greifen- und von den Grenzen, die auch er irgendwann erreicht.[...] Ein ausgesprochen lesenswertes Buch, gerade auch für die Generation, die die Zeit vor der Wende nur vom Hörensagen oder aus dem Geschichtsunterricht kennt.[…] 3 Literatur: Claus Krekeler, Kundenrezension, https://www.amazon.de/product-reviews/3462046241(zugegriffen am 1.06.2021). Petra Aschoff,„Buchrezension“. Rezension zu Ich wollte leben wie die Götter, Ibraimo Alberto. MosambikRundbrief Nr. 89, 2014. Edris Riedel: 8.4 BIPoC-Empowerment und-Widerstand: Erfahrungen aus der Selbst-Organisation in Leipzig In meinem Beitrag nähere ich mich der Thematik, als BIPoC in Ostdeutschland zu leben, über persönliche Erfahrungen an. Ich formuliere dabei Gedanken zur Situation in Leipzig, speziell zum migrantisch geprägten Leipziger Osten. Dabei liegt der Fokus auf unreflektiertes weißes Verhalten im politischen Kontext sowie der Notwendigkeit von Safe Spaces für BIPoC. Politisierung Ich bin geboren und aufgewachsen in Leipzig und habe somit den Wiedervereinigungsprozess in Ostdeutschland miterlebt. Mein Vater kam in den 1980ern aus Kabul nach Leipzig zum Studieren. Der Freundeskreis meines Vaters bestand vor allem aus Afghanen, die sich alle durch das gemeinsame Studium oder durch das Leben in Studierenden-Wohnheimen kennenlernten. Dennoch bin ich vor allem weiß sozialisiert. In der Grundschule und im Gymnasium war ich eine der wenigen BIPoC und Rassismus kam im Unterricht sowie im privaten Kontext kaum zur Sprache. Auch mit meinen Eltern oder meiner Schwester war das fast nie ein Thema. Ich kann mich lediglich an eine Situation erinnern, in der mein Vater von einer Schlägerei mit Nazis erzählte. Eine weiße Sozialisation bedeutet für mich demnach, damals wie heute, die Ignoranz der weißen Mehrheitsgesellschaft in Bezug auf ihre eigenen rassistischen Verhaltensweisen. Außerdem wurde und wird 3 Claus Krekeler,„Kundenrezension“, https://www.amazon.de/product-reviews/3462046241(zugegriffen am 1.06.2021). 156 8. Rassismus und Empowerment in Ostdeutschland die Perspektive von BIPoC oder migrantisch markierten Personen weitestgehend ignoriert. Meine weiße Sozialisation führt dazu, dass ich negative Erfahrungen in meiner Kindheit bzw. Jugend nie mit Rassismus assoziiert habe(Content Notice: häusliche Gewalt). Allerdings war für die meisten negativen Erfahrungen mein Vater verantwortlich, der cholerisch und gewalttätig war. Ich war einerseits eine betroffene Person und andererseits Zeuge seiner Gewalt an Familienangehörigen. Ich habe das Gefühl, dass vor allem während meiner Jugend, in der ich oft geschlagen wurde und ich mich immer mehr zurückzog, mein Selbstwertgefühl am Boden war. Überhaupt kein Platz war für die Auseinandersetzung mit meinem Andersaussehen vorhanden. Ich war viel zu sehr mit dem Struggle mit meinem Vater beschäftigt. Die Ablehnung meines Vaters als Person führte bei mir dazu, dass ich viele Aspekte seiner Herkunft wie Religion, Sprache und die Zugehörigkeit zu afghanischen Communitys ebenso ablehnte. Das Interesse daran wuchs erst die letzten Jahre; lange Zeit nachdem ich von Zuhause ausgezogen war. Erst seit zwei bis drei Jahren beschäftige ich mich mehr mit marginalisierten Gruppen in der Gesellschaft und damit auch mit dem Rassismus, der mir entgegenschlägt, sowie jenem, der mir an-sozialisiert wurde. Meine Politisierung geschah vor allem durch meine Schwester, mit der ich viele Gespräche über feministische, queere und antirassistische Perspektiven führte, und der ich für diese Arbeit sehr dankbar bin. Sie ist zwar jünger als ich, aber eigentlich meine große Schwester. Durch ihren Input wuchs bei mir der Wunsch heran, mich ebenfalls einzubringen und politisch aktiv zu werden. Ich merkte schnell, dass ich lieber BIPoC-only-Gruppen ausprobieren wollte, auch weil mir BIPoC in Gesprächen von rassistischen Erfahrungen in weißen linken Gruppen berichteten. Mein Umzug in den Leipziger Osten, der Arbeits- und Wohnort für viele BIPoC ist, hing ebenso mit meiner Politisierung zusammen, da ich mich jetzt unter nicht- Weißen wohler fühle. White left groups Ab einem bestimmten Zeitpunkt war für mich klar, dass ich politische Arbeit machen will. Über die Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass Gespräche mit Weißen über Rassismus mich eher wütend und traurig machen oder dass ich eher enttäuscht bin, als dass sie mich aufbauen, empowern oder motivieren. Ich habe kein Verständnis dafür, dass BIPoC dafür kämpfen müssen, dass ihre Perspektiven auf rassistisches Verhalten, institutionellen Rassismus oder rassistische Morde anerkannt und somit wertgeschätzt werden. Die Perspektiven und Forderungen von BIPoC müssen priorisiert werden; gesamtgesellschaftlich und auch in politischen Gruppen. Neben Erzählungen von anderen BIPoC habe auch ich zu häufig negative Erfahrungen in weißen linken Gruppen gemacht. Ein Beispiel dafür ist das„project shelter“ in Frankfurt/Main, das Schlafplätze und Essen für wohnungslose Geflüch157
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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