Druckschrift 
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
Entstehung
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zur Deeskalation sowie als Möglichkeit der Selbstverteidigung und Verteidigung anderer. Jedoch war Alberto immer wieder beim Boxen sowie im Arbeitsalltag mit dem Rassismus in der Gesellschaft konfrontiert. Zu Zwecken des Selbstschutzes, erzählte er, mussten sich er und seine Kolleg_in­nen of Color in der Öffentlichkeit in Gruppen bewegen. Während im Arbeitskontext und in der Gesellschaft der Kontakt zu DDR Bürger_innen unterbunden wurde, hatte Alberto zumindest im Verein weiße Freund_innen. Alberto erzählte, dass alle im Verein seine Freund_innen waren, weil er für den Verein Punkte machte. Alberto hat unter anderem in Dresden, Wismar, Weimar und Erfurt geboxt. Mit rassistischen Beleidigungen war er überall konfrontiert, besonders schlimm war es jedoch in Dresden, merkte er an. Rassistische Beleidigungen vor und während der Kämpfe und die Wut, die diese erzeugen, hatte Alberto für sich genutzt, um die Kämpfe zu gewinnen. Nach einem Sieg mussten ihn seine Kolleg_innen jedoch vor Angriffen durch Rechtsextreme schützen. Im Arbeitskontext hatten Kolleg_innen kein Interesse an ihm und migrantischen Kolleg_innen als Menschen, sondern nur als hart arbeitende Arbeitskräfte. In den Pausen saßen Alberto und seine Kolleg_innen of Color nicht an denselben Tischen wie die weißen Kolleg_innen und nach der Arbeit ignorierten Kolleg_in­nen ihn, wenn sie ihm auf der Straße begegneten. Wenn er und andere Vertrags­arbeiter_innen die weißen Kolleg_innen mit den Vorfällen des Ignoriert-Werdens konfrontierten, leugneten die Kolleg_innen diese mit Behauptungen wieDas war ich nicht, den ihr gesehen habt. Vielleicht war es mein Bruder. Er erzählte, dass es ein großes Unwissen bzw. Ignoranz, Vorurteile und Neid gegenüber migrantischen Vertragsarbeiter_innen gab, da angenommen wurde, sie hätten mehr Privilegien als DDR-Bürger_innen. Gerade in Berlin seien Nazis laut und sichtbar gewesen. Die Volkspolizei interessierten Vorfälle von rassistischer Beleidigung und Gewalt kaum, obwohl sie an jeder Ecke standen, fügte Alberto hinzu. Um die Vertrags­arbeiter_innen habe sich keiner gekümmert. Auch gab es keine Organisation, die sich um die Belange der Vertragsarbeiter_innen sorgte. Den Mauerfall habe er aufgrund einer Verletzung aus dem Charité Krankenhaus über das Fernsehen verfolgt. Einige Tage nach dem Mauerfall wurde er entlassen und machte sich mit Freund_innen auf den Weg nach Westberlin. Dort wurde ihm das Begrüßungsgeld mit der BegründungDas Geld ist nicht für euch abgespro­chen. Zwei Jahre später stellte er jedoch fest, dass er doch Anspruch auf das Geld gehabt hätte. Die 1990er waren für ihn vor allem geprägt durch rechtsextreme Bewegungen und rassistische Angriffe auf u.a. Schwarze Menschen und Vietnames_innen. Die Neunziger betitelte Alberto mit der AussageAusländer raus! Deutschland den 154 8. Rassismus und Empowerment in Ostdeutschland Deutschen!. 1990 lebte Alberto in Schwedt und erzählte davon, wie Schwarze Menschen und Vietnames_innen dort zusammengeschlagen wurden und die Stadt verlassen mussten. Auch Alberto war mit rassistischen Aussagen und Angriffen konfrontiert, wie u.a. Behauptungen, dass er nicht hierher gehöre. 2011 muss­ten er und seine Familie die Stadt aufgrund andauernder rassistischer Angriffe und Morddrohungen verlassen. Als seine Kinder immer mehr von Rassismus und rassistischer Gewalt bedroht waren, zog er mit seiner Familie über Stuttgart nach Karlsruhe, wo er zwar weiterhin Rassismuserfahrungen machen musste, aber grundsätzlich seien da die Menschen freundlich gewesen, erzählte er. Diese Erfahrungen tragen bis heute Folgen mit sich. Unter anderem entschieden sich seine Kinder dazu, aus Deutschland zu flüchten und ihr Leben im Ausland fortzuführen. Alberto selbst lebt heute in Berlin und arbeitet mit Migrant_innen und Geflüchteten. Seine Geschichte verarbeitete er in seinem 2014 erschienen BuchIch wollte leben wie die Götter- Was in Deutschland aus meinen afrika­nischen Träumen wurde. Die autobiografische Erzählung wurde u.a. durch die detailreiche Darstellung und den tiefen Einblick in unterschiedlichste Systeme und Kontexte gelobt: Die Passagen der Erinnerung beginnen im Jahre 1963. Sein Leben überspannt historische Phasen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: Kolonial­zeit, Befreiungskampf, Unabhängigkeit, dann Systemwechsel ein Flug und er landet im sozialistischen Bruderland DDR.[] Und dann ein weiterer System­wechsel, den er dieses Mal nicht selber herbeiführt, sondern der von außen über ihn und viele andere hereinbricht die Wende. Der Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten. Damit verbunden der Zusammenbruch nicht nur der sozialen Netze, sondern auch der Verlust der Arbeit und der Lebensgrundlage. 1 Das Buch schafft Unglaubliches 2 steht in einer Rezension. Auch in anderen Re­zensionen findet Albertos autobiografische Erzählung als Zeitzeugnis kolonialer Geschichte sowie DDR-Geschichte Anklang, wie z.B. hier: Es ist eine Geschichte von Optimismus, Durchhaltevermögen, Mut und großer Menschlichkeit, von einer Menge Glück im Unglück- da scheinen die Geister der Vorfahren, die Ibraimo Alberto sein Leben lang begleiten, immer wieder einzu­1 Petra Aschoff,Buchrezension. Rezension zu Ich wollte leben wie die Götter, Ibraimo Alberto. Mosambik­Rundbrief Nr. 89, 2014, S.22. 2 Petra Aschoff.Buchrezension. Rezension zu Ich wollte leben wie die Götter, Ibraimo Alberto. Mosambik­Rundbrief Nr. 89, 2014. 155