Druckschrift 
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
Entstehung
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Laura Schrader: 2.4 Empowermentarbeit im Kontext von Rassismuskritik Perspektiven und Erfahrungen der(un)Sichtbar-BI­PoC- Initiative [] Doch dieses Wasser, das Eis Mein Empowerment Meine Auseinandersetzung löscht meinen Durst Nach Liebe Nach Leben Nach Verbindung[] (Auszug aus dem Gedicht 1000 pieces von Stefanie-Lahya Aukongo 2018 1 ) Die(un) Sichtbar BIPoC Initiative ist ein Zusammenschluss von Schwarzen, die sich als Frauen positionieren, in Ostdeutschland aufgewachsen sind, hier leben und biographische Bezüge zur DDR haben. Die Schreibweise(un) Sichtbar ist bewusst gewählt, um unser Anliegen zu verdeutlichen: Heraustreten aus der un­gewollten Unsichtbarmachung hin zum Sichtbarwerden- und-bleiben(!) unserer Perspektiven, Forderungen und Ziele. Von Beginn an ging es uns um das Sicht­barmachen der Arbeit, der politischen Kämpfe und Widerstände, der Selbstver­ständnisse und der vielfältigen Lebenswege Schwarzer Menschen und People of Color. Uns ist es wichtig, dass wir unsere Themen selbst setzen und Öffentlichkeit herstellen. Wir bieten vor allem FLINTA of Color und Schwarzen FLINTA eine Bühne. Mit unserer Arbeit wollen wir insbesondere BIPoC in Ostdeutschland zusammen­bringen und der vielfach erfahrenen Isolation etwas Kraftvolles entgegensetzen. Die Gründung der(un) Sichtbar BIPoC Initiative 2017 ist das Ergebnis einer intensiven und immer noch anhaltenden individuellen aber auch gemeinsamen Auseinandersetzung mit ungerechten Machtstrukturen in der deutschen Gesell­schaft insbesondere mit Rassismus sowie mit dem persönlichen und kollek­tiven Empowermentprozess. Die Gründung war eine notwendige Reaktion auf die kontinuierliche rechte Gewalt und rassistisch motivierten Angriffe in Ostdeutsch­land, die Bestandteil unseres Aufwachsens waren. Es war eine notwendige Re­aktion auf die damit verbundene Wut und Trauer darüber, von weiten Teilen der Gesellschaft weder wahr- noch ernst genommen zu werden, obwohl die Anschläge 1 Stefanie-Lahya Aukongo, Buchstabengefühle Eine poetische Einmischung.(Berlin: w_orten& meer, 2018). 56 2. Jenseits des Mainstreams I auch uns galten. Es war eine notwendige Reaktion darauf, viel zu lange von den Leben, Geschichten und Erfahrungen unserer nicht-weißen Familien abgeschnit­ten worden zu sein und dem Unsichtbarmachen ein Ende zu setzen. Das bewusste Auslöschen migrantischer-BIPoC Lebensrealitäten und ihrer Erzählungen gehört zu den Mechanismen eines auf Unterdrückung beruhenden Gesellschaftssystems. Sich dagegen zu wehren, ist elementarer Bestandteil von Empowermentarbeit im machtkritischen Kontext. Aus diesem Grund haben wir uns organisiert. Wir wollen eine Lücke schließen, die es in der mehrheitlich weißen antirassistischen und feministischen Arbeit in unserem Umfeld gibt: Es fehlen die migrantischen-BIPoC Perspektiven und Stimmen innerhalb verschiedener Gruppen. Deshalb entschie­den wir uns, selbst aktiv zu werden, uns mit weiteren rassismuserfahrenen Per­sonen zusammenzuschließen, um zu zeigen: Es gibt sehr wohl selbstorganisierte rassismuskritische BIPoC Aktivist_innen in Ostdeutschland. Vor diesem Hintergrund verfassen wir dieses Statement. Uns ist bewusst, dass auch wir nur aus einer eingeschränkten Perspektive über Empowerment schreiben können und weitere wichtige Sichtweisen in diesem Text fehlen. Wir finden es wichtig, die Erzählungen von Migrant_innen und ihren Familien über die DDR und den(Wieder-)Vereinigungsprozess zu hören. Sie sind ebenfalls eine wertvolle Dokumentation der deutschen Geschichte und müssen in die Öffent­lichkeit. Die Beiträge der Tagung geben der Vielfalt ostdeutscher Lebenswege und-realitäten Raum und ermöglichen es, von nur lückenhaft dokumentierten Geschichten zu erfahren. Sie machen Mut, noch mehr Zeit und Energie in die Re­cherche weiterer Erzählungen zu investieren und noch mehr Puzzlestücke zusam­menzusetzen. Die Themenkomplexe DDR und Migration sind eng verbunden mit unseren Biogra­phien. Unsere Elternteile sind aus den so genannten sozialistischen Bruderstaaten (warum nicht Geschwisterstaaten?) in die DDR migriert, um hier eine Ausbildung zu absolvieren oder um zu studieren. Trotz der familiären Verbindungen gibt es aufgrund verschiedener staatlicher Entscheidungen zu wenig Wissen über das Leben dieser Elternteile, zum Beispiel weil sie als Vertragsarbeitende nach Ablauf ihres Vertrages in ihre Herkunftsländer zurückkehren mussten und ein gemeinsa­mes Leben nicht mehr möglich war. Eine Konsequenz, die daraus folgte, war, dass wir wie viele in einem weißen Umfeld aufwuchsen, das nicht rassismuskritisch genug war, um uns auf das, was kommen sollte, vorzubereiten. 57