen­und Gedränge. Denn das Pfandgeschäftsloch war befchlug und aufs neue in Lächeln und Grübchen ausbrach, die sonders für einen Fremden- ebenso schwierig zu finden wie fich diesmal bis zu den runden Armen, der Brust und den eine Tannennadel in einem Ameisenhaufen; die Nadeln ver- Süften unter dem enganliegenden Paletot zu erstrecken mengten sich zu einem Mischmasch und die Fassaden verschnol- fchienen. zen Flittergold und Flitterkram das Ganze in eins vor dem Auge. Helge ging bis dicht an das Fenster heran, da, Lilly? auf die Gefahr hin, in ein unterirdisches Restaurant hinab­Ja, Millie, antwortete die Weltere. Komm, wir wollen auglitschen, dessen weiße Marmorquadrate und polierte jegt hinauf auf unser Zimmer, wir können uns ein gebratenes Messingstangen einen von den zwei roten Glaskugeln der Huhn und eine Flasche Wein droben fervieren lassen. Ich Wein droben fervieren laſſen. Ich Eingangstreppe weit über den Asphalt fallenden rofa Schim- muß lesen mer wiederspiegelten. Er tat, als studiere er den angeschia­genen Speisezettel, der mit Hummer und Austern begann, mit einem Dußend verschiedener Basteten schloß und ebenfalls hell beleuchtet war von den Glühlampen.

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Sie fragte drinnen nach etwas. Etwas, was nicht da war; denn der Mann hinter dem Ladentisch ein kleiner, alter Mann, dessen grauen Haare an den Ohren nach vorn gefämmt waren wie Scheuklappen schüttelte den Stopf. Sie beschrieb dies Etwas, zeichnete es auf die Tischplatte mit einem Kleinen, behandschuhten Zeigefinger. Nein, nein, bedeutete bedauernd der Schenklappenkopf.

Oh! Oh! lachte sie oh... War es wirklich noch

Wein droben

Und sie verschwanden im Liftforb.

Mister Stevens, sagte Helge, der eine halbe Wendung gemacht hatte, so daß es ausiah, als sei er eben aus dem hinteren Gang vom Kontor hergekommen wer sind die Damen?

Der Portier zog die Augenbrauen hoch und schmazte mit den Lippen:

-Hut, hm, la, la leder, leder! Was für Mr. Neuter, was? Wer sie sind wie? Ha ha, junger Mann, Hände davon! Das kost't Geld! Schau her!

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Und er beugte sich über seinen Tisch und verzog das