FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – UNTERNEHMEN UND MENSCHENRECHTE 4. UK MODERN SLAVERY ACT 2015 Der UK Modern Slavery Act 2015 verpflichtet Unternehmen, über ihre Maßnahmen der Bekämpfung von Sklaverei und Menschenhandel zu berichten. 87 Das Gesetz implementiert zunächst neue Straftatbestände der Sklaverei, Leibeigenschaft sowie der Zwangs- und Pflichtarbeit im britischen Recht. 88 Außerdem enthält das Gesetz Schutzbestimmungen für Betroffene von Sklaverei und Menschenhandel und führt das Amt einer/s unabhängigen Anti-Sklaverei-Kommissarin/Kommissars sowie weitere Maßnahmen ein. 89 Aufgabe der/s Anti-Sklaverei-Kommissarin/Kommissars ist es, auf die Vorbeugung gegen sowie Aufdeckung und Strafverfolgung von Sklaverei und Menschenhandel hinzuwirken und Opfer dieser Taten zu ermitteln. Er/sie hat einen strategischen Plan zu erstellen und mit dem Innenministerium abzustimmen und wird von den Exekutivbehörden unterstützt (§§ 40–44). Im sechsten Teil des Gesetzes(§ 54) werden Unternehmen zur Veröffentlichung eines jährlichen Berichts (slavery and human trafficking statement) verpflichtet. Unternehmen sollen über die Maßnahmen berichten, die sie getroffen haben, um Sklaverei und Menschenhandel in ihren Lieferketten oder Unternehmensteilen zu bekämpfen(§ 54(4)). Die Berichte sind für Geschäftsjahre zu veröffentlichen, die ab dem 31.3.2016 enden, und zwar schnellstmöglich nach Ablauf des Geschäftsjahres, d. h. in der Regel binnen sechs Monaten. 90 nen ein ernüchterndes Bild: Im Jahr 2018 berichteten die meisten Unternehmen vor allem Absichtsbekundungen, insbesondere Angaben zur Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen sind schwach. 94 Angesichts der Haftungsrisiken wegen unlauterer Werbeaussagen und möglicher Verletzung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen ließ der Gesetzgeber den Unternehmen, ganz ohne Zwang zu konkreten Berichtsinhalten, auch kaum eine andere Wahl. Bemerkenswert ist außerdem, dass der Gesetzgeber sich hinsichtlich der wirksamen Umsetzung des Gesetzes im Wesentlichen darauf verlässt, dass zivilgesellschaftliche Organisationen die Berichte der Unternehmen kritisch prüfen und Mängel öffentlich anprangern, und ihnen die Arbeit keineswegs erleichtert. Struktur, Inhalt und Gestaltung der Berichte, auch mögliche Verweise auf andere Dokumente, überlässt der Gesetzgeber jedem Unternehmen selbst. Zudem fehlt eine offizielle Liste aller berichtspflichtigen Unternehmen und ein offizielles Register, bei dem alle Berichte der Öffentlichkeit mühelos zugänglich wären. 95 Zu beobachten ist allerdings auch, dass der MSA die Entwicklung ähnlicher, aber wirkungsvollerer Gesetze in anderen Ländern beflügelt hat(s. Bericht zu Australien in dieser Studie), aus denen eine von der britischen Regierung eingesetzte Evaluierungskommission nun wiederum Empfehlungen für Nachbesserungen am britischen MSA ableitet. 96 Das britische Parlament will mit dem Modern Slavery Act (MSA) ein level playing field für große Unternehmen schaffen und regelt die Pflichten auch extraterritorial für ausländische Unternehmen. Zugleich hofft die Regierung darauf, dass Unternehmen im Wettbewerb miteinander, aber auch gemeinsam Strategien und Maßnahmen gegen moderne Formen der Sklaverei und den Menschenhandel entwickeln und so ein race to the top in Gang kommt. 91 Die Schwächen des MSA, insbesondere die fehlenden Vorgaben zum Umgang mit komplexen Geschäftsbeziehungen und Lieferketten, werden darauf zurückgeführt, dass der Gesetzgeber den MSA»von oben herab«, ohne nennenswerte Konsultation der Interessengruppen erlassen habe. 92 ADRESSATEN Schon 2010 hatte der britische Gesetzgeber mit dem UK Bribery Act ein extraterritorial ungewöhnlich weitreichendes Gesetz gegen Bestechung geschaffen. 97 Der MSA gilt ebenfalls für zahlreiche ausländische Personen. Der neu geschaffene Straftatbestand des Menschenhandels gilt auch für Personen ohne britische Staatsbürgerschaft und ohne Aufenthaltsort im Vereinigten Königreich: Wer Menschenhandel mit einem Zielort im Vereinigten Königreich betreibt oder dazu beihilft, macht sich, unabhängig von seinem Aufenthaltsort, strafbar(§ 2(7)(b)). Vor dem Hintergrund, dass die Regierung des Vereinigten Königreichs moderne Formen der Sklaverei und den Menschenhandel zu den schlimmsten Verbrechen zählt, wird der MSA von Rechtswissenschaftler_innen als eher schwach eingeschätzt. 93 Auswertungen der ersten Erklärungen zeichDie in§ 54 geregelte Berichtspflicht gilt für Unternehmen, die im Vereinigten Königreich Geschäfte tätigen und selbst oder durch Tochterunternehmen weltweit einen Umsatz von 36 000 000 Pfund erreichen. 98 Die britische Regierung schätzt, dass die Berichtspflicht insgesamt 9 000 Unternehmen betrifft. 99 87 Der Gesetzestext ist verfügbar unter www.legislation.gov.uk/ukpga/2015/30/contents/enacted(aufgerufen am 20.6.2019). 88 Sec. 1–12 UK Modern Slavery Act 2015, Chapter 30, Part 1. 89 Präambel des MSA;§ 40–44: The Independent Anti-slavery Commissioner;§ 45–53: Protection of Victims. 90§ 61(1) MSA i. V. m. Nr. 3 der Einführungs-Verordnung der Secretary of State(Modern Slavery Act 2015(Commencement No. 3 and Transitional Provision) Regulations 2015). 91 UK Home Secretary: 2017, 1.4. 92 Broad / Turnbull 2018: 12. 93 Mantouvalou 2018: 1045. 94 BHRRC 2019. 95 Independent Review of the Modern Slavery Act 2015. 96 Field / Miller / Butler-Sloss 2019: S. 44 Nr. 2.6.3 zur Geltung der Berichtspflichten auch für die öffentliche Hand(Beschaffung). 97 Deister / Geier 2011. 98§ 54(2)(a)(12) MSA und Nr. 2 und 3 der Modern Slavery Act 2015 (Transparency in Supply Chains) Regulations 2015 des Secretary of State. 99 UK Government 2017: Impact Assessment Modern Slavery Act, Transparancy in Supply Chains, S. 2. 24
Druckschrift
Unternehmen und Menschenrechte : gesetzliche Verpflichtungen zur Sorgfalt im weltweiten Vergleich
Entstehung
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten