Matilde Heredia: 10.1 Darstellung von BIPoC in Kinderbüchern in Zeiten der DDR und heute – Perspektive der historischkritischen Pädagogik Kimani 1 Kimanis Haut ist glatt und braun, so glänzend und braun wie die gebrannten Kaffeebohnen. Nur die Innenflächen seiner Hände und seiner Fußsohlen schimmern hell wie eure. Kimani ist ein Afrikaner, und er lebt in Kenia. Die weißen Zähne leuchten in dem dunklen Gesicht, wenn Kimani lacht. 2 Die Beschreibung der Hauptfigur Kimani zu Beginn des Buches von Götz R. Richter (1964) zeigt eine starke Fokussierung auf die äußerlichen Merkmale der Hauptfigur Kimani, was aus heutiger Sicht als rassifizierend zu bewerten ist. Die zentrale Frage dieses Beitrags lautet wie folgt: Wie wurden BIPoC in Kinderbüchern in Zeiten der DDR dargestellt? Hierbei wird eine kritische Betrachtung der BIPoC in zwei Kinderbüchern durchgeführt. Im Vordergrund stehen dabei die Analyse und Reflexion der Kinderliteratur in Zeiten der DDR, mit dem Ziel, die pädagogischen Fachkräfte für diese Thematik in aktuellen Kinderbüchern und im pädagogischen Kontext von heute zu sensibilisieren. Rassismus in Kinderbüchern und Kindergeschichten ist keine Seltenheit. Lustige Geschichten mit starken Figuren, die heldenhaft sind und fantastisches erleben, beinhalten oft rassistische Komponenten und reproduzieren rassifizierende sowie kolonialistische Strukturen. 3 Die in dieser Arbeit in den Blick genommenen Kinderbücher zeigen außerdem, dass die erzählten Geschichten als Sprachrohr der sozialistischen Ideologie und Weltsicht der DDR dienten und somit eine 1 Auf den Deckblättern von Götz R. Richters Büchern Kimani(1964) und Kimani in Nairobi(1974) wird Kimani als eine stark stereotypisierte Figur dargestellt. Dieses erste Bild zeigt zentrale Merkmale von Kimanis Figur, die in den darauffolgenden Erzählungen bestätigt werden. Kimani ist dunkelhäutig, ist schlicht angezogen und wird barfuß gezeichnet. Diese hier kurz erläuterten Merkmalen weisen auf eine Außenseiterrolle der Figur hin. 2 Götz R. Richter, Kimani(Berlin: Der Kinderbuchverlag, 1964), 5. 3 Vgl. Maureen Maisha Eggers,„Rassifizierung und kindliches Machtempfinden. Wie schwarze und weiße Kinder rassifizierte Machtdifferenz verhandeln auf der Ebene von Identität,“(Dissertation, 2005), https:// macau.uni-kiel.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dissertation_derivate_00002289/Dissertation_Maureen_ Eggers.pdf(abgerufen am 11.10.2020); vgl. auch Eske Wollrad,„Rassismus in Kinderbüchern“ in Diakonie Düsseldorf, Sachgebiet Integration, Migration und Flucht, herausgegeben von Daniela Bröhl(Düsseldorf: Integrationsagentur der Diakonie Düsseldorf, 2014), 10–16; vgl. auch Jens Mätschke,„Rassismus in Kinderbüchern: Lerne, welchen Wert deine soziale Positionierung hat!,“ in Rassismus und Widerstandsformen, herausgegeben von Karim Fereidooni und Meral El(Wiesbaden: Springer Fachmedien, 2017), 249–268. 180 10. Un-/Sichtbarkeit und Mit-/Selbstbestimmung von Migrant_innen... Kommunikationsfunktion im sozialistischen Kontext hatten: anhand kindgerechter Geschichten Kinder und ihre Familien ideologisch anzusprechen bzw. in diesem Sinne zu beeinflussen. Zunächst wird das Buch Kimani genauer untersucht. Beim Lesen von Kimani ist deutlich zu erkennen, dass dieses Buch verschiedene Ebenen beinhaltet, die in Verbindung zueinander stehen. Eine Ebene beinhaltet Kimanis Erlebnisse und eine weitere Ebene beinhaltet die politische und sozialistische Perspektive der DDR, die in der Erzählung implizit vertreten ist. Auf den verschiedenen Ebenen sind rassifizierende Aspekte zu finden, wie die Hautfarbe oder die Darstellung des Exotischen als literarische Erzählung, die wiederum in eine grundlegende Erzählstruktur eingebettet sind und den Sozialismus als Antwort auf den Kapitalismus und/oder Kolonialismus behandeln. 4 Die Hauptfigur ist Kimani, ein schwarzer Junge aus Kenia/Afrika, der auf dem Land lebt, nicht zur Schule geht und die kleinen Ziegen der Familie hütet. Kimani lebt mit seiner Familie ein einfaches Leben, das von Geldmangel und Knappheit geprägt ist. Er träumt von einem besseren Leben und davon, reich zu werden. Durch die Figur von Mister Morris, ein englischer Farmbesitzer, der seine Farm mittlerweile verkauft hat und zurück nach England gegangen ist, wird Position gegen den Kolonialismus bzw. Kapitalismus bezogen. 5 Die Darstellung der rassifizierenden Elemente dieses Buches erfolgt anhand von Dualitäten wie schwarz/weiß, gut/böse, arm/reich, England/Kenia oder Kapitalismus/Kolonialismus bzw. Sozialismus. Die Beschreibung von Kimanis schwarzer Haut, die„wie geröstete Kaffeebohnen“ 6 aussieht, steht der Charakterisierung des Äußeren der Weißen gegenüber, die beispielsweise anhand von einer Entmenschlichung durch Tiervergleiche erfolgt. Die Tochter von Mister Morris wird wie folgt dargestellt:„Ihr sehr weißes Gesicht war schmal und lang und sah dem einer Ziege nicht unähnlich“. 7 In der Erzähllinie des Buches Kimani wird eine Parallelität zwischen der sozialistischen Weltsicht der DDR und Kimanis Schicksal geschaffen, da er, seine Familie und das ganze Dorf das eigene Land von den Kapitalisten bzw. Kolonialisten zurückbekommen haben. 8 Die rassifizierenden Elemente scheinen innerhalb dieser Struktur eine sekundäre Rolle zu spielen und wirken dadurch naturalisierter oder als„Ist-Zustand“. Es handelt sich dabei oft um eine plakative Konstruktion und stark stereotypische Figuren sowie parallele Lebenswelten, die u.a. Maureen Maisha Eggers bereits anhand des 1986 erschienenen Buches Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren ausführ4 Vgl. Maureen Eggers et al., Mythen und Masken. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland(Münster: Unrast, 2017). 5 Vgl. Richter, Kimani, 14 f. 6 ebd., 5. 7 ebd., 15. 8 In Kimanis Erzählung wird anhand der Figur von dessen Großvater auf die Befreiung Kenias von den Engländern 1960 sowie die Kämpfe zwischen Kenianern und Landbesitzern aus England hingewiesen, vgl. Richter, Kimani, 33 f. 181
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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