keit und Privatheit individueller Erfahrungen bieten wollen. Dass wir gemeinsam überlegen, wie sich Erinnerung als kraftspendende individuelle und kommunale Ressource fruchtbar machen lässt. Dass wir konstruktiv streiten: über Schwierigkeiten und Herausforderungen, über Fallstricke und Macht – und nicht zuletzt über unseren eigenen Anteil am Schweigen und Vergessen. Die Arbeit der letzten Jahrzehnte hat vieles sichtbar gemacht und uns ermutigt, aber sie hat uns auch immer wieder gezeigt: Weder unser Wissen noch unsere Erinnerung ist sicher. Literatur: Alphen, Ernst van.„Symptoms of Discursivity: Experience, Memory, and Trauma,“ in Acts of Memory. Cultural Recall in the Present, herausgegeben von Mieke Bal et al., 24–38. Hanover/London: UP of New England, 1999. Campt, Tina. Other Germans. Black Germans and the Politics of Race, Gender, and Memory in the Third Reich. Michigan: University of Michigan Press, 2004. Collins, Patricia Hill. Black Feminist Thought. 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November war entsetzlich“ –„Die Familienzusammenführung war super“ Perspektiven rassifizierter Communitys auf Mauerfall und Transformation 1 Die Jahrestage„30 Jahre Mauerfall“ und„30 Jahre Vereinigung“ waren für viele BPoC Anlass zu fragen, wie rassifizierte„Andere“ die damaligen Ereignisse erlebt und wahrgenommen haben. Zugleich haben Rassismus und Antisemitismus seit etwa 2014 ein neues Ausmaß angenommen, sowohl auf diskursiver Ebene als auch in Form von physischer Gewalt. Wir fühlen uns an die Zeit zu Beginn der 1990er Jahre erinnert, an die Übergriffe, an die Brandanschläge auf Wohnhäuser und Unterkünfte. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 verweist auf Verschiedenes:(1) auf die verstärkte Ankunft von Geflüchteten seit 2015, die der Täter als Anlass für seine Radikalisierung nannte,(2) aber auch auf die Vereinigung, durch die Ostdeutschland in den Geltungsbereich des Grundgesetzes aufgenommen und bei der Verteilung von Asylsuchenden nach dem Königssteiner Schlüssel einbezogen wurde. Seitdem wurden immer wieder neue Generationen von Zufluchtsuchenden in den ostdeutschen Bundesländern untergebracht.(3) Zum Zeitpunkt des Anschlags wurde in der Synagoge gerade Jom Kippur gefeiert – einer der höchsten jüdischen Feiertage. Dies weist auf eine Präsenz jüdischen Lebens in Ostdeutschland hin, die keineswegs selbstverständlich ist. Die jüdische Gemeinde in Halle wurde in der DDR-Zeit immer kleiner, bis sie fast ganz verschwunden war. Erst ab ca. 1991 begannen die Mitgliederzahlen wieder zu wachsen, weil Jüdinnen und Juden, die aus der zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland eingewandert waren, der Gemeinde beitraten.(4) Dies wiederum verweist auf die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts verstärkt einsetzenden Migrationsbewegungen aus Osteuropa. Auch dort waren Transformationsprozesse im Gange, die von nationalistischen Tendenzen begleitet waren und die viele Menschen jüdischer Herkunft, aber auch Rom_nja zur Migration veranlasst haben. Der deutsche Staat ging sehr unterschiedlich mit diesen Migrationsbewegungen um: Während die Einwanderung von Jüdinnen und Juden – aus dem moralischen Diskurs um Schuld und Verantwortung heraus – gerade gefördert wurde, sollten andere Zufluchtsuchende daran gehindert werden, nach Deutschland zu kommen oder sich dauerhaft hier niederzulassen – etwa durch die Einschränkung des 1 Wissenschaftlich-aktivistischer Austausch, Sprechen und Schreiben sind mit zahlreichen Fallstricken verbunden. Die Tagung„Im Osten was Neues?“ hat dazu noch unter Pandemie-Bedingungen stattgefunden. Vieles, denke ich, hätte anders sein müssen: mehr ostdeutsche BPoC-Perspektiven auf dem Eröffnungspanel, bessere technische Möglichkeiten für die Diskussionsteilnahme der Panelist_innen und eine breitere Einbeziehung von BPoC-Graswurzel-Aktivist_innen aus verschiedenen Ecken Ostdeutschlands(nicht nur durch den Call for Papers, sondern auch durch eine gezielte Ansprache). Zugleich ist mir bewusst, dass die strukturellen Rahmenbedingungen und Ressourcen all dies nicht zugelassen oder zumindest sehr erschwert haben. 37
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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