Druckschrift 
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
Entstehung
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Lisa Bendiek, Sok Kierng Elisa Ly, Danilo Starosta: 8.1 Von Zukunft keine Ahnung Wie die sächsische Ju­gendhilfe Migrant_innen und BIPoC übersieht 1 In diesem Beitrag versuchen wir, mehrere unserer Arbeitsgebiete zusammenzu­bringen. Einerseits beschäftigen wir uns seit Jahren mit der Aufarbeitung des NSU­Komplexes in Sachsen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf einer Analyse von Jugendarbeit in der Transformationsgesellschaft. Andererseits führen wir seit 2019 eine Feldforschung durch, bei der es um die Bedürfnisse von jungen Menschen in Flucht- und Migrationskontexten gegenüber der Jugendhilfe in Sachsen geht. Im Vergleich unserer Erkenntnisse aus diesen beiden Arbeitsfeldern wird deut­lich, dass die sächsische Jugendhilfe Migrant_innen und BIPoC seit mindestens 30 Jahren systematisch vernachlässigt hat. Jugendarbeit in der Transformationsgesellschaft Ein Förderprogramm, das die Jugendarbeit in der Transformationsgesellschaft und auch darüber hinaus die Strukturen der Jugendhilfe in Sachsen maßgeblich geprägt hat, war dasAktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt(AgAG). Dieses Bundesmodellprogramm wurde 1992 von der damaligen Bundesfamilien­ministerin Angela Merkel ins Leben gerufen und lief bis 1996. Es war eine Reaktion auf die zahlreichen gewalttätigen Angriffe gegenüber Migrant_innen in den Neuen Bundesländern, die Anfang der 1990er Jahre von jungen, sich zur Gewaltausübung organisierenden, weißen Männern ausgingen. Das AgAG verfolgte offiziell zwei Ziele: die Bekämpfung von Jugendgewalt sowie den Aufbau von Strukturen der Jugendhilfe in den Neuen Bundesländern. Das Programm bot Finanzierung für eine Vielzahl pädagogischer Angebote. Die Zielgruppen der AgAG-Projekte waren vor allem gewaltbereite und rechtsextreme Jugendliche, vereinzelt auch linke Jugend­liche. 2 An der Praxis der AgAG-Projekte gab und gibt es viel Kritik. Das AgAG stellte jungen Neonazis eine Infrastruktur und Ressourcen zur Verfügung. So konnten z.B. Neo­nazi-Bands kostenlos Proberäume in AgAG-Jugendclubs nutzen. Teilweise wurden 1 Sowohl unser Vortrag als auch dieser Text basieren auf der gemeinschaftlichen Arbeit des Teams der Fachstelle Jugendhilfe des Kulturbüro Sachsen e.V.: Lisa Bendiek, Sok Kierng Elisa Ly und Danilo Starosta. Alle drei Kolleg_innen haben dazu einen gleichwertigen Beitrag geleistet. 2 Vgl. Bohn, Irina und Richard Münchmeier. Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt AgAG Doku­mentation des Modellprojekts Band 1. Münster: Votum, 1997. Kleffner, Heike. Die Leerstelle in der Fach­diskussion füllen. Sozialarbeit und der NSU-Komplex. Berlin/ Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2015. https://www.bpb.de/apuz/212367/sozialarbeit-und-der-nsu-komplex?p=all(abgerufen am 03.02.2020). 142 8. Rassismus und Empowerment in Ostdeutschland ihre Instrumente mit staatlichen Fördergeldern bezahlt. Diese Unterstützung neonazistischer Jugendlicher mit sozialpädagogischen Ressourcen führte nicht zu einer De-Radikalisierung der Individuen, sondern zu einer Stärkung rechter Jugendszenen. Die politischen Einstellungen der Jugendlichen veränderten sich nämlich nicht durch ihre Teilnahme an AgAG-Angeboten. 3 Im Folgenden betrachten wir drei Aspekte der Arbeit im AgAG näher: die Qualifi­kationen und Erfahrungen der dort beschäftigten Pädagog_innen, pädagogische Diskurse über die Zielgruppen und der Umgang mit Schutzräumen in der pädago­gischen Arbeit. Pädagog_innen im AgAG Die meisten Sozialarbeiter_innen in der Transformationsgesellschaft waren Menschen, die in Folge der Wiedervereinigung ihren bisherigen Arbeitsplatz ver­loren hatten. Die Mehrheit verfügte weder über eine formale Qualifikation noch über praktische Erfahrung, die sie angemessen auf die Offene Arbeit mit rechten Jugendlichen vorbereitet hätten. 4 Aus der Statistik über die Qualifikationen der Mitarbeiter_innen aller AgAG-Projekte geht hervor, dass 51% überhaupt keinen pädagogischen Abschluss besaßen. Von den verbleibenden 49% waren 40% Er­zieher_innen, 19% Lehrer_innen, 28% Sozialarbeiter_innen und 11% Diplom-Pä­dagog_innen. 5 Die meisten professionellen Pädagog_innen kamen also aus ganz anderen Arbeitsfeldern, vor allem aus dem Bereich der frühkindlichen Bildung. So überrascht es nicht, dass sich die meisten Mitarbeiter_innen der AgAG-Projek­te von ihrem neuen Arbeitsfeld überfordert fühlten. 6 Nicht nur die pädagogische Arbeit selbst, sondern auch die Rahmenbedingungen waren äußerst schwierig: Die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter_innen war befristet beschäftigt, viele im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auf sogenannten ABM-Stellen und sie wussten, dass sie geringe Chancen auf eine bessere Stelle hatten. Außerdem erhielten sie kaum Zugang zu Supervision, fachspezifischer Weiterbildung und berufsbegleitenden Studiengängen. 7 3 Vgl. Bohn, Irina und Richard Münchmeier. Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt AgAG Doku­mentation des Modellprojekts Band 1. Münster: Votum, 1997. 4 Vgl. Ilona Weber, Chancen und Grenzen desakzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit, 13. Bohn/ Münchmeier, Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt AgAG, 162–178. 5 Vgl. Weber, Ilona. Chancen und Grenzen desakzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit. Berlin: Zent­rum demokratische Kultur, 1999. https://we.riseup.net/assets/145824/ZDK%20Keine-Akzeptanz-von-Intole­ranz2. pdf(abgerufen am 18.05.2020). 6 Vgl. Ilona Weber, Chancen und Grenzen desakzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit, 13. 7 Vgl. Irina Bohn und Richard Münchmeier, Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt AgAG, 46, 151, 170–72. 143