zum Mauerfall als verbindendes Moment hervortreten und solidarische Bezüge sichtbar machen. Damit wollen wir ein Angebot für eine Lesart schaffen, die dabei helfen kann, historische Bezüge herzustellen und Leerstellen erkenntlich zu machen, die sinnstiftend für die postmigrantische Gesellschaft – auch in Ostdeutschland – sind. Literatur: Lierke, Lydia und Massimo, Perinelli. Erinnern stören – der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecher Verlag, 2020. Miguel, Paulino.„Paulinos Tagebuch: Ein Mosambikantischer Vertragsarbeiter erinnert sich.“ In Erinnern stören Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive, herausgegeben von Lydia Lierke und Massimo Perinelli, 299–319. Berlin: Verbrecher Verlag, 2020. Rothberg, Michael. Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization. Stanford: Stanford University Press, 2009. Clara-Rose Parson, Julian Ibrahim Reich: 4.1 Fragmente der Kontinuität – Widerstandsgeschichte von BIPoC in Deutschland Widerstand Schwarzer Menschen in Deutschland steht in einer Tradition, die bereits mit den Kämpfen gegen europäische Kolonialherrschaft begann: Von Befreiungskämpfen in den Kolonien, Aktivitäten in Schwarzen Gewerkschaften im Deutschland der späten 1920er Jahre und Straßenkämpfen sowie Demonstrationen der 1980er Jahren bis heute. Seit Jahrzehnten schaffen Schwarze Menschen und Menschen of Color eigene Räume und gründen Bewegungen, um ihre Forderungen an die Öffentlichkeit zu tragen und durchzusetzen. 1 Wir wollen in diesem Beitrag einen Ausschnitt der Geschichte vor allem Schwarzer Widerstandsbewegungen erzählen, ihre Kontinuitäten und Schnittmengen finden sowie ihre jetzige Entwicklung aufzeigen. In den ehemaligen Kolonien wehrten sich die Menschen gegen die Gewaltherrschaft der Deutschen, wobei sich ihre Kämpfe keineswegs fern der deutschen Gesellschaft abspielten. 1904 verteidigten sich die Herero und Nama militant gegen die Besatzung und Enteignung ihres Landes durch die deutsche Kolonialherrschaft. Im Zuge dieses Krieges verübten die Deutschen den ersten Genozid des 1 Vgl. Opitz May, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz, Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte(Frankfurt a.M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1997). 78 4. Erinnerungs-, Gedenk-, Widerstands- und Zugehörigkeitsnarrative 20. Jahrhundert an den Herero und Nama. Bis heute hat der deutsche Staat keine Entschädigungen an die Überlebenden und Hinterbliebenen gezahlt. 2 Im heutigen Kamerun versuchten mehrere Könige und deren Abgesandte, die deutsche Regierung und Gesellschaft mit Petitionen und Auslandsbesuchen zu erreichen und dafür zu sorgen, dass die Grausamkeiten der deutschen Gouverneure in den sog. Schutzgebieten des Kaiserreiches unterbunden werden. Einer der bekanntesten Freiheitskämpfer Kameruns war König Douala Manga Bell. Manga Bell kämpfte gegen den Versuch der Deutschen, die Douala aus ihrem traditionellen Siedlungsgebiet am Fluss Wouri zu vertreiben. Dabei versammelte er zum einen Könige verschiedener angrenzender Völker hinter sich, um sich gegen die Besatzung zu organisieren. Zum anderen schrieb er aber auch mehrere Telegramme an den deutschen Reichstag, sandte seinen Vertrauten Ngosso Din als Vertreter der Douala nach Deutschland und initiierte Petitionen. Dies führte zu einer hitzigen öffentlichen Debatte in Deutschland über die Zustände in den Kolonien. Die deutsche Regierung reagierte letztendlich mit Gewalt und zerschlug so den friedlichen Widerstand Manga Bells. Manga Bell wurde 1914 von den Deutschen wegen Hochverrats zum Tode am Strang verurteilt. Die Douala wehrten sich auch nach seinem Tod, indem sie sich als Folge dieser Gewalt im Ersten Weltkrieg mit England verbündeten. 3 Und nicht nur in den Kolonien wurde gekämpft, auch hier in Deutschland organisierten sich Schwarze Menschen. Schon 1918 wurde der Afrikanische Hilfsverein in Hamburg gegründet, um sich gegenseitig sozio-politisch zu unterstützen. 4 In diesem war auch schon der aus dem heutigen Kamerun stammende Kommunist Joseph Bilé Mitglied, welcher Ende der 1920er mit anderen aus Kamerun stammenden Genoss_innen den Verein„Liga zur Verteidigung der[N_rasse]“(LzVN) gründete. 5 1930 trat der 1902 in Trinidad geborene Publizist und panafrikanische Aktivist George Padmore auf die deutsche Aktivist_innen-Bühne. Er sollte später Bilés Mentor werden. Er gründete die Monatszeitung„The Negro Workers“ und organisierte im Juli 1930 das Netzwerk„International Trade Union Committee of Negro Workers“ in der Roten Gewerkschafts-Internationale in Hamburg. Dort vernetzten und organisierten sich Schwarze Aktivist_innen international. Sei es die LzVN oder 2 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung,„Aus Politik und Zeitgeschichte: Deutsche Kolonialgeschichte,” Das Parlament 69, 40-42(2019). 3 Vgl. Ulrike Hamann,„Prekäre koloniale Ordnung“(Dissertation). 4 Vgl. Philipp Koepsell und Robbie Aitken,„Founding An African Self-Help Association(1918), herausgegeben von Irina Nekrasow, Zwischen Ausbeutung Und Ausweisung: Migrantische Arbeitskämpfe in Ost Und West, https://www.prager-fruehling-magazin.de/de/article/1553.zwischen-defunding-und-abschaffung.html (abgerufen am 16.08.2020). 5 Vgl. Robbie Aitken,„Berlins Schwarzer Kommunist: Joseph Bilé, Die Komintern Und Der Kampf Für Die Rechte Der Schwarzen,“ Roxa Luxemburg Stiftung, https://www.rosalux.de/publikation/id/40552#_ftn1(abgerufen am 29.11.2020). 79
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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