Lydia Lierke: 4.1 Erinnern stören – migrantische und jüdische Perspektiven auf den Mauerfall Buchvorstellung 1 Am 9. November 1989 wurde die innerdeutsche Grenze geöffnet, woraufhin sich ein Jahr später die Deutsche Demokratische Republik auflöste und als fünf neue Bundesländer in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert wurde. Das Datum markiert einen Wendepunkt der deutschen Geschichte, indem es die Nachkriegsordnung, die Trennung zwischen Ost- und Westdeutschland aufgehoben hat. Den selbsternannten„sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat“ der DDR gibt es seit über dreißig Jahren nicht mehr. An Ostdeutschland erinnern die rassistischen Pogrome in Hoyerswerda und Rostock Lichtenhagen und Abwicklungsprozesse durch die Treuhand. Versuche, die inneren Logiken der damaligen Gesellschaft, ihre Weltanschauungen und Widersprüche nachzuvollziehen, wurden im Feld politischer Aushandlungen lange Zeit ignoriert. Erst seit einigen Jahren betrachten journalistische und wissenschaftliche Beiträge die Aufarbeitung der DDR-Geschichte wieder vertieft als ein komplexes Gefüge von Gesellschaft und Politik, um Antworten auf rechte Bewegungen und Wahlerfolge rechter Parteien zu finden, die in Ostdeutschland vergleichsweise groß sind. Doch vor allem seit dem 30. Jubiläum der sogenannten Wiedervereinigung 2 meldeten sich vermehrt diejenigen zum Systemwechsel zu Wort, die im gesamtdeutschen Narrativ bislang kaum beachtet wurden. Migrantische, Schwarze, jüdische und queere Menschen bringen durch ihre postmigrantischen Analysen auf den Mauerfall den gesellschaftlichen Diskurs über das deutsch-deutsche Einheitsnarrativ ins Wanken. Viele dieser unterschiedlichen und marginalisierten Perspektiven versammeln sich in unserem Buch„Erinnern stören – der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“(2020): 1 Die Tagung schließt an unseren Sammelband„Erinnern stören – Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“(2020) an, der im Folgenden vorgestellt werden soll. Das Buch versammelt biographische und wissenschaftliche Beiträge von Migrant_innen, BPoC und Jüdinnen und Juden aus Ost-und Westdeutschland, deren Analysen im Rahmen dieser Tagung besprochen wurden. Der Beitrag auf diesem Panel bot eine Darstellung und Diskussion darüber, wie intersektionale und intergenerationale Perspektiven miteinander multidirektional in Beziehung gebracht werden können und wie sich diasporisches, migrantisches Leben in Deutschland durch die deutsch-deutsche Vereinigung veränderte. 2 Da der Begriff„Wiedervereinigung“ die falsche Vorstellung von einer Rückkehr zu nationalstaatlicher und historischer Kontinuität vermittelt, verzichte ich im weiteren Verlauf dieses Beitrags auf den Begriff und verweise stattdessen auf den prozesshaften Charakter der deutsch-deutschen Vereinigung. 74 4. Erinnerungs-, Gedenk-, Widerstands- und Zugehörigkeitsnarrative „Es bleibt zu sagen: Die Geschichte vor der Wiedervereinigung, die Wendezeit und die Folgejahre sind noch nicht aufgearbeitet. Momentan ist die Geschichte unvollständig und der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung sollte eine Zäsur sein, um die Geschichte zu überdenken. Man hat noch nicht alle Stimmen gehört und dokumentiert, die Perspektiven von allen berücksichtigt, die zu dieser Geschichte beigetragen haben, geschweige denn, sie gewürdigt. Eine gemeinsame Geschichte, in der alle einen würdigen Platz finden, muss noch geschrieben werden.“ 3 Das Zitat stammt von dem Autor Paulino Miguel, der als zwölfjähriger Junge aus Mosambik in die DDR migrierte. Bis zu ihrem Ende war er dort als Vertragsarbeiter tätig und lebt seitdem in der BRD. Er artikuliert eine Perspektive und Aufforderung, der wir – die Projektverantwortlichen Massimo Perinelli und ich – mit unserer Arbeit nachgehen wollen, weil Analysen wie seine im gesellschaftlichen Diskurs weitestgehend ungeachtet blieben. Mit dem Projekt der Rosa Luxemburg Stiftung„Erinnern stören – Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“ machen wir es uns zur Aufgabe, die Erfahrungen und Vermächtnisse derjenigen zu sammeln, die die deutsche Vereinigung als gewaltvolle Zäsur erlebten. Das Projekt versammelt Biografien und Analysen über migrantisches, nicht-weißes und jüdisches Leben in Ost- und Westdeutschland im Moment des Mauerfalls. In der Verflechtung der unterschiedlichen Zugänge und Perspektiven widmet es sich außerdem der Neuorientierung und dem Überleben all jener Protagonist_innen unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges in den 1990er Jahren. Ziel unserer Arbeit ist es, ausgegrenzte Perspektiven auf die deutsch-deutsche Vereinigung wieder sichtbar zu machen und an die Kämpfe um Teilhabe in den 1970er und 1980er Jahren, an einschneidende Erlebnisse um die Transformationszeit und an die Selbstbehauptung gegen den Rassismus der 1990er Jahre zu erinnern. Schließlich entstanden aus einem eineinhalbjährigen Prozess zwei Arbeiten, welche sich durch unterschiedliche Formate ergänzen und aufeinander verweisen: Zum Ersten führt der im Oktober 2020 erschienene Sammelband 4 zahlreiche migrantische, Schwarze, jüdische und Sinti_zze und Rom_nja Stimmen zusammen und thematisiert die deutsche Vereinigung, ihre Vorgeschichte und ihre Auswirkungen in West- und Ostdeutschland aus ihren jeweiligen Positionen heraus. Begleitend 3 Paulino Miguel, Tagebuch: Ein Mosambikantischer Vertragsarbeiter erinnert sich. Berlin: Verbrecher Verlag, 2020, 300–301. 4 Lydia Lierke und Massimo Perinelli, Erinnern stören- der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecher Verlag, 2020. 75
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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